Reges Interesse am Bildvortrag des Osteuropahistorikes Martin Pavlík


 „40 Jahre sind nur ein Wimpernschlag der Geschichte. Wir stehen erst am Anfang der Aufarbeitung dieser Atomhavarie und nicht am Ende“. So eröffnete der Dorfener Osteuropahistoriker Martin Pavlík in der voll besetzten Kinowerkstatt seinen Bildvortrag angesichts des Tschernobyl-Jahrestages. Er gehört zu den wenigen Menschen in Oberbayern, die die radioaktiv verseuchte, 30 Kilometer große Sperrzone um den sowjetischen Unglücksreaktor im Rahmen seiner wissenschaftlichen Forschungen besuchen konnte. In seinem Vortrag präsentierte Pavlík die Besonderheiten dieses in Europa einzigartigen Gebietes.

Während viele in Deutschland die Ukraine geographisch weit weg wähnen, zeigte der Referent zunächst auf, wie nah uns dieses immer noch unbekannte und durch den russischen Angriffskrieg schmerzlich auf die „Tagesordnung“ gesetzte Land ist.

Pavlík präsentierte eindrucksvolle Bilder der verlassenen Geisterstadt Prypjat, die nach dem Reaktorunglück hastig evakuiert wurde und wie in einer Zeitkapsel erstarrt ist. Wohnungen, Restaurants, Schulen, alles musste zurückgelassen werden und bleibt auf Jahrhunderte unbewohnbar. Ein betoniertes Mahnmal der Nuklearhavarie, gleichzeitig aber ein Paradies für die Tier- und Pflanzenwelt, die sich den vom Menschen aufgegebenen Raum zurückerobert.

Die Geigerzähler schlugen voll aus, als Pavlík unmittelbar am explodierten Reaktorblock Nummer 4 stand, wo nur wenige Minuten Aufenthalt zulässig sind. Ein Mahnmal ist auch der in wenigen Monaten von „Liquidatoren“ unter dem Einfluss tödlicher Strahlung errichtete Stahlbeton- „Sarkophag“, der den Reaktor 30 Jahre hätte sicher umschließen sollen. Seit einigen Jahren isoliert eine zweite Schutzhülle das Objekt, mit zwei Milliarden Euro und über zehn Jahren Bauzeit stelle es das größte je von Menschenhand erbaute bewegliche Objekt dar.

Dem Publikum stockte der Atem, als Pavlík Aufnahmen des russischen Angriffs vom Februar 2025 gegen diese Anlage zeigte: Eine Flugdrohne riss ein mehrere Meter breites Loch in die Außenhülle, die Schutzfunktion des Bauwerks ist dadurch stark eingeschränkt.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und diese Art „Nuklear-Terrorismus“ sei laut Pavlík eine unmittelbare Gefahr für die gesamte menschliche Zivilisation.

Die rege Diskussion im Anschluss an den Vortrag zeigte, dass auch 40 Jahre nach der Havarie noch hoher Aufklärungsbedarf besteht –  insbesondere mit Blick auf die aktuellen Debatten um die Renaissance der Atomkraft.

Fotos: Grüne Wasserburg

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