Rotkreuzarbeit war Frauensache

Blick ins Stadtarchiv: Frauenhilfsverein und „Frauenzweigverein vom Roten Kreuz“

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BRK_FrauenIm Juni diesen Jahres übereignete die BRK-Bereitschaft Wasserburg dem Stadtarchiv ihr Vereinsarchiv (wir berichteten). In den vergangenen Wochen wurde dieses Archivgut erschlossen. Erstmals soll an dieser Stelle ein tieferer inhaltlicher Einblick in den Bestand ermöglicht werden. [1] …

Bei einem Vorgespräch zur Übereignung und bei der Übergabe der Archivalien wies die ehemalige Bereitschaftsleiterin Resi Bauer uns darauf hin, dass es in Wasserburg schon im Jahr 1870 einen Frauenhilfsverein gegeben hatte. Bei Jubiläen hatten sich die Wasserburger Rotkreuzler in der Vergangenheit aber auf das Gründungsjahr der „Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz“ 1896 bezogen. In der Sanitätskolonne leisteten männliche Mitglieder Arbeit im Dienste des Roten Kreuzes.

Grund genug also, sich diesen frühen Jahren im Rahmen der Sichtung und Verzeichnung des Archivbestandes einmal genauer zu widmen. Es zeigte sich ein eindeutiges Bild: Die Leistung des Frauenvereins steht in der Zeit von 1870 bis hin zum Zweiten Weltkrieg im Mittelpunkt. Umso merkwürdiger ist es, dass man die in 26 Jahren von den weiblichen Mitgliedern getragene Arbeit bei den Gründungsfesten nicht beachtete. Kann man dies vielleicht darauf zurückführen, dass sich weibliche und männliche Rotkreuzler erst im Jahr 1993 zur BRK Bereitschaft Wasserburg zusammenschlossen? Die Freiwillige Sanitätskolonne profitierte jedenfalls von dem durch die Frauen geschaffenen Fundament. Dies zeigt nicht nur die Geldspende, mit der der Frauenzweigverein die Gründung der Sanitätskolonne unterstützte.[2] Besonders in Kriegs- und Notzeiten leistete der Frauenhilfsverein, der sich später „Frauenzweigverein vom Roten Kreuz“ nannte, einen wichtigen Beitrag auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge.

Der „Frauenhilfsverein unter dem Roten Kreuz“

Als die Geburtsstunde der Rotkreuz-Idee gilt das Jahr 1859, in dem der Genfer Geschäftsmann Henry Dunant das Leid der Verwundeten auf dem Schlachtfeld von Solferino zu lindern versuchte. Der kleine Ort südlich des Gardasees war zu einem Schauplatz des Krieges zwischen Italienern und Habsburgern geworden. Ein Jahr später entstand ebenfalls in der Folge des Krieges der Badische Frauenverein und mit ihm die erste „Schwesternschaft vom Roten Kreuz“. Neben den im Krieg Verwundeten profitierten auch die Frauen von den Schwesternschaften. Sie boten ihnen eine berufliche Perspektive und frühe Unabhängigkeit. Sie ermöglichten die Ausbildung zu Krankenpflegerinnen und eröffneten damit ein umfangreiches Aufgabenfeld in Friedens- und Kriegszeiten. 1869 gründeten die Königin Mutter Marie und ihr Sohn Ludwig II von Bayern den Bayerischen Frauenverein, der später den Zusatz „vom Roten Kreuz“ annahm.  Es folgte die Gründung zahlreicher Zweigvereine überall in Bayern.[3]

Am 19. Juli 1870 erklärte Frankreich Preußen den Krieg. Die süddeutschen Staaten, unter ihnen auch Bayern, stellten sich gegen die Erwartungen Frankreichs sofort auf die Seite des Norddeutschen Bundes.[4] Wenige Tage später wurden die ersten aus Wasserburg einberufenen Soldaten unter musikalischer Begleitung in den Krieg verabschiedet. In der Chronik von Josef Kirmayer findet sich für den 24. Juli 1870 ein Eintrag, der von der Gründungsversammlung des Frauenhilfsvereins im kleinen Rathaussaal berichtet.[5] Der Beginn des Deutsch-Französischen Krieges war der Auslöser für die Gründung eines Frauenhilfsvereins in Wasserburg, dessen erste Vorsteherin die Rechtsanwaltsgattin Maria Schnepf wurde. Die Hauptaufgabe des Vereins  war klar definiert: Unterstützung für die Opfer des Krieges.

 

Eines der frühesten Schriftstücke aus dem Archiv der BRK Bereitschaft Wasserburg ist ein Schreiben der Verwaltung der königlich bayerischen Gefangenenanstalt Wasserburg [6] an den frisch gegründeten Frauenzweigverein vom 30. Juli 1870.

[1] Der Archivbestand ist auf den Internetseiten des Stadtarchivs nachgewiesen. Online unter URL: http://www.wasserburg.de/de/stadtarchiv/bestaende/sammlungen/bayerischesroteskreuzbereitschaftwasserburg/, abgerufen am 11.08.2016.
[2] Stadtarchiv Wasserburg, VI5457 (=Bestand VI, Sammlungen,  Bayerisches Rotes Kreuz Bereitschaft Wasserburg: Der Frauenzweigverein vom Roten Kreuz in Wasserburg, 1896-1901).
[3] Online unter URL: https://www.drk.de/das-drk/geschichte/das-drk-von-den-anfaengen-bis-heute/?page=1897-1898, abgerufen am 12.07.2016.
[4] Die von Bismarck beförderte Kandidatur eines Hohenzollernprinzen auf den spanischen Thron veranlasste die Regierung Frankreichs von ihm eine Erklärung zu fordern, dass er einer solchen Kandidatur nie wieder seine Zustimmung geben würde. Bismarck wies diese Erklärung zurück und lies die Auseinandersetzung in verkürzter und verschärfter Form veröffentlichen (Emser Depesche). Die Folge dieser beidseitigen Provokationen war die Kriegserklärung. Vgl. Dr. Carl Ploetz (Begründer), Der grosse Ploetz. Die Daten-Enzyklopädie der Weltgeschichte. Daten, Fakten, Zusammenhänge, 32. neubearbeitete Auflage, Freiburg im Breisgau 2001, S.855.
[5] Vgl. Josef Kirmayer, Chronik der Stadt Wasserburg a. Inn, Manuskript, Wasserburg, bis 1957.
[6] In Wasserburg existierte ab 1862 eine Gefangenenanstalt für weibliche Gefangene. Sie wurde 1873 in ein sogenanntes Weiberzuchthaus umgewandelt. Vgl. Josef Kirmayer, Chronik der Stadt Wasserburg a. Inn, Manuskript, Wasserburg, bis 1957.

brkArchivalie des Monats: Brief der königlich bayerischen Gefangenenanstalt Wasserburg an den Frauenzweigverein zur Pflege und Unterstützung im Felde verwundeter Krieger vom 30. Juli 1870. Stadtarchiv Wasserburg, VI5453.

In dem Schreiben heißt es: „Die Gefangenen in diesseitiger Anstalt, von denen viele Angehörige, Brüder, Söhne u. Ehemänner sich bei der Kriegs-Armee befinden, haben einstimmig gebeten, zur Unterstützung der im Felde verwundeten Krieger beitragen zu dürfen, indem sie bereit sind, in ihren Freistunden an Herstellung von Verbandszeug u.s.w. unentgeltlich zu arbeiten.“[7] Um diesen Einsatz der Gefangenen ermöglichen zu können, bat die Verwaltung der Anstalt den Frauenhilfsverein, das dafür nötige Material zur Verfügung zu stellen. Die Sammlung von Geld- und Materialspenden für Bedürftige wurde in Kriegs- und Friedenszeiten bald zu einer der wichtigsten Aufgaben des Wasserburger Frauenhilfsvereins.

Im April des Jahres 1871 hieß man die heimkehrenden Soldaten der siegreichen Armee feierlich in Wasserburg willkommen. 54 in der Stadt Heimatberechtigte waren im Felde gewesen. Davon waren drei gefallen, vier verwundet und ein Mann wurde nach Kriegsende vermisst.[8]

[7] Stadtarchiv Wasserburg, VI5453 (=Bestand VI, Sammlungen, Bayerisches Rotes Kreuz Bereitschaft Wasserburg: Der Frauenhilfsverein Wasserburg, 1870-1885).

[8] Josef Kirmayer, Chronik der Stadt Wasserburg a. Inn, Manuskript, Wasserburg, bis 1957.

Mit dem großen Stadtbrand im Jahr 1885 bot sich dem Frauenhilfsverein eine ganz andere Herausforderung. Der Verein wollte nicht nur in Kriegszeiten Leid mindern, sondern auch bei Katastrophen und Unglücken Nothilfe leisten. Unter den Schriftstücken des BRK erhaltene Quittungen belegen den Eingang von Geldspenden der Frauenhilfsvereine Wasserburg, Aibling, Haag und Gars zu Gunsten der durch den Brand Geschädigten. Auch Frauenvereine aus weiter entfernten Orten schlossen sich an. Ein Schreiben berichtet von einem Benefizkonzert, welches der Bayerische Frauenverein im  Münchner Löwenbräukeller organisierte, um mit den Einnahmen dem Zweigverein in Wasserburg zu Hilfe zu kommen. Die durch die Organisation unter dem Roten Kreuz ermöglichte gute Vernetzung der Vereine miteinander machte ihre Hilfsleistungen effizient. Der Wasserburger Frauenhilfsverein zählte im Jahr 1885 72 Mitglieder.[9]

 

Der „Frauenzweigverein vom Roten Kreuz“

Wann genau aus dem Frauenhilfsverein der „Frauenzweigverein vom Roten Kreuz“ wurde, lässt sich nicht genau nachvollziehen. Schon in den ersten Jahren seines Bestehens taucht im Namen des Frauenhilfsvereins immer wieder der Zusatz „unter dem Roten Kreuze“ auf. Bereits ab 1870 wird er auch als „Frauenzweigverein“ bezeichnet. Spätestens ab der Jahrhundertwende festigen sich die Namen „Frauenzweigverein vom Roten Kreuz“ und „Frauenverein vom Roten Kreuz“.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entfaltete der Verein eine rege Tätigkeit auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge. Im Mittelpunkt standen die Unterstützung mittelloser Wöchnerinnen mit Säuglingswäsche, die Organisation einer jährlichen Weihnachtsbescherung für Bedürftige und die Bekämpfung der Lungenkrankheit Tuberkulose. Letzteres galt als eine der größten Herausforderungen in der Rotkreuzarbeit. Um die Jahrhundertwende waren in Deutschland eine Million Menschen an Tuberkulose erkrankt. 100.000 Menschen starben jährlich an der Krankheit.

Da es keine wirksamen Medikamente gab und sich besonders die arbeitende Bevölkerung schnell ansteckte, wurde die Bekämpfung der Tuberkulose staatlich unterstützt.

Das Rote Kreuz versuchte durch Aufklärung und die Vermittlung von hygienischen Grundlagen, die Zahl der Ansteckungen zu senken.[10]

 

Unbenannt-1Mitgliedskarte für den Bayerischen Frauenverein, Zweigverein Wasserburg von Grete Brucker ausgestellt im Jahr 1920. Stadtarchiv Wasserburg, VI5434.

Der Wasserburger Frauenzweigverein besaß zahlreiche Fachbücher über die Verbreitung und Bekämpfung der Tuberkulose. Auch Informationsveranstaltungen und Untersuchungen[11], außerhalb der regulären Sprechzeiten der Ärzte, wurden von dem Verein organisiert.[12] Für die Betroffenen errichtete das Rote Kreuz in Deutschland zahlreiche Heil- und Fürsorgestätten. Im Archiv der Wasserburger BRK Bereitschaft finden sich Belege für die Einrichtung einer Fürsorgestelle und deren Betreuung durch den Frauenzweigverein vom Roten Kreuz.[13]

Die beiden Weltkriege stellten den Wasserburger Frauenzweigverein erneut vor größte Herausforderungen. Sie hier zu schildern, würde den begrenzten Rahmen deutlich überschreiten. Ebenso würden die Berichte im Tagebuch der Freiwilligen Sanitätskolonne, über beschwerliche Krankentransporte mit der Trag- und Fahrbahre,[14] eine eigene Auswertung lohnen, die für eine spätere ausführlichere Darstellung in der Zeitschrift Heimat am Inn in Planung ist.

Aber auch dieser erste begrenzte Einblick in die Anfangsjahre des Frauenvereins zeigt, dass der nun im Stadtarchiv Wasserburg verzeichnete Bestand der BRK Bereitschaft neue Perspektiven auf die Stadtgeschichte eröffnet.

Juliane Günther

[9] Stadtarchiv Wasserburg, VI5453 (=Bestand VI, Sammlungen, Bayerisches Rotes Kreuz Bereitschaft Wasserburg: Der Frauenhilfsverein Wasserburg, 1870-1885).

[10] Online unter URL: https://www.drk.de/das-drk/geschichte/das-drk-von-den-anfaengen-bis-heute/?page=1917-1918, abgerufen am 14.07.2016

[11] Bei den Untersuchungen lag das Hauptaugenmerk auf der frühen Erkennung einer Tuberkuloseerkrankung und nicht auf der Behandlung der Krankheit. Vgl. Stadtarchiv Wasserburg VI5428 (=Bestand VI Sammlungen, Bayerisches Rotes Kreuz Bereitschaft Wasserburg: Berichte des Frauenzweigvereins vom Roten Kreuz in Wasserburg, 1887-1915).

[12] Stadtarchiv Wasserburg, VI5428 (=Bestand VI, Sammlungen, Bayerisches Rotes Kreuz Bereitschaft Wasserburg: Berichte des Frauenzweigvereins vom Roten Kreuz in Wasserburg, 1887-1915).

[13] Ebd.

[14] Stadtarchiv Wasserburg, VI5463 (=Bestand VI, Sammlungen, Bayerisches Rotes Kreuz Bereitschaft Wasserburg: Tagebuch der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz in Wasserburg, 1896-1951).

 

 

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