Fußball-Abteilungsleiter Kevin Klammer über die gesellschaftliche Verantwortung der Löwen
Michael Kölbl sagte einst, die Löwen „seien in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen. Wasserburgs langjähriger Bürgermeister bezog sich dabei auf die Integrationsarbeit der Wasserburger Fußballer und die Fanbasis, die sie aus allen Schichten der Gesellschaft hinter sich vereinen. Seither haben die Löwen ihr gesellschaftliches Engagement ausgeweitet. Während der Corona-Zeit übernahmen sie sogar Aufgaben, die sonst Kommunen leisten, betrieben Testzentren und organisierten Lieferdienste für die Menschen in und um Wasserburg. Dafür wurden sie mit dem Sportehrenpreis der Stadt Wasserburg ausgezeichnet.
Seither hat der TSV 1880 Wasserburg sein Engagement über den Sport hinaus kontinuierlich ausgebaut: Der Jugendfußball boomt, mehr als 250 Kinder und Jugendliche spielen für den TSV, ein Inklusionsprojekt wurde gestartet und im Sommer geht eine Frauenmannschaft an den Start. Als Abteilungsleiter ist Kevin Klammer seit zehn Jahren für die Geschicke der Löwen verantwortlich. Im Gespräch berichtet der 31-Jährige über die aktuellen Projekte der Wasserburger Fußballer.
Herr Klammer, fußballerisch läuft es sowohl bei den Herren als auch bei der Jugend in den letzten Jahren sehr ordentlich. Welche strukturellen oder personellen Faktoren waren aus Ihrer Sicht entscheidend für diese positive Entwicklung?
Entscheidend waren aus meiner Sicht vor allem Kontinuität und Vertrauen. Wir haben früh darauf gesetzt, Verantwortung an Menschen zu geben, die den Verein, die Region und den Amateurfußball sehr gut kennen. In der sportlichen Leitung arbeiten ausschließlich ehemalige verdiente Spieler des TSV, die selbst auf hohem Niveau gespielt haben und genau wissen, was es bedeutet, in Wasserburg Fußball zu spielen. Im Jugendbereich haben wir seit einigen Jahren ausgewiesene Fachleute in der Nachwuchsleitung, denen es gelungen ist, sowohl qualifizierte Trainer für den Verein zu gewinnen als auch unsere eigenen, engagierten Nachwuchstrainer gezielt weiterzuentwickeln. Diese Mischung aus Erfahrung, Identifikation und fachlicher Qualität war ein zentraler Baustein.
Ihr Vereinsmotto lautet „Einmal Löwe. Immer Löwe“. Was bedeutet es für Sie, Wasserburger Löwe zu sein?
Für mich bedeutet Wasserburger Löwe zu sein vor allem Identifikation und Loyalität – mit dem Verein, aber auch mit der Stadt. Der Löwe steht nicht nur im Vereins-, sondern auch im Stadtwappen. Diese Verbindung ist für mich kein Symbol, sondern gelebter Alltag. Was uns auszeichnet, ist die Stärke der Gemeinschaft. Erfolg entsteht bei uns nicht durch Einzelne, sondern durch das Miteinander – auf und neben dem Platz. Die enge Verbundenheit mit Wasserburg war von Anfang an mein größter Antrieb. Als Mittelzentrum der Region trägt die Stadt auch im Sport eine besondere Verantwortung – sowohl im Breitensport als auch in der Förderung junger Talente. Dieser Gedanke begleitet mich seit vielen Jahren – und wird es immer tun.
Als Verein, der den Nachwuchs fördert, leisten die Löwen einen großen Beitrag zur Jugendarbeit in Wasserburg. Geht es dabei vor allem um sportliche Förderung – oder sehen Sie auch eine gesellschaftliche Verantwortung?
Beides gehört untrennbar zusammen. Der sportliche Teil ist wichtig, macht aber nur einen kleinen Teil der gesamten Arbeit aus. Viel entscheidender sind Struktur, Verlässlichkeit, Wertevermittlung und das gemeinsame Erleben. Gerade der Fußball bietet enorme Chancen für Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt. In unserer Abteilung spielen Kinder und Jugendliche aus über 30 Nationen. Diese Normalität im Miteinander ist für uns der eigentliche Wert. Sie entsteht durch tägliche Arbeit, nicht durch große Worte oder plakative Aktionen.
Mit der Stiftung Attl wurde im Sommer eine Kooperation vereinbart. Welche Ziele verfolgen Sie mit der Kooperation – insbesondere im Hinblick auf Inklusion im Sport?
Für die Möglichkeit, auf dem Gelände der Stiftung Attl trainieren zu dürfen, sind wir sehr dankbar. Angesichts von inzwischen über 350 aktiven Spielerinnen und Spielern ist diese Kooperation für unseren Trainingsbetrieb enorm wichtig. Gleichzeitig ist sie für uns weit mehr als eine reine Infrastruktur-Lösung. Unsere Spieler fühlen sich dort sehr wohl – so sehr, dass sie die Schwimmhalle nebenan immer wieder gerne mitnutzen.
Gibt es auch persönlichen Kontakt?
Auch der persönliche Kontakt mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der Stiftung ist etwas Besonderes. Man spürt, wie sehr sich alle über die Begegnungen freuen. Das Benefizspiel zur Eröffnung war dafür ein schönes Beispiel und ist uns in sehr positiver Erinnerung geblieben. Das möchten wir auf jeden Fall fortführen.
Die Nachricht, dass die Löwen eine Frauenmannschaft gründen, erfuhr großen Anklang. War die Entscheidung reaktiv auf gesellschaftliche Entwicklungen – oder schon länger Teil Ihrer Vereinsstrategie?
Das Thema begleitet den Verein schon lange und war insbesondere Markus Bauer immer ein großes Anliegen. Er hat mich früh davon überzeugt, dass eine Frauenmannschaft ein wichtiger und richtiger Schritt für den TSV ist. Auch aus eigener Erfahrung weiß ich, wie positiv sich das auf einen Verein auswirken kann – wir hatten bereits früher eine Mädchenmannschaft, die sehr gut funktioniert hat.
Warum gab es dann lange keinen Frauenfußball in Wasserburg?
Im Mädchen- und Frauensport lag der Schwerpunkt lange auf Leichtathletik oder Basketball. In den vergangenen Jahren waren zudem die begrenzten Platzkapazitäten ein entscheidender Hemmschuh. Es wurde auch immer nach Frauenfußball gerufen, aber wir hatten nicht die Manpower, um es zu organisieren. Mit der aktuellen personellen Aufstellung und mit ausgewiesenen Fachleuten wie Thomas Urbaniak und Jacqueline Wilhelm haben wir nun die Voraussetzungen geschaffen, diesen Schritt nachhaltig zu gehen. Deshalb haben wir uns bewusst dafür entschieden, diesen wichtigen Entwicklungsprozess jetzt umzusetzen und nicht weiter aufzuschieben.
JAH
Schaufenster


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