Unser Interview zum gestrigen Festtag der First Responder-Gruppe

Rott ließ sie hochleben am gestrigen Sonntag beim großen Feuerwehrfest: Das Team der First Responder (Foto) – eine Gruppe, die es seit nunmehr genau 20 Jahren gibt in der Gemeinde. Wir haben mal nachgefragt bei Mitglied Paula Geißinger, wer denn die First Responder sind, was man darunter versteht. Unser Interview …

Warum wird man eigentlich Firsti?

Ich glaube, wir haben alle sehr unterschiedliche Gründe, warum wir das machen und wie wir unseren Weg zur Gruppe gefunden haben.
Bei mir persönlich war es so, dass ich die entsprechende Ausbildung schon hatte und meine Tante (ab 2007 drei Jahre lang selbst aktive First Responder) hat mir dann vorgeschlagen, mir das mal anzuschauen.
Für mich war es sehr niederschwellig und es war schön, einem Verein im eigenen Ort beizutreten und so auch tiefer in die Ortsgemeinschaft einzutauchen.

Warum die Gründung dieser Gruppe vor 20 Jahren?

Ich bin erst 2018 zur Gruppe gestoßen und kann deshalb nur bedingt etwas über damals erzählen.
Grundsätzlich war Rott so gelegen, dass die Anfahrt für Rettungswagen und Notarzt oft die Hilfsfrist überschritt und auch mal 20 Minuten dauerte.
Der Weg bis zur Gründung war relativ lang, die ersten Gespräche gab es schon 1998 und in den Folgejahren gab es auch Aufrufe zur Mitgliedergewinnung und es gab Gespräche mit dem Landratsamt und den Maltesern.

Zur Inbetriebnahme unseres ersten Fahrzeugs kam es dann erst im März 2006.
2005 musste es zu mehrmaliger, verlängerter Anfahrtszeit durch den Rettungsdienst gekommen sein. Das hat der Gründung der Rotter First Responder dann den letzten Schubs gegeben und die Ausbildung der ersten Einsatzkräfte begann.

Ist man zusätzlich bei der Feuerwehr Mitglied und separat im Einsatz?
Die Firstis sind bei der Feuerwehr eingegliedert und entsprechend ist man Mitglied bei der Feuerwehr.
Allerdings muss man nicht, nur weil man aktive Einsatzkraft bei den First Respondern ist, auch Feuerwehr Einsätze fahren, da gehören dann auch nochmal andere Ausbildungen dazu.
Zur Feuerwehr gehört man natürlich trotzdem.
Bei uns kommt etwa die Hälfte der Firstis aus dem Feuerwehrdienst und ist in beiden Bereichen aktiv. Die meisten anderen hatten zuvor nichts mit der Feuerwehr zu tun und sind durch die First Responder erst Mitglied geworden.

Wie wird man geschult und ab wann kann man dabei sein?

Wer Interesse hat und mindestens 18 Jahre alt ist, darf sich gerne mal für eine Praktikumsschicht bei unserem Gruppenleiter melden!
Wenn man sich uns dann anschließen möchte, wird im Landkreis mehrmals jährlich, von unterschiedlichen Organisationen, ein Sanitätskurs/First Responder Lehrgang angeboten. Dieser umfasst rund 80 Stunden Ausbildung und kann in unterschiedlichen Modellen absolviert werden – als Kompaktkurs in zwei Wochen oder wochenends und abends über zwei Monate. Und als Mitglied der First Responder gibt es dann regelmäßige Übungsabende um Wissen aufzufrischen oder neues dazuzulernen.

Wie sieht es in diesem Jahr bisher aus mit Einsätzen?

Das kann man sich auf unserer Internetseite www.ff-rottinn.de tatsächlich sehr detailliert ansehen.

Dort sieht man unter Aktuelles die Einsatzzahlen des Jahres und auch die Einsatzstichwörter. Auch die letzten Jahre sind dort im Archiv zu finden. Dieses Jahr befinden wir uns mit aktuell 56 Einsätzen ziemlich im Durchschnitt. Ich denke, man kann von 100 – 120 Einsätzen reden, die wir First Responder im Jahr insgesamt haben.

Jede Einsatzkraft fährt im Monat zwei bis drei Schichten an den Wochenenden. Unsere Schichtzeiten sind etwa 9 bis 18 Uhr für die Tag und 18 bis 9 Uhr für die Nachtschicht – wobei diese Zeiten je nach Absprache untereinander relativ flexibel sind.

Einsatz-Stichworte wie „Atemnot“, „Herz-/Kreislauf“, „Schmerzen“ oder „Sturz“ sind wohl die häufigsten.

Die Notfallsituationen in Kliniken sind überlastet, weil sie manchmal „missbraucht“ werden – kommt es vermehrt vor, dass der Notruf angerufen wird für Fälle, bei denen man davon ausgehen konnte, dass man sich auch selbst hätte helfen können? Oder lieber einmal zu viel anrufen?

Ich persönlich möchte sagen, lieber einmal zu viel anrufen.

Es kommt dennoch immer wieder zu Einsätzen, die vermutlich nicht zustande gekommen wären, wenn die anrufende Person zuvor einmal die Situation überdacht und mit kühlem Kopf über Alternativen nachgedacht hätte.

Auch wir treffen immer wieder auf Patienten, die seelenruhig mit gepackten Koffern und bekannten Symptomen, umringt von fahrtauglichen Familienmitgliedern, darauf warten, abgeholt zu werden.

Kleine Erinnerung: Nur, weil man mit einem Krankenwagen kommt, ist man mit den gleichen Symptomen im Krankenhaus nicht schneller dran.
Das Krankenhaus macht eine eigene Triage und entscheidet je nach Krankheitsbild und Kapazität, in welcher Reihenfolge die Patienten behandelt werden.

Wenn zu viel angerufen wird – eine Idee, wie man dagegen angehen könnte? Es gibt ja viele Kampagnen, die darauf hinweisen, wann man den Notruf wählen soll und wann nicht. Aber anscheinend gibt es da keine Umkehr, oder?

Wie Sie sagen, es gibt viele Kampagnen, da werde ich wahrscheinlich auch keinen bahnbrechenden, innovativen Lösungsansatz präsentieren können.

Ich glaube, es ist wichtig, dass jeder, dem dieses Problem bewusst ist, im eigenen Umkreis wirkt und aufklärt.

Es ist auch sehr hilfreich, wenn man sich, bevor etwas passiert, Gedanken macht wie, man die eigenen Ressourcen nutzen kann.

Also einen ‚Schlachtplan‘ hat. Sich mit Familienmitgliedern abspricht, wer ins Krankenhaus fahren könnte, wenn ein Großelternteil erkrankt oder man speichert Nummern wie die des Giftnotrufs oder des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes ab.

Wenn dann was passiert, hat man dann eventuell Alternativen schon griffbereit. Manchmal tut der Rettungsdienst nämlich auch nicht mehr, als mit dem Patienten beim Giftnotruf anzurufen und nachzufragen, welche Auswirkungen die zu hohe Dosis der versehentlich eingenommen Medikamente haben könnte.

Aber: Bevor Schlimmeres passiert, lieber einmal zu früh anrufen als zu spät!

Eine weitere Herausforderung ist die Verbreitung von neuen Technologien, wie zum Beispiel E-Autos, E-Roller, Lithium-Akkus. Würden Sie sagen, dass Ihre Einsätze heute schwieriger sind als früher?

In unserem Bereich würde ich sagen, dass der Einfluss auf unsere Einsätze sehr gering ist. Es kommt mal zu einer Fehlalarmierung durch einen automatisierten Notruf im Auto – aber ansonsten kann ich keine besonderen Herausforderungen feststellen.

Wie geht man mit den körperlichen und vor allem auch den emotionalen Herausforderungen um?

Generell steht natürlich allen Einsatzkräften offen, sich nach belastenden Einsätzen an den Gruppenleiter oder auch die psychosoziale Notfall-Versorgung zu wenden.

Bei Einsätzen, die mehr Potential für emotionale Involviertheit der Einsatzkräfte bieten, gibt es auch konkretere Gesprächsangebote durch unsere Führungskräfte.

Sich mit Kollegen austauschen, das hilft aber in der Regel schon recht gut und die meisten Einsätze sind ja auch reine Routine.

Immer wieder hört man davon, dass Rettungskräfte bei der Arbeit behindert werden. Haben Sie das auch schon erleben müssen?

Ich persönlich musste diese Erfahrung noch nicht machen, eher erfährt man große Unterstützung und Dankbarkeit. Manchmal wollen Angehörige oder Passanten sogar so sehr helfen, dass es schon fast wieder zu viel ist, aber darüber will ich mich auf keinen Fall beklagen.

Gibt es genügend Nachwuchs im Team?

Wir sind natürlich immer auf der Suche …

Was bereitet Ihnen Freude im Team?

Ich finde meine Kollegen ganz großartig – das gemeinsame Frühstück vor oder nach einer Schicht ist sehr viel wert. Ich bin wirklich dankbar, dass ich durch mein Ehrenamt bei den First Respondern so viele motivierte und engagierte Leute kennenlernen durfte. Leute aus allen Altersgruppen und komplett unterschiedlichen Lebenssituationen und beruflichen Hintergründen …

War es ein Kindheitstraum, einmal eine Feuerwehrfrau zu sein?

Jugendfeuerwehr hat mich sehr interessiert, ich bin allerdings nie beigetreten weil ich dachte, ich könnte das nicht, wenn man dann zu einem Autounfall kommt und da ist vielleicht jemand verstorben. 

Mit 14 Jahren bin ich dann über Freunde zur Wasserwacht gekommen, damals hatte ich nur das Schwimmen und die Jugendarbeit im Sinn, aber letztendlich habe ich beim Roten Kreuz dadurch dann den Sanitätslehrgang als Grundlage für den Wasserretter absolviert und konnte dann damit auch direkt bei den First Respondern durchstarten. In die Aufgabe bin ich irgendwie mit der Zeit reingewachsen …

Dankeschön, Paula, für das Interview und weiterhin viel Glück!

RD

TIPP: Ab 18 Uhr ist beim Rotter Feuerwehrfest das beliebte Kesselfleischessen …

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