Zum 200-jährigen Bestehen sprach gestern die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen im Rathaussaal

„Seit 200 Jahren ist die Sparkasse Wasserburg ein fester Bestandteil unserer Heimat.“ Mit diesen Worten begrüßte der Vorstandsvorsitzende der Kreis- und Stadtsparkasse Wasserburg, Mischa Schubert (rechts), zusammen mit seinem Vorstandskollegen Andreas Bonholzer (links) am Dienstagabend die Gäste im vollbesetzten Historischen Rathaussaal der Stadt. Ein besonderer Gruß galt der Referentin des Abends, Prof. Dr. Monika Schnitzer, Vorsitzende der fünf „Wirtschaftsweisen“. Die Sparkasse sei keine anonyme Großbank, ergänzte Schubert, sondern man sei „Nachbar der Kunden“. Und das Motto zum 200. Geburtstag sage dies auch klar aus: „Oane von eich“.

Unternehmer seien immer die treibende Kraft im wirtschaftlichen Leben. Ohne Handwerker, Handel und Gewerbetreibende sei wirtschaftlicher Fortschritt nicht auszudenken. 

Und mit einem Augenzwinkern ergänzte Schubert, dass dieses Wirtschaftsforum der Wasserburger Sparkasse eine ernst zu nehmende Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum in Davos sei. Und er sei sehr froh und dankbar, dass Prof. Dr. Monika Schnitzer sich an diesem Tage für Wasserburg entschieden habe und nicht für Davos.

Schnitzer ist seit 2022 Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung (besser bekannt als „die fünf Wirtschaftsweisen“). Er freue sich auf ihren Vortrag, den sie mit der Überschrift versehen habe: „Kann sich Deutschland neu erfinden?“

Schubert begrüßte alle Gäste, die an diesem Abend erschienen waren. Persönlich begrüßte er den Vorsitzenden des Verwaltungsrates der Wasserburger Sparkasse, den Ersten Bürgermeister der Stadt, Michael Kölbl, den stellvertretenden Vorsitzenden des Verwaltungsrates, Landrat Otto Lederer und er begrüßte auch den Landrat des Landkreises Mühldorf, Max Heimerl.

Mischa Schubert führte in seinen einführenden Worten aus, dass er als Vorstandsvorsitzender für 221 Mitarbeiter der Wasserburger Sparkasse stehe und sie alle würden es jeden Tag immer wieder erreichen, dass die Sparkasse auf eine hohe Kundenzufriedenheit stolz sein könne. Im vergangenen Jahr habe man neue Kundenkredite in einem Gesamtumfang von 200 Millionen Euro vergeben können. Daneben seien 166 Millionen Euro an Fördermitteln ausgeschüttet worden. Darüber hinaus habe die Sparkasse Sparkassenbriefe im Wert von 100 Millionen Euro ausgegeben.

Aber auch das interne Miteinander habe bei der Sparkasse große Bedeutung. So wolle man auch heuer wieder einen Betriebsausflug veranstalten, der drei Tage dauern werde.

Anschließend begrüßte Landrat Otto Lederer die Gäste. Die Sparkasse Wasserburg, so führte er aus, habe in 200 Jahren, trotz aller erfahrenen Höhen und Tiefen, die Menschen in der Region noch nie im Stich gelassen. Es gab immer eine große Nähe von den Mitarbeitern zu den Kunden, was das Motto „Oane von eich“ abermals unterstreichen dürfte.

Auch der Bürgermeister von Wasserburg, Michael Kölbl, begrüßte die Versammlung. Er betonte, dass die Wasserburger Sparkasse und die Stadt Wasserburg seit jeher eng miteinander verbunden seien, schließlich sei die Sparkasse 1826 in den Räumen des Rathauses gegründet worden und habe dort mehr als 100 Jahre ihre zentralen Räumlichkeiten besessen. Und heute sei die größte Filiale der Kreis- und Stadtsparkasse jene in den Räumlichkeiten des Rathauses.

Seit der Gebietsreform 1972 habe die Wasserburger Sparkasse Filialen in mehreren Landkreisen, womit, so Kölbl, auch der Beweis erbracht sei, dass sich die Sparkasse nicht an Kreisgrenzen, sondern am Wirtschaftsraum orientiere, und das sei ein Erfolgsrezept der Sparkasse, denn die Wasserburger Sparkasse habe in den letzten 200 Jahren alle Wirren gut überstanden und sie werde auch die Zukunft erfolgreich meistern können.

Vortrag: „Kann Deutschland sich neu erfinden?“

Dann folgte der Vortrag der Vorsitzenden der Wirtschaftsweisen, Prof. Dr. Monika Schnitzer, zu der Frage: „Kann Deutschland sich neu erfinden?“

Sie begann mit der Frage, ob wir in Deutschland und Europa auf den wirtschaftlichen, technologischen und letztlich auch gesellschaftlichen Wandel, der durch den aktuellen Strukturwandel hervorgerufen worden sei, auch wirklich gut vorbereitet seien. Wir hätten in den letzten sechs Jahren kein Wirtschaftswachstum mehr verzeichnen können, wir stünden also wirtschaftlich nicht besser da als 2019. Und die Prognose für 2026 sei ebenfalls ernüchternd: 0,9 Prozent Wachstum seien vorhergesagt. Davon sei allerdings ein Drittel dem „Kalendereffekt“ geschuldet, dass einige gesetzliche Feiertage auf das Wochenende fielen. Ein weiteres Drittel resultiere aus dem Finanzpaket der Bundesregierung, das diese bei ihrem Amtsantritt im vergangenen Frühjahr geschnürt habe.

Unsere Exporte wüchsen nicht mehr so wie früher. Wir hätten es in Deutschland mit hohen Energiepreisen und hohen Arbeitskosten zu tun und unsere Produkte seien nicht selten kaum innovativ und deshalb auf dem Weltmarkt nur sehr bedingt konkurrenzfähig.

Wenn man auf dem Weltmarkt die Produkte aus Europa mit jenen aus China vergleiche, müsse man feststellen, dass die Produkte zwar eine vergleichbare Qualität besäßen, aber deutlich billiger seien. Hinzu komme, dass durch die Zollpolitik der US-Regierung unter Präsident Trump die Exporte in die USA beeinträchtigt seien, was das Wachstum bei uns behindere. Hinzu komme, dass die chinesische Währung seitens der dortigen Führung abgewertet worden sei und der Euro auf dem Weltmarkt gegenüber dem US-Dollar eine Aufwertung erfahren habe. Aus all diesen Gründen sei der Export in die USA um zehn Prozent eingebrochen. Obwohl die Hauptlast der Zollpolitik der USA die Menschen in den USA tragen müssten, ist der wirtschaftliche und auch politische Schaden nicht unerheblich.

Schließlich sei es von europäischer Seite aus nicht hinnehmbar, dass der US-amerikanische Präsident einfach so das Staatsgebiet der USA erweitern wolle. Aber sie sei sich sicher, dass es Donald Trump mit seinen mitunter verstörend anmutenden Ankündigungen ernst ist.

Und es komme hinzu, dass bei uns in den vergangenen 20 Jahren auch einiges versäumt worden sei: Als Beispiel nannte Monika Schnitzer die Bahn. Sie benutze häufiger die Bahn und wisse deshalb, in welchem Umfange es hier zu Verspätungen und gar Zugausfällen komme. Im vergangenen Jahr habe es ein Treffen mit der Führung der Deutschen Bahn gegeben und sie sei mit dem Zug angereist und drei Stunden zu spät am Zielort angekommen. Weil sie beim Begrüßen den Grund für die Verspätung genannt habe, sei die Verstörung recht groß gewesen.

Vieles von dem, was wir als Wachstum sehen könnten, sei aber schuldenfinanziert. Monika Schnitzer erläuterte dies an den Aufwendungen des Bundes für die Bahn: Unter der Ampelkoalition von Bundeskanzler Scholz habe es 18,1 Milliarden Euro für die Bahn im Jahr gegeben. Dieser Betrag sei unter der derzeitigen Bundesregierung auf 12,4 Milliarden Euro gekürzt und dann mit Hilfe des Sondervermögens um 9,2 Milliarden Euro aufgestockt worden, was bedeute, dass eben nicht 9,2 Milliarden Euro zusätzlich für die Bahn investiert würden, sondern 3,5 Milliarden Euro.

Zum Abschluss ihres Vortrages stellte Schnitzer die Frage, wie wir Europas Zukunft sichern könnten. Es sei zwingend notwendig, den Binnenmarkt weiter zu vertiefen. In dieser Hinsicht sei das Mercosur-Abkommen, das in der vergangenen Woche unterzeichnet worden sei, extrem wichtig gewesen. Außerdem gebe es innerhalber der EU immer noch „implizite Zölle“, die daraus resultierten, dass Vorschriften der EU von den Mitgliedsländern unterschiedlich umgesetzt würden. Als Beispiel nannte sie unterschiedliche Verpackungsvorschriften innerhalb der EU. Darüber hinaus sei die Abhängigkeit von den USA enorm. An einem Beispiel machte sie es deutlich. Zwar besäßen Frankreich und Großbritannien nukleare Waffen. Diese funktionierten aber nur mit einer Software aus den USA. 

In Deutschland sei der Strukturwandel noch nicht überall angekommen. Es gebe zwar Regionen, die den Strukturwandel umsetzten und dabei auch die Beschäftigung ankurbeln könnten. Sie nannte als Beispiel die Region München in Bayern. Aber es gebe auch Regionen in Deutschland, wie beispielsweise Regionen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt, in denen weder ein sichtbarer Strukturwandel stattfinde noch die Beschäftigung angekurbelt werde. Die Bunderegierung, kritisierte Monika Schnitzer, bewahre das Traditionelle und das führe uns nicht weiter. In China beispielsweise seien die Batteriepreise bereits um 50 Prozent gefallen, weil man in China viel innovativer sei als bei uns. Deutschland halte zu sehr „am Gestern fest“, war das Fazit der Professorin.

„Kann sich Deutschland neu erfinden?“ fragte Monika Schnitzer an diesem Abend das letzte Mal und beantwortete diese Frage mit einem klaren zuversichtlichen Möglichkeit. Diese sei aber an Voraussetzungen gebunden. 

Wir bräuchten eine digitale Transformation, unterstützt von künstlicher Intelligenz. Der Übergang von der Schreibmaschine zum Computer habe in nicht wenigen Büros lediglich das Tipp-Ex eingespart. Dabei könne Digitalisierung doch so viel mehr. Transformation erfordere Reorganisation und nicht nur Flicken an einzelnen Schadstellen.

Warum gebe es in Deutschland nicht mehr selbstfahrende Taxis? In China und den USA sei das bereits alltäglich. Und wir bräuchten eine neue Unternehmenskultur. China sei mit seiner Wirtschaftspolitik international so erfolgreich, weil nicht mehr das zu verkaufende Produkt im Mittelpunkt stehe, sondern der Bedarf der Kunden. Diese Kundenorientierung sei ein Schlüssel zum Erfolg. Natürlich seien Strukturen stets träge, doch diese gelte es zu überwinden. Sie zitierte abschließend Winston Churchill, der einst sagte: „Never waste a good crisis“. Wir sollten die Krise nutzen und als Chance sehen. Deutschland könne sich neu erfinden, wenn wir alle bereit seien, es neu zu gestalten.

Tosender Applaus belebte den Rathaussaal. Monika Schnitzer hat an diesem Abend manchen zum Nachdenken angeregt. Gerade gedankliche Grenzen muss man wohl auch überwinden wollen.

Nach dem Vortrag unterhielten sich noch viele Besucher über die wirklich beeindruckenden Thesen von Schnitzer im Foyer des Rathauses. Der Einstieg in die Feierlichkeiten zum 200-jährigen Bestehen der Wasserburger Sparkasse dürfte auf jeden Fall sehr gut gelungen sein.

PR

Ein paar Eindrücke vom gestrigen Abend (Fotos: Betz/Bodmeier):

 

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