Dr. Hans Hinterberger referiert beim Heimatverein Wasserburg über den Reichstagsabgeordneten Sebastian Diernreiter aus Pfaffenham bei Schnaitsee

Dr. Hans Hinterberger arbeitet beim Bayerischen Rundfunk, ist Gemeinderat in Soyen und ist seit einem Jahr Vorstandsmitglied im Wasserburger Heimatverein. Jetzt hat der Historiker im Gimplkeller über den Landtags- und Reichstagsabgeordneten Sebastian Diernreiter aus Pfaffenham, einem zwischen Schnaitsee und Frabertsham gelegenen Weiler, einen eindrucksvollen Vortrag gehalten. Der Gimplkeller füllte sich an diesem Abend sehr stark, für ungefähr 30 Besucher gab es keinen Sitzplatz mehr, so groß war das Interesse an diesem Vortrag.

Sebastian Diernreiter, der 1875 geboren wurde, habe die Volksschule und anschließend drei Jahre eine Fortbildungsschule besucht. 1912 sei er in die Zweite Kammer des Bayerischen Landtags als Abgeordneter der Zentrumspartei eingezogen. Er habe als „Außenseiter“ gegolten, der sich im Wirtshaus zu den „Alten“ gesetzt und sich von seinen Altersgenossen abgesondert habe. Er sei sehr aufbrausend gewesen, Hinterberger zitierte ihn mit zwei Aussprüchen: „Störer können ihre Zähne im Schnäuztücherl heimtragen“ und „trieben sie es zu bunt, ließ ich meine Fäuste sprechen“. 

Große Verbundenheit mit der Kirche

Als Abgeordneter der Zentrumspartei sei er natürlich der katholischen Kirche sehr verbunden gewesen, habe sich aber auch eine gewisse Distanz zum Klerus bewahren können. Als er sich für das Wahlrecht von Frauen stark gemacht habe, habe ihm ein Geistlicher auch einmal zugerufen: „Herr Diernreiter, was unterfangen Sie sich, denken Sie an Ihre unsterbliche Seele!“

Auch als Landtagsabgeordneter sei er seiner Außenseiterrolle treu geblieben, habe stets etwas Besseres sein wollen und eine Mitgliedschaft im Finanzausschuss angestrebt.

„Bierkrieg“ 1910

Bei kontrovers ausgetragenen politischen Fragen wie der Bierpreiserhöhung 1910, als die Maß Bier 26 statt 24 Pfennige kosten sollte, machte er sich für die Protestierenden stark: Er trinke kein verteuertes Bier, soll er verkündet haben. Als die Bewohner von Schnaitsee eine Direktverbindung von Schnaitsee nach München mit der Bahn forderten, habe es schließlich das Angebot gegeben, von Endorf über Obing nach Schnaitsee ein Gleis zu legen, was aber die Bürger von Schnaitsee abgelehnt hätten. Im Ergebnis ergab es in Mittergars einen Bahnhof, den Diernreiter immer wieder gefordert habe, was dann auch viel Widerstand erzeugt habe.

Seit 1919 Reichstagsabgeordneter

Nach dem Weltkrieg 1918 kandidierte Diernreiter als Mitglied der Bayerischen Volkspartei (BVP) für den Reichstag, was ihm auch die Möglichkeit eröffnet habe, mit einer Delegation nach Paris zu reisen. Diese Stadt habe ihn fasziniert, wenngleich die Ablehnung des französischen „Feindes“ seine Gedanken noch beherrschte. Eingeladen beim französischen Sozialisten Aristide Briand, der Premierminister und später Außenminister Frankreichs war und gemeinsam mit Gustav Stresemann 1926 den Friedensnobelpreis erhielt, soll er reichlich Champagner getrunken haben, „um den Feind zu schädigen“.

Dabei sei Bayern, wie Hinterberger ausführte, auch ein Zentrum politischer Gewalttaten gewesen. Mehrere poliitsche Morde, wie die an Matthias Erzberger (1921) oder Walther Rathenau (1922), seien wohl hier initiiert worden und nicht wenige in Bayern hätten diese Morde zumindest „toleriert“.

Berlin neuer Lebensmittelpunkt

Er habe dann seinen Lebensmittelpunkt von Bayern nach Berlin gewechselt, habe gerne Karten gespielt, und zwar mit Persönlichkeiten wie Reichskanzler Hans Luther oder Heinrich Brüning, aber auch dem Kölner Oberbürgermeister und Präsident des Preußischen Staatsrates, Konrad Adenauer.

Rückzug aus der Politik 1933

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 habe sich Diernreiter aus der Politik zurückgezogen, aus seiner Ablehnung der NSDAP und ihrer Vertreter keinen Hehl gemacht. Er habe ihnen unter anderem Verlogenheit, Unaufrichtigkeit und die Abschaffung jedweder Meinungsfreiheit vorgeworfen und sei 1944 nur knapp einer Inhaftierung in einem Konzentrationslager entgangen. Die antikirchliche Politik Hitlers und seiner NSDAP sei für ihn eine „ewige Kulturschande“ gewesen. Nach 1945 habe er das Verschwinden des NS-Staates als Gewinn charakterisiert, den Holocaust aber nicht erwähnt.

Hans Hinterberger hat die Lebenserinnerungen von Sebastian Diernreiter ausgewertet, die im Original nicht auffindbar seien. Hinterberger habe aber in Regensburg eine Kopie finden können, die er habe auswerten können.

Hinterberger hat den unbequemen Reichstagsabgeordneten an diesem Abend außergewöhnlich gut charakterisiert und den Anwesenden mit seinem spannenden Vortrag einen tiefen Einblick in das Wirken dieses Menschen geben können. Die knapp 100 Anwesenden quittierten Hinterbergers Vortrag auch mit lang anhaltendem frenetischen Applaus.

Der Vorsitzende des Heimatvereins, Matthias Haupt, bedankte sich für das große Interesse an diesem Abend und lud gleich zur nächsten Veranstaltung des Heimatvereins ein, nämlich am kommenden Montag, 2. März, um 19.30 Uhr in die Aula des Luitpold-Gymnasiums Wasserburg: Dr. Katharina Weigand von der Ludwig-Maximilians-Universität München spricht zu dem Thema: „Der Münchner Friedensengel – Gedenken in der Prinzregentenzeit oder städtebaulicher Schmuck?“ Schülerinnen und Schüler eines P-Seminars haben sich auch mit diesem Thema eingehender beschäftigt. Der Eintritt ist frei.

PETER RINK

 

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