Die Stadt Wasserburg hielt gestern Gedenkveranstaltung am Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus ab

Der 27. Januar 1945 war der Tag, an dem die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreite und es augenfällig wurde, welch fundamentale Verbrechen in deutschem Namen in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft begangen wurden. In der Bundesrepublik ist der 27. Januar seit 1996 der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und die UNO hat diesen Tag 2005 zum internationalen Gedenktag erklärt. Die Stadt Wasserburg lud daher gestern zu einer Gedenkstunde am Denkmal für die „Wasserburger Opfer“ am Heisererplatz ein und es kamen recht viele Menschen, um an dieser Feierstunde teilzunehmen. Eine Abordnung der Stadtkapelle umrahmte die Veranstaltung musikalisch.

In seiner Ansprache begrüßte Bürgermeister Michael Kölbl nur wenige Persönlichkeiten namentlich und bat schon im Voraus um Nachsicht, wenn er nicht alle Personen namentlich begrüßen könne. Aber die beiden Landtagsabgeordneten Sebastian Friesinger (CSU) und Josef Lausch (FW) begrüßte er ebenso herzlich wie die Vertreter des kbo-Inn-Salzach-Klinikums Wasserburg, Pflegedirektorin Kerstin Weinisch, den Ärztlichen Direktor Prof. Dr. Peter Zwanzger und den Geschäftsführer des kbo-Inn-Salzach-Klinikums, Dr. Karsten Jens Adamski. Als Vertreterin der Stiftung Attl begrüßte er Anna Neumüller und er bedankte sich beim Stadtarchivar und Vorsitzenden des Heimatvereins, Matthias Haupt, für seine Unterstützung bei der Vorbereitung dieser Veranstaltung. Schließlich dankte er der Abordnung der Stadtkapelle sehr herzlich für ihren Einsatz.

Am 27. Januar, so begann Kölbl seine kurze Ansprache, wolle man sich erinnern. Die Erinnerung gelte dem Grauen, das die nationalsozialistische Gewaltherrschaft über die Menschen auf dieser Welt gebracht habe. Nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau seien die Bilder dieses Grauens um die Welt gegangen. Heute sei der Tag des Erinnerns und des Gedenkens. Aber es sei auch ein Tag der Mahnung. Es habe zahlreiche Opfergruppen gegeben, an allen Orten und das nicht nur in Deutschland. Auch Wasserburg sei ein Ort, der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu beklagen habe. Auf den Stelen des Denkmals am Heisererplatz seien 742 Namen eingraviert. Die meisten von ihnen seien von Wasserburg aus nach Schloss Hartheim in Oberösterreich verschleppt und dort vergast worden. Die meisten dieser Opfer waren erkrankt oder hatten eine Behinderung. 

Aus der Fülle der Opfer der NS-Diktatur griff Kölbl das Schicksal der 1898 geborenen Maria Blum heraus. Sie sei nur 42 Jahre alt geworden, sei seit 1932 Patientin der „Heil- und Pflegeanstalt Gabersee“ gewesen, habe sich gut entwickelt und man habe sie im Oktober 1936 in die offene Abteilung verlegen können. Ihren Antrag, sie aus der Klinik entlassen zu wollen, hätten nationalsozialistische Entscheidungsträger der Stadt Wasserburg aber zurückgewiesen. Und so sei sie im Zuge der 1940/41 einsetzenden Selektionen im Januar 1941 deportiert und ermordet worden.

In den Dokumenten hätten die Nationalsozialisten aus Gründen der Verschleierung nicht selten Krankheiten und auch den Todesort frei erfunden. Kölbl erklärte abschließend, es sei unsere Mahnung, den Opfern ihre Würde und ihren Namen zurückzugeben. Er nannte auch eine zweite wichtige Opfergruppe, nämlich die Zwangsarbeiter, die häufig aus osteuropäischen Ländern während des Krieges in Industrieunternehmen zwangsweise beschäftigt wurden und nicht selten an Auszehung verstorben seien. An die 6.000 Zwangsarbeiter habe es im Landkreis Wasserburg gegeben. Deren behandlung sei natürlich unterschiedlich gewesen, auch öffentliche Institutionen hätten Zwangsarbeiter einsetzen können. In allen 62 Gemeinden des Landkreises Wasserburg habe es seinerzeit Zwangsarbeiter gegeben. Und Kölbl erinnerte an die Gedenktafel, die am Städtischen Friedhof zu sehen sei.

Schließlich erwähnte Kölbl die Ausgrenzung kritischer Stimmen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Bereits im April 1933 sei mit Karl Keller ein Nationalsozialist zum 2. Bürgermeister ernannt worden. Dieser Mann habe dann dafür gesorgt, dass Stadträte der SPD und der BVP (Bayerische Volkspartei) nicht mehr an Sitzungen des Stadtrates teilnehmen durften und nicht selten, wenngleich auch teilweise kurzzeitig inhaftiert wurden. Seit Juli 1933 habe es dann nur noch Stadträte gegeben, die Mitglieder der NSDAP gewesen seien.

Das Unrecht habe viele Gesichter, meinte Kölbl und erwähnte auch die Denunziationen, die es gegeben habe. Gerade deshalb sei eine Aufarbeitung wichtiger denn je. Der erste Satz unseres Grundgesetzes sage deutlich, worauf es ankomme, meinte Kölbl: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Und er zitierte den Auschwitz-Überlebenden Max Mannheimer, der jüngeren Menschen immer wieder zugerufen habe: „Ihr seid nicht für das verantwortlich, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“

Dann wandte sich Anna Neumüller von der Stiftung Attl an die Anwesenden. Insgesamt 83 Männer aus Attel seien 1940 zunächst  in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar verlegt worden, dann nach Schloss Hartheim deportiert und dort vergast worden. Daneben habe es auch zahlreiche Hungeropfer gegeben. Es sei sehr wichtig, dass solche Gedenkveranstungen stattfänden. Was damals geschehen sei, dürfe nie vergessen werden. Dies sei nicht nur eine Geste des Verstandes, sondern auch des Herzens. Sie bat die Anwesenden um ein stilles Gedenken.

Schließlich wandte sich die Pflegedirektorin des kbo-Inn-Salzach-Klinikums an die Anwesenden und sprach davon, dass aus dem seinerzeitigen psychiatrischen Krankenhaus Gabersee mindestens 637 Patienten ermordet worden seien, weil sie nach damaliger Auffassung „unheilbar“ krank gewesen seien und ihr Leben deshalb „lebensunwert“ gewesen sei. Man habe von „Ballastexistenzen“ gesprochen, denen man den „Gnadentod gewähren“ wolle. Der Begriff „Euthanasie“ sei für diesen Massenmord verwendet worden, als ob es etwas Schönes hätte, wenn Menschen ihrer Menschenwürde beraubt würden. Und sie ergänzte, dass wir uns heute eingestehen müssten, dass es auch Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte gegeben habe, die mitgeholfen hätten, kranke Menschen zu ermorden, statt ihnen zu helfen.

Zum Abschluss bedankte sich Bürgermeister Kölbl für die Teilnahme an der Gedenkveranstaltung und lud die Anwesenden dazu ein, das Museum des kbo-Inn-Salzach-Klinikums zu besichtigen, wo die medizinhistorische Dauerausstellung Einblicke in die seinerzeitigen Behandlungsmethoden gewähre. Wolfgang Schmid führe die Interessierten gerne durch die Ausstellung.

Und so gingen die Menschen wieder auseinander und man spürte, warum die Mütter und Väter des Grundgesetzes diesen Satz an den Anfang der neuen Verfassung in Deutschland gestellt hatten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“

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