Rätselhaftes erforschen

Was sich hinter einem spätmittelalterlicher Stielbeutel verbirgt

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Expertinnen bei der ArbeitWasserburg – Im Juli stammt das Objekt des Monats aus der Textilsammlung des Museums. Es handelt sich um einen Gegenstand, dessen Funktion auf den ersten Blick nicht erkennbar war: ein Stielbeutel, der aus dem späten 15. oder frühen 16. Jahrhundert stammt. Das Museum widmet sich zur Zeit der Neuinventarisierung und Konservierung seiner Textilsammlung. Dieser spezielle Gegenstand hatte die Neugier des Teams geweckt und so wurden bei seiner genaueren Erforschung weitere Experten eingeschaltet.

Am Holzgriff des Stielbeutels sind sechs lederne röhrenähnliche Beutel angehängt. Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass die Lederrosette am hölzernen Griff, die als Aufhängung für die mit Lederbändern befestigten Beutel dient, vierzehn Löcher aufweist. Dies legt den Schluss nahe, dass wohl auch vierzehn Beutel vorhanden sein mussten. Der hölzerne gedrechselte Griff des Stielbeutels wurde später ergänzt und stammt wohl aus dem 19. Jahrhundert.

Stielbeutel wurden in Mittelalter und Früher Neuzeit ursprünglich als Geldbeutel verwendet, die besonders bei reisenden Händlern und Kaufleuten in Mitteleuropa Verwendung fanden. Die Sortierfächer des Geldbeutels ermöglichten einen übersichtlichen und schnellen Zugriff auf die Münzen der entsprechenden Währungen. Daneben waren Stielbeutel auch für Geldwechsler ein praktisches Hilfsmittel.

Neben dem im Museum Wasserburg aufbewahrten Stielbeutel sind dem Textilfachmann Johannes Pietsch, der für das Bayerische Nationalmuseum in München tätig ist, nur drei weitere Exemplare bekannt. Allerdings zeichnet sich der Stielbeutel aus Wasserburg durch die Besonderheit aus, dass auf den einzelnen zirka 15 Zentimeter langen Beutelchen entweder kleine Pergamentzettel aufgebracht sind, die handschriftlich mit Namen von Kapellen, Bruderschaften und Heiligen gekennzeichnet sind oder ins Leder geprägte Zahlen. Leider sind diese nicht mehr vollständig erhalten, bzw. unleserlich.

Diese Ausprägung ist bei Stielbeuteln normalerweise nicht üblich, sodass sich die Frage stellt, ob in diesem Fall möglicherweise eine Abwandlung des Ursprungszweckes oder eine Sekundärnutzung, beispielsweise im sakralen Bereich, stattgefunden hat. Eine Funktion als Klingelbeutel ist dadurch denkbar. Die noch fragmentarisch erhaltenen Pergamentzettelchen tragen die Bezeichnungen „heyl. Creuz“, „St. Sebastiani“ und „U.L. Frauen Hilff. Bruedt.“ Es ist also denkbar, dass die einzelnen Säckchen des Stielbeutels als Klingelbeutel für die Altäre einer Kirche stehen und es ermöglichten, für bestimmte Altäre einer Kirche zu opfern. Stadtarchivar Matthias Haupt konnte die Beschriftungen über das Schriftbild auf das späte 15. Jahrhundert oder frühe 16. Jahrhundert datieren. Die Zuordnung des Beutels zu einer bestimmten Kirche ist schwierig, da nur wenige Zettelchen erhalten sind und die Kapellen einer Kirche im Laufe der Zeit immer wieder ihre Funktion wechselten.

Seit November 2012 widmet sich das Museumsteam den textilen Beständen des Hauses. Dabei erhält es Unterstützung von der Volkskundlerin Dr. Monika Ständecke und der Textilrestauratorin Cornelia Knörle-Jahn, die als Spezialistinnen regelmäßig nach Wasserburg ins Museum kommen. Grund für diese umfangreiche Aktion ist zum einen der Wunsch, einen besseren Überblick über die Sammlung zu erhalten und zum anderen die Notwendigkeit, die oftmals sehr fragilen Objekte optimal zu verpacken und zukünftig besser zu lagern. Hierzu werden die Stücke zuerst inventarisiert. Das beinhaltet ihre genaue Beschreibung und Datierung, das Aufbringen von Inventarnummern und schließlich das Fotografieren. Alle Informationen werden in der Museumsdatenbank gesammelt und erleichtern spätere Recherchen. Es sind bereits mehr als 800 Nummern aktualisiert oder neu vergeben worden. Weitere folgen.

Im Anschluss werden die Objekte gegebenenfalls vorsichtig gereinigt und unter konservatorischen Gesichtspunkten verpackt. Dafür kommen spezielle säurefreie Kartons zum Einsatz, in denen die Textilien, mit säurefreiem Seidenpapier ausgefüttert, gepolstert und eingeschlagen, zukünftig aufbewahrt werden. Zur großen Textilsammlung des Museums gehören neben Kleidung, wie Dirndl und Uniformen, auch Fahnen ortsansässiger Vereine, Objekte aus Leder, unzählige Kopfbedeckungen, wie die vielen Riegelhauben oder Schuhwerk, vom derben Wanderstiefel bis zum zierlichen Frauenschuh. Die verpackten Objekte finden Platz im übergangsweise eingerichteten Depot im Rückgebäude des Museums. Hier ist bis zum Umzug in den geplanten Depotneubau eine regelmäßige Schädlingskontrolle und Klimaüberwachung wichtig, um beispielsweise Mottenbefall oder Klimaschäden zu verhindern.

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Noch ist das Textilprojekt nicht abgeschlossen: Zurzeit findet die Inventarisierung von Objekten in der Dauerausstellung und der großen Fahnen statt. Danach ist die Sammlung historischer Bürgerspielkostüme an der Reihe. Finanziell wird das Projekt von der Wasserburger Sparkassenstiftung und der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern mit unterstützt.

Abbildungen: Stielbeutel, 15./16. Jahrhundert, Holz, Leder, Papier, Museum Wasserburg, Inv.- Nr. 6803

Foto: Textilrestauratorin Cornelia Knörle-Jahn bereitet eine Fahne für die Verpackung vor. Volkskundlerin Dr. Monika Ständecke inventarisiert eine Sammlung von Blaudruckmustern der Wasserburger Blaudruckerfamilie Unterauer.

 

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