Udo Samel liest aus Roman von Hans Sahl - Volles Haus bei der Eröffnung in Wasserburg

Es gehört zur guten Tradition der Wasserburger Theatertage, dass der Burgschauspieler Udo Samel (rechts) mit einer Lesung die Theatertage eröffnet. In diesem Jahr – dem 20. in der Geschichte der Theatertage – wurde er am Klavier von Stefan Litwin begleitet.

Und damit wurde bereits ein Zeichen gesetzt: Hans Sahl, der 1902 als Hans Salomon in Dresden zur Welt kam, floh nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 zunächst nach Frankreich und später in die USA. Auch Stefan Litwin, der mit seinen Einlagen zwischen den vorgetragenen Leseabschnitten jeweils ein Klavierstück präsentierte, hat in gewisser Weise eine Migrationsgeschichte. Seine jüdischen Eltern flohen vor den Nationalsozialisten aus Wien und Berlin nach Mexiko.

Und diese Kombination aus Verfolgung, Flucht und Exil als Folge einer verbrecherischen Herrschaft sollte das Thema der Eröffnungsveranstaltung werden. Das Thema ist aktueller denn je, erleben wir doch häufig antisemitische Vorfälle und das ängstliche Einknicken vor Antisemiten.

Nik Mayr begrüßte die Wasserburger Theaterinteressierten. Der Theatersaal war vollends gefüllt, das Interesse an den Wasserburger Theatertagen ist hoch, die Begeisterung dafür groß.

Auch der Bürgermeister der Stadt Wasserburg, Bastian Wernthaler, begrüßte die Anwesenden und betonte, dass das Theater Wasserburg von einer enormen Variabilität zeuge. Vom Theater Wasserburg könne man fasziniert sein, weil es hier immer wieder vermocht wird, ohne große zusätzlichen Mittel ein Theater mit Zukunft zu gestalten. Das mache sehr viel Spaß. Schließlich sei es eine große Leistung, so viele verschiedene Theaterensembles nach Wasserburg zu bringen.

Was folgte, war der Auftritt Udo Samels. Eine lange Freundschaft verbindet ihn wohl mit Wasserburg, weshalb er die Einladung, den Eröffnungsabend der Wasserburger Theatertage zu gestalten, gerne wahrnimmt.

Samel las aus dem Roman „Die Wenigen und die Vielen“. In seinem einzigen Roman erzählt Hans Sahl die Geschichte eines Schriftstellers, der zur Flucht aus Nazi-Deutschland gezwungen wird, kreuz und quer durch Europa gehetzt wird und bei seiner glücklichen Ankunft in New York das eigenartige Gefühl nicht abschütteln kann: Das Exil werde ich nie mehr hinter mir lassen. „Ich bin kein Held“ lässt Sahl die Titelfigur seines Romans Georg Kobbe sagen, ich habe Angst vor Ratten und vor Schlangen. Ich gehe ungern durch einen dunklen Wald. Ich liebe es nicht, misshandelt zu werden. Schlachtenlärm und Weltuntergänge sowie alle historischen Ereignisse, die sich geräuschvoll abspielen, sind mir unsympathisch. Ich liebe Bücher und Bilder, gute Musik und gute Weine.“

Hans Sahls Roman, der vom Untergang einer ganzen Welt erzählt, gehört wohl zu den wichtigsten Zeugnissen der Geschichte des deutschen Exils. Udo Samel vermochte es an diesem Abend, das Publikum vollends in seinen Bann zu ziehen. „Wir sind alle Figuren in einem Roman, der noch nicht geschrieben ist“, liest Samel aus dem Roman. Insgesamt neunmal liest er ein Kapitel oder ein Gedicht vor.

Nach jedem Kapitel spielte Stefan Litwin am Piano aus den Werken von Arnold, Schönber, Igor Strawinsky, Hanns Eisler, Claude Debussy und auch von Stefan Litwin selbst. Sein höchst feinfühliges Klavierspiel, dass die gesamte Dramatik und Zerrissenheit der Menschen in einem freiheitsverachtenden Regime deutlich zu machen verstand, hielt das Publikum in einem nachhaltigen Bann gefangen.

Am Ende zitiert Udo Samel noch den spanischen Philosophen José Ortega y Gasset: „Leben heißt, sich verloren zu fühlen.“ Klarer kann man wohl kaum ausdrücken, dass das Exil zum Teil des Menschen im Exil werden kann. Samel schließt mit: „Wir haben den Tod zu oft gesehen, wir brauchen ihn nicht mehr zu fürchten.“

Lang anhaltender Applaus honorierte die eindrucksvolle Leistung beider Künstler an diesem Abend. Für die 20. Wasserburger Theatertage war es wohl ein Auftakt nach Maß.

PETER RINK

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