„und fühlen so wenig“ - Theater für die Jugend Burghausen beeindruckt mit satirischer Komödie bei den Theatertagen
Eigentlich sollte diese Geschichte in einer Zukunft spielen, die man nicht haben will. Doch bei den Vorbereitungen für die Komödie „Die große Freiheit“ des Autors und Regisseurs Mario Eick sei man vom aktuellen politischen Zeitgeschehen immer wieder eingeholt worden, so hört man es von den Verantwortlichen des Burghausener Theaters, die gestern bei den 20. Wasserburger Theatertagen ihr Stück präsentierten.
Die Geschichte ist kurz erzählt: Ein großer Weltwirtschaftskrieg tobt erbittert und andauernd. Die Menschen haben Angst, ihre Sicherheit und ihren Wohlstand zu verlieren. Sie wählen Anton Hetzlaff, der einen Bart trägt, wie es Adolf Hitler tat und dessen Erscheinung Charlie Chaplin in seiner Rolle in „Der große Diktator“ ähnelt, zum neuen Kanzler. Doch der entpuppt sich schnell als das, was er ist, nämlich als größenwahnsinniger Diktator. Des neuen Kanzlers Nationalgardisten sind engagiert damit beschäftigt, die Menschen zu drangsalieren, sie sagen „nein“ zu „Klimafanatikern“, zu „Kopftuchträgerinnen“, und zur Versammlungsfreiheit von politischen Gegnern. Der Kanzler lässt sich „der Führer“ nennen und will die gesetzliche Krankenversicherung abschaffen. Natürlich werden auch die USA erwähnt mit ihrem Präsidenten, der Weg „in den amerikanischen Darm ist lang und entbehrungsreich“, erfährt das Publikum an diesem Abend. Der Arzt Dr. Salomon hat seine Anstellung verloren und muss nunmehr Würstchen verkaufen. Bei einer Auseinandersetzung mit den Schergen des „Führers“ ist er schwerer am Auge verletzt worden. Leider gibt es keine Würstchen und so verkauft er heißen Dampf, heiße Luft also. Doch schon dieser Dampf löst bei den Schergen Begeisterung aus.
Frau Salomon ist Malerin und malt an einem Portrait des „Führers“. Sie gehört zur Gruppe der „Iwen“, die jetzt nach und nach abgeholt werden. Sie darf das Portrait aber noch fertig stellen. Wird sie danach gleich abgeholt? Nicht alles wird an diesem Abend in allen Einzelheiten dargestellt, die Phantasie des Publikums reicht aus.
Autoritäre Herrscher beeindrucken oft durch „komödiantisches Potenzial“, so äußerte sich der Autor und Regisseur der Komödie „Die große Freiheit“, Mario Eick vom Theater für die Jugend in Burghausen.
„Satire ist der untaugliche Versuch, die Wirklichkeit übertreffen zu wollen.“ Dieser Satz, er wird Friedrich Dürrenmatt zugeschrieben, will sagen, dass das, was wir in der Wirklichkeit erleben, manchmal sehr grotesk sein mag, aber das Lachen einem schon mitunter in den Mundwinkeln gefrieren mag.

„Du musst wachsen und wachsen, bis nichts mehr hineinpasst“, erfährt das Publikum und gemeint ist nicht mehr und nicht weniger, als dass das Verbrecherische in der Diktatur keine Gnade kennen will. „Wir sind so klug und so kalt“, hört man es von der Bühne.
Doch dann plötzlich die große Änderung des Geschehens: Es wird festgestellt, dass „der Führer“ korrupt sei und man ihm Unregelmäßigkeiten nachweisen könne, er wird verhaftet. Man hört den „Klang genagelter Stiefel“, wie es der heute 100-jährige Auschwitzüberlebende Dr. Leon Weintraub im April 2015 in Wasserburg bei einem Vortrag laut und wiederholend betonte, ein Klang, der allen so viel Angst bereitet habe.
Und dann geschieht bei dieser Komödie das Wunder, die Spieler fangen an zu tanzen und Leonhard Cohens Ballade „Dance me to the end of love“ ertönt aus den Lautsprechern. Die Spieler fordern die Zuschauer auf mitzutanzen und so tanzen „Der Führer“ und auch die Bewohner des iwischen Viertels miteinander.
Ist Musik, wie es Goethe einst formulierte, die Sprache, die überall verstanden wird? Dann wäre es wohl auch die Sprache, die den Frieden befördern kann. Mit dieser Frage, aber auch dieser Hoffnung, entließ das Theater für die Jugend Burghausen an diesem Abend das Publikum, das die Darbietung mit tosendem, lang anhaltenden Applaus belohnte. Emily Schmeller, Anna März, Susan Hecker, Bálint Walter und Werner Schwarz haben es in eindringlicher und excellenter Weise vermocht, eine Komödie der besonderen Art zur Darstellung zu bringen. Mit dem Spüren, dass hier Theater der Extraklasse entstanden ist, wandten sich die Besucher anschließend dem obligatorischen Prosecco zu und ließen den Abend gedanklich Revue passieren.
PETER RINK
Fotos: Christian Flamm
Schaufenster












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