Serie: Wasserburg vor 100 Jahren – Teil 4 / Es wird kriminell

Nicht nur die Berichte über das Verhältnis zwischen Franzosen und Deutschen in den besetzten Gebieten sorgten für immer mehr Aufruhr, Ablehnung und Hass, auch die Preissteigerungen in einer Größenordnung, dass einem „die Augen übergehen“, erschütterten die Bevölkerung: Moralischer Druck und unmoralische Angebote gaben sich die Hand. Es wurde geschmuggelt oder geschummelt, arg gelitten oder gar verzweifelt eine Lösung durch Freitod angestrebt. Wie es die Menschen im Februar 1923 beutelte, hat Peter Rink für die Wasserburger Stimme anhand des damaligen Wasserburger Anzeigers (WA) zusammengestellt.

Es geht los mit der allgemeinen  …

Chronik für die Zeit von Mitte bis Ende Februar

15. Februar 1923
Reichspräsident Friedrich Ebert reist nach Mannheim und Karlsruhe, er ruft die Bevölkerung zum passiven Widerstand gegen die Besatzer auf.
16. Februar 1923
Die Botschafterkonferenz der alliierten Staaten stimmt der Übergabe des Memelgebiets an Litauen zu.
Mit dem von Gustav Radbruch entworfenen Jugendgerichtsgesetz (RJGG) wird in Deutschland erstmals ein gesondertes Jugendstrafrecht eingeführt. Damit werden jugendliche Straftäter anders bestraft als erwachsene. Der Gedanke der Resozialisierung fand damit erstmals Eingang in das Strafrecht.
Das im November 1922 im Tal der Könige in Oberägypten entdeckte Grabmal des Pharaos Tutanchamun wird erstmals geöffnet.
20. Februar 1923
Der Oberbefehlshaber der französischen Besatzungstruppen im Ruhrgebiet erlässt ein Einreise- und Aufenthaltsverbot gegen alle deutschen Regierungsmitglieder.
25. Februar 1923
Die Existenz der Mikronation „Freistaat Flaschenhals“ wird durch französische Truppen beendet. Als Freistaat Flaschenhals bezeichnete sich selbstironisch ein schmales Gebiet zwischen dem Rhein und dem unbesetzten Teil der preußischen Provinz Hessen-Nassau, das nach Ende des Ersten Weltkriegs vom 10. Januar 1919 bis zum 25. Februar 1923 bei der alliierten Rheinlandbesetzung zwar unbesetzt blieb, jedoch vom übrigen unbesetzten Deutschland faktisch isoliert und damit politisch wie wirtschaftlich auf sich selbst gestellt war. Um einen Staat im völkerrechtlichen Sinne handelte es sich dabei nicht.

 

Ruhrgebiet und Rheinland:
Zentrales Thema in der zweiten Hälfte des Februar 1923 war weiterhin die Besetzung von Ruhrgebiet und Rheinland durch französische und belgische Truppen. Stets sehr groß war der Zorn im WA, weil es wohl immer wieder Übergriffe auf deutsche Geschäftsleute und Beamte gegeben haben soll. Der passive Widerstand schadete den Besatzungsmächten, aber gleichzeitig auch den Deutschen, und zwar überall im Reich.
Sehr deutlich wird in der Berichterstattung der hilflose und auch machtlose Hass gegen die Besatzer. Inwieweit die Berichterstattung wahrheitsgetreu war oder ob sie übertrieb, konnte leider nicht genau überprüft werden. Auf jeden Fall nehmen die Gräuelnachrichten über den Umgang der Franzosen mit den Deutschen im besetzten Rheinland einen sehr breiten Raum in der Berichterstattung ein, sodass dadurch die deutsch-französischen Hass-Animositäten sicher auch gefördert wurden.

Aus der großen Fülle der Berichterstattung hier nur ein paar Beispiele:


Reitpeitschen und Fußtritte

Nachdem sich in dem am Essener Bahnhofsplatz liegenden Hotel „Handelshof“ das Personal geweigert hatte, die französischen Offiziere zu bedienen, ließen die Franzosen durch eine Streifwache das Lokal von den anwesenden Deutschen, die dort ihr Mittagessen einnehmen wollten, räumen. Die Deutschen mußten ihr Essen im Stiche lassen. Sie wurden von den französischen Offizieren mit der Reitpeitsche hinausgetrieben und kamen draußen zwischen zwei Patrouillen, die von verschiedenen Straßen her gegen die Menge losgingen.

Die Soldaten mißhandelten mit Gewehrkolben, Reitpeitschen und Fußtritten einzelne Deutsche. Ein 14jähriger Junge wurde mit der Reitpeitsche über Kopf und Arm geschlagen. 2 französische Kraftfahrer schleppten ihn in den Keller des Essener Postamts, mißhandelten ihn, schlugen ihm die Zähne ein und den Kopf blutig. Oberpostdirektor Weber  holte daraufhin einen französischen Offizier, der den Knaben befreite. Das Hotel Kaiserhof und Handelshof wurde darauf von den Franzosen geschlossen. Ueber die letzten Vorgänge in der Stadt wird noch bekannt, daß durch einen Schuß aus der Post heraus, der von den Franzosen abgegeben wurde, der jugendliche Walter Ruhloff am Schenkel schwer verletzt wurde.

Mittags erschienen 3 Offiziere und 30 Mann vor dem Gebäude der „Rheinisch-Westfälischen Zeitung“, zwei Offiziere begaben sich zum Verlagsdirektor und teilten ihm mit, daß die „Rheinisch-Westfälische Ztg.“ auf 14 Tage verboten sei und daß außerdem eine Wache im Hause untergebracht werde. Vor dem Gebäude ist ein Doppelposten aufgezogen.“
(WA 38/1923 vom 15. Februar 1923)

Die Brutalitäten der Franzosen

„Dienstag morgen drangen starke Teile franz. Kavallerie, Artillerie und Tanks (=Panzer) von Recklinghausen kommend, in die Stadt Gelsenkirchen ein. Die Hauptwache am Polizeipräsidium wurde unter Anwendung von Gewalt entwaffnet. Die Polizeibeamten wurden abgeführt. Sie wurden unterwegs blutig geschlagen und mußten im Parademarsch gehen. Es war sichtlich darauf abgesehen, sie so schmachvoll wie möglich zu behandeln. Man nimmt an, daß die Besetzung infolge des gestrigen Zwischenfalls erfolgte.

Heute nachmittag sind Bürgermeister Wedelstedt, Bürgermeister Antoni und Polizeipräsident Stieler unter großem Aufgebot von Truppen und Tanks verhaftet worden. Außerdem wurden der Major der Schutzpolizei, Punon, und der Vorsteher der Reichsbank, Juri, verhaftet.

In einer außerordentlichen Stadtverordnetensitzung teilte die Dienstälteste Beigeordnete Baurat Arendt mit, daß der französische Major von der Stadt die Zahlung von 100 Millionen Mk. bis morgen mittag forderte als Sühne für den Zwischenfall mit den beiden Gendarmerieoffizieren. Dieses wurde von der Stadt abgelehnt.“
(WA 38/1923 vom 15. Februar 1923)

 

Die Folterkammer in Recklinghausen

Die Franzosen haben in Recklinghausen ein Gefängnis eingerichtet, wohin die in den Nachbarstädten Verhafteten verbracht werden. 30 der verhafteten Bürger sind in einem gemeinsamen Raum untergebracht, ohne Betten und ohne Decken. Sie müssen auf der nackten Erde im Raum eines Gymnasiums liegen, nur ein wenig vertretenes Stroh dient ihnen als Unterlage. Sie dürfen weder sitzen noch stehen. Ebenso ist ihnen Sprechen, Lesen und Rauchen verboten. In der ersten Zeit bestand ihre Verpflegung aus dem Morgenkaffee, der in einem Pferdefuttersack verabreicht wurde. Aus diesem mußten sie ihn sich in zwei leere Weinflaschen füllen, die zufällig vorhanden waren und daraus mußten sämtliche Gefangene den Kaffee trinken. Mittags gab es für die 30 Mann zwei Weißbrote, ein wenig Suppe und Gemüse. Ohne Teller, Messer, Gabeln mußten sie dies essen, in zehn Minuten, lediglich unter Zuhilfenahme ihrer Finger, hinunterschlingen. Unter den Gefangenen befindet sich ein14jähriger Knabe.
(WA 47/1923 vom 26. Februar 1923)

 

Die Ablehnung alles Französischen wurde dann auch in politischen Entscheidungen deutlich:

Englisch statt Französisch

Das preußische Kulturministerium hat die Provinzialschulkollegien ermächtigt, die Einführung des Englischen als erster lebender Fremdsprache da, wo es gewünscht wird, noch zu Ostern zu genehmigen. (In Bayern ist diese Maßnahme bekanntlich bereits obligatorisch getroffen worden.)
(WA 42/1923 vom 20. Februar 1923)

 

Bier, Brot, Milch, Tabak und Fleisch: Die Preise steigen und steigen …

Wasserburg. Wie schon berichtet, ist der Preis für die Maß Bier von 300 auf 600 Mark erhöht worden. Zweifellos ist das ein schneidiger Hechtsprung, der von guten Eltern stammt. Und weil’s in einem Aufwaschen hingeht, hat auch der Kommunalverband den Preis für das Hausbrot von 160 auf 200 Mark pro Pfund erhöht, also nur um 40 Mark – weil’s gleich ist. Nun kommt die Milche wieder an die Reihe – wie eigentlich ganz selbstverständlich.
(WA 38/1923 vom 15. Februar 1923)

Die Milch kostet nun bei uns vom 20. Februar ab 328 Mark der Liter – ein Preis zum Augenübergehen. Trotz des ohnehin schon teuren Preises herrscht aber ständig Milchnot bei uns. Daran ist in erster Linie der Mangel an Kraftfutter schuld, die Milchergiebigkeit ist bei den Kühen infolgedessen ganz bedeutend zurückgegangen. Aber auch die kaum glaubbar hohen Bierpreise tragen dazu bei, daß immer weniger Milch abgeliefert wird, weil eben die Landleute diese zum Hausgebrauch verwenden, da ihnen das Bier zu teuer ist. Das Trumm geht letzten Endes auf unsere Kinder hinaus, welchen keine Milch mehr gegeben werden kann und daher verkümmern müssen. Und da sagt man immer: Deutschlands Hoffnung liegt in unserer Jugend!
(WA 44/1923 vom 22. Februar 1923)

Welche Preissteigerungen waren dem Leser des Wasserburger Anzeigers wichtig? Gelesen wurde diese Zeitung vornehmlich von Männern, die eher wohlhabend oder gut situiert waren. Darum ist diese Meldung bezeichnend, vor allem, weil sie sehr ausführlich ist:

Die Tabakpreise sind wieder ungeheuer gesteigert worden. Wie der Verband des Bayer. Tabakgewerbes mitteilt, weisen nach den letzten Preislisten die verschiedenen Tabakwaren ungefähr nachstehende Kleinverkaufspreise auf: Zigarren einfache Qualitäten von 250 Mark aufwärts, rein überseeisch von 500 Mark aufwärts, bessere von 1000 Mark aufwärts. Luxusqualitäten von 2000 Mark aufwärts, einfache Virginia von 300 Mark aufwärts, echte Virginia von 500 Mark aufwärts, Zigaretten: mit Hohlmundstück von 60 Mark aufwärts, ohne Mundstück von 100 Mark aufwärts, bessere Qualitäten von 150 Mark aufwärts. Rauchtabake: Rippenmischungen 100 Gramm von 1200 Mark aufwärts, einfache Qualitäten von 2000 Mark aufwärts, Blattware rein überseeisch von 3000 Mark aufwärts.
(WA 48/1923 vom 27. Februar 1923)

 

Net um a schware Sau. Dieser Spruch war früher allgemein, da man eine schwere Sau jederzeit noch hoch einschätzte. Aber das hätte sich niemand träumen lassen, daß eine schware Sau mehr wie anderthalb Millionen kostet. Metzgermeister Hutter kaufte dieser Tage ein Schwein vom Hans zu Töging mit 5 Ztr. 36 Pfund; das mehr wie die oben angegebene Summe kostete. Ja, ja, jetzt geht’s um die Millionen.
(WA 48/1923 vom 27. Februar 1923)

 

In Zeiten materieller Not wurde auch eigennützig mit der moralischen Keule geschwungen:

Niemals
Können Sie die Nichteinzahlung der restigen 250 Mark für das Februarabonnement dieser Zeitung moralisch rechtfertigen? Deshalb zahlen Sie die 250 Mark ein auf das Postscheckkonto 11130 München Friedr. Dempf, Wasserburg oder direkt in unserer Expedition in Geld oder in Eiern.
(WA 48/1923 vom 27.02.1923)

Wenn die Armut übergroß wurde, gab man schon auch einmal seine sechs Monate alte Tochter ab. Ein Inserat lautete wie folgt:
Suche für 1/2 Jahre altes Mädchen einen guten Kostplatz aufs Land
(WA 41/1923 vom 19. Februar 1923)

 

Das Geld, der Ausverkauf und das Schmugglerwesen

2,7 Billionen Banknoten-Umlauf
In der zweiten Februarwoche setzte sich dem Wasserburger Anzeiger zufolge die ungeheure Steigerung der Inanspruchnahme der Reichsbank fort, der Banknotenumlauf schwoll um 450 auf 2703 Milliarden an.
(WA 43/1923 vom 21. Februar 1923)

Wasserburg. Eine Laufener Notiz berichtet: Gegen den Ausverkauf Südbayerns. Der Ausverkauf Südbayerns durch Oesterreicher und der gleichzeitige Ausfuhrschmuggel zeigen nach wie vor die krassesten Auswüchse. Bis in der Gegend von Wasserburg und Mühldorf werden Lebensmittelaufkäufer angetroffen, die ausschließlich nach Oesterreich liefern. Ganze Schmugglerbanden haben sich jetzt organisiert, um Salzburg und Hallein mit aller Art Lebensmittel zu versorgen, ja bis nach Linz, Ischl und Wien werden geschmuggelte Textilwaren, Schreib-, Strick- und Nähmaschinen, Motore usw. aus Bayern geholt.(WA 44/1923 vom 22. Februar 1923)

Wer den Pfennig nicht ehrt. Für den Kupferpfennig werden gegenwärtig 290 Papiermark bezahlt. Das beweist am besten, wie wertlos unsere Papiermark ist. Auswärts ist man gelegentlich schon dazu übergegangen, den Kupferpfennig wieder in Kurs zu setzen. So sind Mainzer Bäcker dazu gekommen, Weißbrote gegen Kupferpfennige abzugeben. Aber mit dem Steigen der Papiermark ist auch der Kupferpfennig wieder um einen Teil seines Wertes gekommen. So forderte ein Bäckermeister zunächst 1, dann 2, schließlich 3 und jetzt sogar einen Nickelfünfer für ein Weißbrötchen.
(WA 45/1923 vom 23. Februar 1923)

Für die Monate März und April wird der Zuschlag zur Grundmiete auf 7500% festgesetzt.
(WA 48/1923 vom 27. Februar 1923)

 

Neue Formen der Beschäftigung

Ein Dienstmädchen-Verleihinstitut
In Newyork hat eine Dame ein Dienstmädchenverleihinstitut gegründet, das großartigen Anklang findet. Man abonniert ein Mädchen für beliebige Stunden nach Vereinbarung, ebenso für besondere Arbeiten, ganz so, wie man etwa einen Handwerker bestellt und ins Haus kommen läßt. Die Bezahlung leistet man an das Institut. Der Preis ist viel billiger als ein ständiges Mädchen.
(WA 44/1923 vom 22. Februar 1923)

 

Häusliche Gewalt

In der Nacht zum Mittwoch ereignete sich in der Wohnung des 48jährigen Kohlenführers Pius Hartmann ein aufregender Vorfall. Hartmann hatte sich beim Kohlenzustellen Unregelmäßigkeiten zuschulden kommen lassen und sollte deshalb am Dienstag in seiner Wohnung durch einen Polizeibeamten vernommen werden. Der Beamte traf ihn jedoch in der Wohnung nicht an. Hartmann kam am Abend nach Hause und legte sich mit seiner Familie frühzeitig zu Bett. Er schlief mit seiner Frau und dem stellenlosen 26jähr. Dienstmädchen Elise Haas in demselben Zimmer, das ohne Licht ist. Gegen 1 Uhr stand er auf, drehte in der nebenan liegenden Küche, in der der 15jährige Sohn schlief, das Licht auf, ergriff einen Hammer und versetzte dem Dienstmädchen zwei Schläge auf den Kopf. Dann überfiel er seine Frau und verletzte sie mit dem Hammer durch mehrere Schläge auf dem Kopf schwer. Der 15jährige Sohn erwachte, stand auf und war gerade Zeuge, wie sein Vater auf die Mutter losschlug. Als er dem Vater zurief: „Was tust du?“ Ließ Hartmann von seiner Frau ab und verfolgte den Sohn, der hilfeschreiend in die Wohnung einer Nachbarpartei lief. Durch die Hilferufe erwachte auch der 20jähr. Sohn des Hartmann, der in einem anderen Zimmer schlief. Als er herbeieilte, war der Vater verschwunden. Man rief einen Arzt, unterließ es jedoch, die Polizei zu verständigen. Als am Mittwoch vormittag der Polizeibeamte wieder erschien, um Hartmann zu vernehmen, war er nicht aufzufinden. Niemand konnte über seinen Verbleib Auskunft geben. Der Beamte führte eine Kellerdurchsuchung durch und wollte auch im Speicher Nachschau halten. Die Tür war jedoch von innen versperrt und mußte aufgebrochen werden. Im Speicher fand man die Leiche Hartmanns, der sich mit dem Wäscheseil an einem Dachbalken erhängt hatte. Hartmann war von seiner Firma entlassen worden. Der Zustand der Frau ist zunächst nicht lebensgefährlich, sie befindet sich zu Hause in ärztlicher Pflege. Das Dienstmädchen hat keinen wesentlichen Schaden genommen.
(WA 38/1923 vom 15. Februar 1923)

 

Aus dem Wasserburger Amtsgericht, Sitzung vom 8. Februar 1923

In der Privatklagesache des Fischers Martin Moser in Hampersberg gegen den Händler Gg. Kaiser in Hampersberg wg. Beleidigung wurde der Angeklagte Kaiser wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe von 200 Mark oder 2 Tagen Gefängnis sowie zu den sämtlichen Kosten des Verfahrens und des Strafvollzugs verurteilt.
(WA 40/1923 vom 17. Februar 1923)

Zwei Eßlöffel verschluckt hat im Gerichtsgefängnis ein 19jähriger Hilfsarbeiter. Er wollte sich auf diese Weise das Leben nehmen, erreichte aber seinen Zweck nicht und kann sich nun die Löffel wieder herausoperieren lassen.
(WA 48/1923 vom 27. Februar 1923)

 

In die Falle getappt / Warnhinweis

Ein von Berlin nach München reisender Konzertmeister, der 2 Geigen und Gitarren bei sich hatte, lernte im Zuge 3 junge Leute kennen, die sich in Nürnberg, da er die Fahrt unterbrechen mußte, erboten, die Instrumente nach München mitzunehmen und in seine Wohnung zu bringen. Der Konzertmeister war damit einverstanden. Die Instrumente im Wert von einer halben Million Mark sah er allerdings nicht mehr wieder.
(WA 40/1923 vom 17. Februar 1923)

Wasserburg. (Warnung für junge Mädchen.) Auf ein Inserat in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ „Frühlingserwachen! Ein armes Mädchen wird aufgenommen!“ Meldete sich die 18jährige Tochter eines braven Tölzer Arbeiters bei einem älteren Herrn, angeblich Amerikaner, in einem Münchner Hotel. Nun sind zwei Postkarten, von dem Mädchen geschrieben, ohne Briefmarken, an die Mutter gelangt, in denen das Mädchen mitteilt, daß es eingesperrt ehalten werde, in den nächsten Tagen mit einem Auto nach Berlin verschleppt und in ein öffentliches Haus verbracht wird. Mit herzzerreißenden Worten bittet und ruft sie die Mutter um Hilfe an. Hoffentlich führen die unternommenen Schritte zur alsbaldigen Befreiung des Mädchens.
(WA 42/1923 vom 20. Februar 1923)

 

Bauen in Wasserburg
So geht es nimmer weiter, da kann niemand mehr bauen, wenn der einzelne Ziegelstein schon so viel kostet, das ist eine Rede, die man im Laufe der letzten Jahre hundert- und tausendmal gehört und geglaubt hat. Und immer wieder ist trotzdem gebaut worden. Auch jetzt geht es nicht anders. Wie schon gemeldet, errichtet die Stadt am Burgerfeld neue Doppelwohnhäuser und die Textilfabrik Hummelsheim geht nun auch daran, für ihre Beamten ebenfalls am Burgerfeld in der Gegend des Eisstadels zunächst ein Doppelhaus zu erbauen.
(WA 44/1923 vom 22. Februar 1923)

Mehr Nachrichten aus Wasserburg im Februar 1923
Gutgeheißen wurden vom Oberbayerischen Kreistag Rechnung und Voranschlag der Luitpold-Realschule in Wasserburg.
(WA 48/1923 vom 27. Februar 1923)

Vom elektrischen Strom getötet wurde hier der 14jährige Josef Hobelsberger vom Schiefweg. Er hantierte mit einer Handlampe, die mit Steckkontakt an der Ortsleitung angeschlossen war. Plötzlich sank er tot um.

(WA 43/1923 vom 21. Februar 1923)

 

Geschieden – Eine Beleidigung: So stellte das Schöffengericht durch Urteil auf 2.000 Mark Geldstrafe fest, das in der Begründung sagt, daß die Bezeichnung einer nicht verheiratet gewesenen Person als geschieden unter allen Umständen für die betreffende Person beleidigend sei.
(WA 44/1923 vom 22. Februar 1923)

Da Fälle vorgekommen sind, in denen das Tragen politischer Abzeichen durch Beamte zu höchst unerwünschten Auseinandersetzungen namentlich im Schalterverkehr geführt hat, die ernstliche Störungen der dienstlichen Ordnung und des Betriebes verursachten, wurde den Verkehrsbeamten das Tragen derartiger Abzeichen (Hakenkreuze, Sowjetsterne, farbige Schleifen usw.) im Dienst allgemein untersagt.
(WA 48/1923 vom 27. Februar 1923)

In Lebensgefahr schwebten verflossenen Mittwoch die Wirtsleute Huber von hier, als sie mit ihrem 4jährigen Mädchen die Achatzstraße befuhren. Oberhalb des Wohnhauses von H. Ing. Hagen rannte ihnen der Zweispännerschlitten des Brandl v. Tötzham in das ihre, dem Brandl war der Zügel gerissen und die Pferde durchgegangen. Bei dem Zusammenstoß ging das Wägerl des H. Huber in Trümmer. Frau Huber wurde samt ihrem Mädchen eine Strecke weggeschleudert und erlitt eine Gehirnerschütterung, daß sie bis zum Abend bewußtlos war. Sie und das Kind trugen auch sonst noch Verletzungen und starke Prellungen davon. H. Huber behielt glücklicherweise die Zügel in der Hand und da auch sein Pferd treu stehen blieb, wurde größeres Unglück verhütet.
(WA 48/1923 vom 27. Februar 1923)

Der Bauer Matthias Braun lieferte an die Kunstmühle Roggen als Brotgetreide ab, der 80 Prozent mit Sand und Dreck gemischt war. Mit seinem Umlagegetreide fuhr jemand vor dem Lagerhaus in Ram vor. Sack für Sack wurde abgeladen. Wie es das Glück oder Unglück wollte, brach ein Sack in der Mitte ab und siehe da: Ziegelsteine bildeten des Sackes unsolides Rückgrat.
(WA 46/1923 vom 24. Februar 1923)

 

Wie sich die Notlage im März weiter verschärfte …
… ist in Teil 5 der Serie zu lesen, die in Kürze folgt.

PETER RINK

Bildernachweis:

Vorlage für das Titelbild/Serienlogo:
Rückseite des Gutscheins (Notgeld) der Stadt Wasserburg aus dem Jahr 1923 über eine Million Mark mit Zeichnung der Innfront/Burg vom Südufer des Inns (Rothmaier, 1920)

Gutscheinbild:
Vorderseite des Gutscheins der Stadt Wasserburg

StadtA Wasserburg a. Inn, IVd3, Repro/Fotobearbeitung: Matthias Haupt