Die Familiengeschichte einer Leserin zum Schäfflertanz

Unsere Leserin Romana Steinwender-Irlacher hat eine Schäffler-Geschichte geschrieben,  die auf einer wahren Begebenheit beruht. Vielen Dank für die Geschichte und das historische Bild aus dem Familienalbum.  Die Familientradition wird weitergeführt, die Halbschwester der Verfasserin ist heuer als Marketenderin dabei. Hier die Geschichte von Romana Steinwender-Irlacher:

In einer kleinen Stadt am Inn, umgeben vom Fluss, beschützt und behütet, schlang er sich bis heute fast ganz um diese alte, zauberhafte, mythenreiche Salz-Stadt. Hier entsprang Anfang des 20. Jahrhunderts die Idee, den Schäffler-Tanz wieder Leben einzuhauchen. Diese alte Tradition, die im 17. Jahrhundert, als die Pest so schlimm wütete und die Menschen nach der Katastrophe wieder aus den Häusern zu locken vermochte, aufzugreifen um abermals Freude zu bereiten.

Der Erste Weltkrieg lag hinter den Menschen, die Zeiten waren hart und man wollte ein paar Stunden den Alltag hinter sich lassen, fröhlich und ausgelassen sein. Der Turn- und Sportverein Wasserburg suchte deshalb Leute, die gerne draußen unterwegs waren und keine Angst vor der Kälte hatten. Sportlich sollten sie außerdem sein, denn so eine drei bis fünfmalige Vorstellung an einem Tag war kein Pappenstil. Trotz der Herausforderung ließen sich genügend Leute in diese schöne Tradition zum Mitwirken einladen und es wurde ein voller Erfolg.

In München und schon anderen bayrischen Städten hatte man sich auf einen Sieben-Jahres-Rhythmus geeinigt und so sollte es auch in Wasserburg sein. 1843 wurde der Tanz das erste Mal in Wasserburg aufgeführt. Erst 1921 war es wieder soweit. Die junge Magda konnte etwas Frohsinn und Abwechslung gut gebrauchen. Sie war noch nicht lange in Wasserburg und kannte noch nicht so viele Leute hier. Da sie aber sehr sportlich war, hatte sie sich gleich bei ihrer Ankunft im TSV 1880 eingeschrieben. Es machte ihr viel Spaß und das Jahr darauf meldete sie sich bei den Schäfflern an. Davon hatte sie schon länger geträumt und nun war sie dabei.

Durch einen Verehrer, der ebenfalls zu den Tänzern gehörte, war die Zusage ganz leicht, denn es hatten sich nämlich mehr Interessenten beworben als tatsächlich gebraucht wurden. Darunter war auch der südländisch-aussehende Peter, eigenltich Pedro wie sein Vater, der vor 20 Jahren aus Italien geflohen war. Vor was er damals geflohen war wusste keiner so genau und deshalb rankten sich wilde Geschichten um die Familie.

Schäffler-Jahr 1921: Es war eine große Familie mit 13 Kindern und alle hatten schwarze Augen und Haare, bis auf die Mutter, die eher einem Engel glich. Peter wurde beiden Schäfflern abgelehnt ohne Begründung. Das tat ihm sehr leid, denn er wollte das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Außerdem hatte er ein Auge auf die hübsche, stille Magda geworfen, wie einige junge Burschen hier in Wasserburg. Peter und seine Familie waren zwar sehr fleißig und hatten sich einen guten Ruf mit der Zeit in Wasserburg erarbeitet, aber so richtig mit dabei waren sie nicht. Das lag vielleicht daran, dass Peters Vater irgendwo aus dem fernen Sizilien kam, plötzlich da war und sich auch noch die schöne und beliebte Ellen schnappte. Die Ehe war glücklich und Kinderreich geworden. Das hatte man dem „fremden Kerl“ nicht so ganz vergönnt. Dies ist aber eine andere Geschichte.

Magda war froh, im Wasserburger Stadtleben so schnell Fuß gefasst zu haben. Ein schwerer Schicksalsschlag traf ihre kleine Familie vor fast zwei Jahren. Der Vater war in Jettenbach Werksmeister und kam bei einem Arbeits-Unfall ums Leben. Die Mutter, die schon das zweite Mal in ihrem Leben Witwe geworden war, zog daraufhin mit Magda in diese Stadt, wo es etwas turbulenter war und sie Ablenkung fand. Arbeiten musste sie nicht, denn ihr Mann hatte ihr ein gutes Auskommen hinterlassen. Magda war bei den besten Schneidern in der Stadt zur Lehre untergekommen. Der Schneidermeister war sehr zufrieden mit ihr und auch seine Frau mochte die stille und fleißige, bescheidene, junge Frau. Magda hatte sich einen kleinen Freundeskreis aufgebaut und sie fühlte sich wohl in dieser Kreis-Stadt. So richtig gute Freundinnen fand sie jedoch noch nicht, aber das kam sicher noch. In der Schneiderei arbeitete die Tochter des Lehrerˋs Gruber und sie bot Magda öfters an zum Tanztee beim Cafe Lebzelter mitzukommen. Magda wollte nicht, denn ihre Mutter hätte das nie erlaubt. Diese „modernen Sachen“ sind nichts für eine jungen Dame mit Anstand und Moral, hörten sie in Gedanken die strenge Mama sagen. Also blieb ihr meist nur als Gesselschaft ihr Hund „Xaver“, ein Foxterrier-Mischling, dem sie alle Wünsche und Sorgen in sein wuscheliges Ohr flüsterte.

Peter dagegen hatte viele Geschwister und war selten alleine. Er war ein lustiger, junger Mann.Jedoch war er sehr enttäuscht darüber, dass er nicht beim Schäffler-Tanz mit dabei sein konnte und überlegte, was er stattdessen machen wollte. Irgendetwas musste ihm bald einfallen, um seiner Angebeteten näher zu kommen. Er beobachtete zufällig, dass sie und ihre Mutter neben der höheren Schule wohnten und einen Hund hatten. Mit diesem ging Magda täglich spazieren. Das Schwierige daran war nur, dass das immer zu verschiedenen Zeiten stattfand und so musste er wohl oder übel den Zufall zu Hilfe nehmen. Eines Abends hatte er Glück. Magda ging den Achatz-Berg hinauf zum Magdalenen-Weg und dort schließlich machte sie beim Drei-Kreuz-Berg eine kurze Pause. Peter kam wie zufällig von oben vom Burgstall her und grüßte freundlich. Er fragte, ob ihr nicht etwas bange war, so ganz alleine im Dunkeln. Sie lachte ihn aus und deutete auf den kniehohen Mischling, der leise knurrte. Erst nachdem Magda ein scharfes „Aus“ zum Hund verlauten ließ, kam er näher und schnüffelte interessiert an Peter herum.„Xaverl“ hieße der Vierbeiner und war ihr zugelaufen, schon damals in Jettenbach, wo sie vorher gewohnt hatte. So entwickelte sich ein nettes Gespräch und Peter begleitete sie bis nach Hause. Das wiederholte sich von da an jeden Abend. Nach dem vierten Spaziergang fragte sie ihn, ob er denn Lust hätte am Wochenende bei den Schäfflern zuzuschauen. Erfreut willigte er ein und von da an war Peter bei fast jedem Schäffler-Tanz anwesend. Anfangs fiel das gar nicht so auf, aber der Fasching war dieses Jahr lang und so war er doch ganz bald der Stamm-Besucher und eine andere Marketenderin hatte schon ein Auge auf den feschen Südländer geworfen. Sie lud ihn häufig auf einen Schnaps ein und so dachten die anderen Schäffler-Mitglieder nichts vom eigentlichen Grund des häufigen Erscheinen von Peter bei den Auftritten.

Magda war keineswegs eifersüchtig, denn sie fand es auch ein ganz kluges Ablenkungsmanöver, zumal die andere junge Frau aus reichem Haus war, ihr Vater Stadtrat und eine gewichtige Stimme in Wasserburg besaß. So trauten sich die Anderen nichts gegen Peter´s häufige Anwesenheit zu sagen. Abends unter der Woche blieben die Spaziergänge und wurden fester Bestandteil der Beiden, inzwischen über alle Ohren verliebten, jungen Leute. Das ging so lange gut, bis eines Abends die Mutter von Magda vor der Türe wartete. Sie hatte irgendwie etwas bemerkt von den heimlichen Treffen. Außer sich vor Wut überschüttete sie ihre Tochter und den heimlichen Verehrer mit Vorwürfen und stellte absolut klar, dass sie gegen diese Verbindung war. Eher würde sie ihre Tochter enterben als dieser Beziehung ihren Segen zu geben. Jetzt war guter Rat teuer.

Morgen war der letzte Schäffler-Tanz und somit auch der Fackelzug als Ende dieser schönen Zeit geplant. In sieben Jahren, so war überall bei dem Schäffler-Gruppen der Rhythmus, war es erst wieder soweit. Manche Träne der Rührung und nicht zwecks dem viel zugesprochenen Alkohol-Konsum liefen bei einigen Wasserburgern über die Wange. Schäffler-Jahr 1921 Auch Peter trank heute mehr als er eigentlich vertrug. Als es zum Schluss ein großes Verabschieden und Feiern in der Gaststätte zum „Schinhammer“ in der Herrengasse gab, nahm sich Peter aufgrund des nicht gewohnten Alkohols ein Herz und seinen ganzen Mut zusammen und schnappte sich Magda, hielt sie fest im Arm und stellte sie der versammelten Mannschaft kurzerhand als seine Braut vor. Da war selbst Magda sprachlos und ließ vor erstem Schreck alles ohne Einwand geschehen.

Agnes, die andere Marketenderin schnappte nach Luft und Peter bekam von ihr eine saftige Ohrfeige präsentiert. Das würde er noch bitter bereuen, waren ihre Worte, bevor sie auf dem Absatz kehrt machte und die Tür der Gaststube so heftig zuwarf, dass man Angst hatte, sie würde gleich aus den Angeln fallen. Jetzt war das Malheur perfekt, die Stimmung des Abends ruiniert und einer nach dem anderen verließ bald die Wirtschaft.

Übrig blieben nur die beiden Verliebten und machten sich Gedanken über ihre Zukunft. Wo würden sie wohnen, wie eine junge Familie finanzieren? Da war guter Rat schon wieder teuer. Sie ließen sich trozdem nicht einschüchtern und kamen überein, sich durch nichts auseinander bringen zu lassen. Das stellte sich aber in nächster Zeit als gar nicht so leicht heraus. Die verschmähte Agnes schürte in der Stadt das Gerücht, Peter habe ihr das Heiraten versprochen und sie bereits verführt. Das war von Vorne bis Hinten erfunden, aber die Leute glaubten dies nur allzu gerne. Ja, die Südländischen hatten Feuer im Blut, das wusste man ja. Das Vertrauen von Magda war ein klein wenig erschüttert, aber schließlich konnte Peter sie von seiner Unschuld in dieser Sache überzeugen. Die Mutter von Magda war sehr entsetzt und drohte ihrer Tochter mit Rauswurf und dem Einbehalten des Geldes, das ihr verstorbener Ehemann für Magda´s Mitgift auf die Seite gelegt hatte.Einzige der Chef der Baufirma, bei dem Peter als Maurer arbeitete, half dem jungen Glück auf die Sprünge. Er gab seinem guten und korrekten Arbeitnehmer einen Lohn-Vorschuß, zinsfrei. Außerdem hatte er sogar noch eine klitzekleines Wohnung hinten in der Kripsenau frei. So wurde dann schließlich zeitnah beim Herrn Stadtpfarrer das Aufgebot bestellt und in aller Stille im Frühjahr im Wonnemonat Mai geheiratet.

Als die Schäffler in sieben Jahren wieder in Gedenken an das Pest-Versprechen Anno 1643 tanzten, standen Peter und Magda mit drei Kindern an der Hand unter den Zuschauern und blickten sich immer noch verliebt in die Augen. Peter wurde übrigens ein geschätzter Wasserburger Mitbürger. Er wurde in der Baufirma Geschäftsführer und als er nach der harten Kriegsgefangenschaft aus Stalingrad zurückkehrte, bauten die beiden ein Häuschen und wurden später stolze Großeltern von zehn Enkelkindern. Die Ehe hielt über 50 Jahre und war von Vertrauen, Treue und Zusammenhalt gesegnet.

Weitere Generationen der Beiden tanzten und tanzen immer noch bei der Wasserburger-Schäffler-Gruppe. Auch dieses Jahr 2026 ist wieder ein Familien-Mitglied vertreten und freut sich über die Erfüllung des schon in der Kindheit gehegten Wunsches, dieser schönen Tradition beizuwohnen.

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