Theater Wasserburg eröffnet seine 25. Spielzeit mit „Die Stühle“ von Eugène Ionesco

 

Premiere beim Theater Wasserburg: Beim Stück „Die Stühle“ werden die Zuschauer auf die Galerie des Theaters gebeten, der eigentliche Zuschauerbereich wird für die beteiligten Gäste des Stückes benötigt. Leider sind diese Gäste imaginär und so schaut das Publikum von oben auf den Publikumsbereich, schaut sich quasi selbst zu. Da es aber anfänglich vollkommen finster in diesem Theater ist, sieht das Publikum nichts. Die beiden Akteure dieses absurden Theaterstücks von Eugène Ionesco, Semiramis und Poppet, gespielt von Rosalie Schlagheck und Hilmar Henjes, versuchen, sich in der Dunkelheit zurechtzufinden. „Ich mache, was ich will“, tönt Poppet, „aber es ist alles weg, sogar das Licht!“

Und er fährt fort: „Am Ende vom Ende der Stadt war was, ein Ort!“ Aber diesen Ort können Semiramis und Poppet nicht finden. Beide spielen ein sehr betagtes Ehepaar, wahrscheinlich sind sie über 90 Jahre alt, die sich mit dem Nichts beschäftigen müssen. Im Zuschauerraum liegen ein paar Stühle herum, man kann aber eigentlich nicht viel erkennen, weil es finster ist. Und weil sie alt sind und es keine Perspektive gibt, wirken sie hoffnungslos. Semiramis sagt zu Poppet: „Ich kann die Rosen des Lebens nicht pflücken!“ und Poppet gesteht: „Leider kann ich mich nicht verständlich machen!“ 

Aber wem wollen sie sich auch verständlich machen, es ist ja niemand da? Sie lassen ihr Leben Revue passieren, sprechen über das einzige Kind, das sie im Alter von sieben Jahren verlassen habe, nur um anschließend festzustellen, dass sie keine Kinder gehabt hätten.

Semiramis und Poppet warten auf viele Gäste und sind rastlos damit beschäftigt, die vermeintlich aus aller Welt eintreffenden Honoratioren wie Präsidenten, Bankiers, Besitzer, Gelehrte, Bischöfe, Polizisten, Wächter, Chemiker, Kupferstecher, Geiger, Krämer, Briefträger, Gastwirte, Artisten, Beamten, Abgeordnete, Militaristen, Revolutionäre, Irrenärzte und ihre Irren, aber auch Chromosomen, Gebäude und Federhalter höflich zu begrüßen und für sie Stühle herbeizuschaffen. 

Doch der Redner, der diese Welt erlösen soll, kommt nicht und so sucht Poppet seine Rettung im Erscheinen des Kaisers. „Ich bin so stolz, Majestät“, tönt Poppet und dankt allen für die große Versammlung (in der niemand erscheint). Dann verlangt er von Semiramis, sie habe den Auftrag, der Nachwelt seine Philosophie zu verkünden. Semiramis tröstet ihn mit dem Satz: „Man wird zumindest eine Straße nach Dir benennen!“

Dass alles Leben sinnentleert sei, dokumentiert das Ende dieses absurden Einakters: „Die Verwesung macht uns einander gleich!“ sagt Poppet und stirbt in den Armen von Semiramis, jenes „Kaiserhoch“ rufend, wie es im deutschen Kaiserreich vor 1918 sehr häufig gerufen wurde.

Eugène Ionesco hat diesen Einakter 1951 geschrieben. Das Absurde Theater, wie es unter anderem auch von Samuel Beckett (Warten auf Godot) kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen wurde, beschäftigt sich intensiv mit der Sinnentleertheit dieses Lebens. 

Der Zweite Weltkrieg hatte wohl an die 80 Millionen Opfer gefordert und für viele Menschen waren die gesellschaftlichen Ordnungen vollkommen zerstört. Man konnte sich kaum noch mit etwas Existierendem identifizieren. Hier findet das Absurde Theater seinen Platz, in dem es die gesellschaftlichen Haltungen auf ihre Werthaftigkeit untersucht und zu dem Schluss kommt, es gibt sie nicht. „Wer sich an das Absurde gewöhnt hat, findet sich in unserer Zeit gut zurecht“, sagt Ionesco selbst zum Hintergrund seines Schaffens. 

Und so endet an diesem Abend die Aufführung logischerweise in der Finsternis.

Nik Mayr hat mit Rosalie Schlagheck und Hilmar Henjes einen Einakter auf die Bühne gebracht, der dem Zuschauer den Atem stocken lässt. Das hat natürlich auch mit dem höchst beeindruckenden Spiel der beiden Darsteller zu tun. Sowohl Rosalie Schlagheck, als auch Hilmar Henjes laufen zu einer unglaublichen schauspielerischen Hochform auf, die einem förmlich das Blut in den Adern gefrieren lässt.

„Die Stühle“, eine äußerst sehenswerte Inszenierung des Theaters Wasserburg, ist noch an folgenden Tagen zu sehen:

Sonntag, 1. März, 19 Uhr. Um 18.15 Uhr gibt es „vor.reden“ mit Ute Mings und Nik Mayr

Samstag, 14. März um 20 Uhr

Sonntag, 15. März um 19 Uhr

Samstag, 25. April um 20 Uhr

Sonntag, 26. April um 19 Uhr

Karten zum Preis von 27 Euro (ermäßigt 15 Euro) gibt es bei der Tourist-Info in Wasserburg im Rathaus, bei Versandprofi Gartner in wasserburg, im TicketZentrum Rosenheim, bei Foto-Flamm in Haag, bei allen Verkaufsstellen von Inn-Salzach-Ticket und online unter www.theaterwasserburg.de und natürlich auch an der Abendkasse.

Peter Rink

 

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