Peter Maicher referierte beim Heimatverein zur Kreisgebietsreform 1972

Peter Maicher war von 1998 bis 2009 Direktor des Bayerischen Landtags und damit der höchste Lebenszeitbeamte beim Bayerischen Landtag. Gestern referierte der heute 82-jährige beim Wasserburger Heimatverein über das Ende des Landkreises Wasserburg im Zuge der Gebietsreform 1972.

Im Gimplkeller gab es keinen Sitzplatz und wohl auch kaum einen Stehplatz mehr, so groß war der Andrang zu diesem Vortrag. Und man konnte auch manchen Wasserburger im Publikum entdecken, der 1972 wohl selbst Zeuge dieser Entwicklung war oder dessen Familie stark in die Geschehnisse involviert war.

Der Vorsitzende des Heimatvereins, Matthias Haupt, freute sich über die große Resonanz zu diesem Vortrag. Peter Maicher ergriff auch sofort das Wort und stellte eingangs die Frage, warum der Landkreis Ebersberg, der immerhin 100 Quadratkilometer kleiner war als der Landkreis Wasserburg, von der Gebietsreform weitgehend unversehrt bleiben konnte.  Der Referent betonte, dass die Quellenlage bis heute sehr schwierig sei. Nicht wenige Dokumente seien verschwunden, viele andere für die Forschung unzugänglich. Nicht wenige in Wasserburg würden glauben, dass die „Ebersberger“ eine Mitschuld an der Auflösung des Kreises Wasserburg mittrügen. Aber die Sache sei komplizierter, meinte Maicher. 

1970 sei mit Josef Bauer ein Politiker der CSU-Landrat des Kreises Wasserburg geworden, der vorher 16 Jahre lang dem Deutschen Bundestag angehörte und außerdem Mitglied des Kreistages und des Stadtrates war. Bauer seinerseits habe innerhalb der CSU nicht nur Freunde gehabt, sondern wohl auch manchen Widersacher. Der seinerzeitige Landrat des Kreises Ebersberg, Remigius Streibl, kämpfte an der Seite des Präsidenten des Bayerischen Bauernverbandes, Otto Freiherr von Feury aus Thailing bei Ebersberg für den Erhalt des Kreises Ebersberg.

Hinzu kam, wie der Referent ausführte, dass es zwischen dem in Rott am Inn wohnenden CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß und dem Bayerischen Innenminister Bruno Merk mehrere Auseinandersetzungen gegeben habe. Strauß habe keinerlei Gebietsreform gewollt, Merk habe sie als Innenminister umsetzen müssen. Strauß habe in einer der Auseinandersetzungen gesagt, die Gebietsreform in Bayern sei verfehlt, was Merk zu der Bemerkung verführt haben soll, dass Strauß illoyal und kontraproduktiv sei.

Hinzu kam, dass der für den Landkreis Traunstein im Landtag sitzende Fraktionsvorsitzende der CSU, Ludwig Huber, vehement jede Beschneidung des Landkreises Traunstein zu verhindern suchte.

In dieser Gemengelage betonte noch 1970 Innenminister Merk, dass der Landkreis Wasserburg „eine gesunde Struktur“ habe und bei der Gebietsreform nicht gefährdet sei. In Wirklichkeit ging das Tauziehen um die Gebietsreform aber weiter. So habe im Februar 1971 die Regierung von Oberbayern zwei Möglichkeiten für die Zukunft des Landkreises Wasserburg aufgezeigt: Entweder sollte der Kreis Wasserburg in den Kreis Ebersberg integriert werden oder aber der Kreis Wasserburg würde erweitert und sollte um Gemeinden aus den Kreisen Traunstein, Erding und Ebersberg erweitert werden. Knapp 50.000 Menschen lebten in den 62 Gemeinden im Kreis Wasserburg, dies war anfänglich wohl ausreichend für den Erhalt, die Mindesteinwohnerzahl wurde aber 1971 von 50.000 auf 80.000 Einwohner pro Kreis erhöht. und so bemühte sich Landrat Bauer um Gemeinden des Landkreises Rosenheim, die aber abwinkten. Der Referent zeigte ein Plakat aus der Gemeinde Vogtareuth aus dem Jahre 1971, aus dem  deutlich steht: „Hier gibt’s nichts zu klauen!“

Dann sei die Möglichkeit diskutiert worden, den Landkreis Ebersberg, der mit dem Ebersberger Forst auch eine natürliche Grenze besitze, zu teilen. Den westlichen Teil habe man dem Kreis München, den östlichen dann dem Landkreis Wasserburg zuweisen wollen.

Hier habe sich Bauernpräsident Feury vehement eingebracht, um den Landkreis Ebersberg erhalten zu können, führte Maicher aus. Baron von Feury soll sich auf Landrat Bauer „eingeschossen“ und behauptet haben, die Wasserburger wollten den Landkreis Ebersberg „annektieren“. Im April 1971 sei gar mit dem Gedanken gespielt worden, die Landkreise Mühldorf und Wasserburg zusammenzulegen und Waldkraiburg zur neuen Kreisstadt zu erheben. Dann wieder sollte der Kreis Wasserburg erhalten bleiben, um neun Gemeinden aus dem Landkreis Rosenheim und zwei Gemeinden aus dem Landkreis Ebersberg erweitert werden, was zu großen Widerständen bei den betroffenden Gemeinden geführt habe.

Als dann im Oktober 1971 zunehmend deutlicher geworden sei, dass man in der Bayerischen Staatsregierung und der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag den Kreis Wasserburg auflösen und auf die vier Landkreise Rosenheim, Mühldorf, Ebersberg und Erding aufteilen wolle, habe es in Wasserburg mehrfach Protestaktionen gegeben. Der Fraktionsvorsitzende der SPD im Wasserburger Kreistag, der Haager Abgeordnete Hermann Auer, meinte, es sei eine Zumutung, den Landkreis zu vierteilen. Demonstranten in Wasserburg sprachen vom „CSU-Diktator Merk“. Besonders Ludwig Huber und Baron von Feury seien von den Wasserburgern heftig kritiisiert worden.

Im November 1971 sei dann in der Staatsregierung die endgültige Entscheidung gefallen, den Landkreis Wasserburg aufzulösen. Einstimmig sei die Entscheidung auch hier nicht gewesen, denn nur acht Minister der Staatsregierung hätten dafür gestimmt und sieben dagegen.

Wasserburg habe zunächst erfolgreich beim Verwaltungsgericht gegen diese Entscheidung geklagt, der Bayerische Verwaltungsgerichtshof habe diese Entscheidung dann aber aufgehoben und auch das Bundesverwaltungsgericht hat eine Klage gegen diese Entscheidung letztinstanzlich zurückgewiesen. Die Gebietsreform wurde also Wirklichkeit. 

In Bayern wurden 72 der 143 Landkreise aufgelöst. Für viele Menschen im ehemaligen Landkreis Wasserburg seien Baron von Feury und Ludwig Huber dafür maßgeblich mitverantwortlich. Da der Landkreis Wasserburg aufgelöst worden sei, konnte der Landkreis Mühldorf erhalten bleiben und der Landkreis Traunstein sei nahezu unangestastet geblieben. Hermann Auer (SPD) habe damals die Gebietsreform eine Art „Abtreibung im neunten Monat“ genannt.

Der Referent schloss mit der Feststellung, dass der Fall Wasserburg nicht abgeschlossen sei, da noch viele an diesem Landkreis hingen. Seit der Kennzeichenliberalisierung vor gut 10 Jahren könne man wieder das Kennzeichen „WS“ für Wasserburg beantragen. Über 25.000 Fahrzeuge führen heute damit durch die Straßen in der Umgebung.

Das Publikum dankte dem Referenten mit lang anhaltendem Beifall für seine informativen und von großem Detailwissen zeugenden Ausführungen.

Matthias Haupt dankte ebenfalls dem Referenten und gab einen Ausblick auf die weiteren Veranstaltungen in diesem Jahr. Die nächste Vortragsveranstaltung des Heimatvereins wird am Montag, 26. Oktober. um 19.30 Uhr stattfinden. Der Kreisheimatpfleger im Landkreis Rosenheim für die Baudenkmalpflege, Prof. Daniel Hoheneder, wird zu dem Thema „Baudenkmalpflege vor Ort“ sprechen. Damit will der Kreisheimatpfleger einen Einblick in seine Arbeit und Aufgaben im Rosenheimer Land geben.

PETER RINK

 

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