Zum Jubiläum: Außergewöhnliche Veranstaltung der Wasserburger Sparkasse - China-Experte zu Gast

Die Sparkasse Wasserburg hatte gestern Abend anlässlich der Feierlichkeiten zu ihrem 200-jährigen Bestehen zu einem besonderen Vortrag eingeladen: Christian Sommer, Leiter des „German Centre Shanghai“ (links), einer Tochtergesellschaft der Bayern-LB, sprach über die wirtschaftlichen Beziehungen von China zu den europäischen Ländern. Diese seien in Gegenwart und Zukunft von außergewöhnlicher Bedeutung.

In seiner Begrüßung betonte der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Wasserburg, Mischa Schubert (rechts), dass man an diesem Abend auch einen mächtigen Gegner habe: In München träfen nämlich die Mannschaften des FC Bayern München und von Real Madrid aufeinander. Umso mehr freute sich Schubert, dass doch so viele Interessierte der Einladung der Sparkasse gefolgt waren. Es sei dies die dritte große Veranstaltung im Rahmen der Feierlichkeiten zum 200-jährigen Bestehen der Wasserburger Sparkasse. Schubert freute sich sehr, dass auch Landrat Otto Lederer gekommen war. Er würdigte in seiner Einführung den Referenten als einen „Leuchtturm“. Mit seiner internationalen Kompetenz schaffe er es, wirtschaftliche Beziehungen zwischen Deutschland und China zu pflegen und zu entwickeln. Dann konnte Schubert noch dafür sorgen, dass Christian Sommer auf Mandarin begrüßt wurde.

Sommer bedankte sich anschließend dafür und zollte den Wasserburgern ein großes Kompliment: Es sei das erste Mal, dass er bei einer Veranstaltung in Deutschland auch auf Chinesisch begrüßt worden sei. Dies zeige, wie sehr die Wasserburger ihren internationalen Anspruch auch lebten und verkörperten.

Sommer lebt seit 1995 in China, leitet seit 2005 das German Centre Shanghai, ist mit einer Chinesin verheiratet und hat nicht zuletzt deshalb einen tiefen Einblick auch in die Mentalitäten, die in China vorherrschen. Shanghai sei mit derzeit 29,6 Miillionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Stadt in China. In Taicang, einer Stadt am Rande Shanghais mit ungefähr 830.000 Einwohnern, gebe es heute allein 500 Deutsche Firmen. Die örtliche Regierung dort sei sehr deutschfreundlich. „In China ist Geld die Religion“, rief Sommer seinem Publikum zu und wollte damit seinen Zuhörern wohl deutlich machen, dass erfolgreiche Geschäfte der Motor aller Entwicklung sein dürften.

„Einen Perspektivwechsel üben“

Die deutsche Geschichte sei in China wesentlich bekannter als umgekehrt, meinte Sommer und wir in Deutschland würden lernen müssen, einen Perspektivwechsel zu üben, die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Sommer ging auch auf das ungeheure Tempo ein, das Innovationen im wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Bereich mit sich brächten. Die Zukunft sei kaum vorhersehbar und Leitlinien, die man einmal formuliert habe, gingen immer wieder verloren. Alles sei Verhandlungssache und das falle gerade den Deutschen gar nicht so leicht zu akzeptieren.

Sommer betonte, dass der kürzliche Besuch des Deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz in China „sehr positiv“ wahrgenommen worden sei. Merz habe den Spagat geschafft, bei den Chinesen weder als unterwürfig noch als arrogant zu wirken. Natürlich seien Deutschland und China Konkurrenten, aber eben keine Rivalen. Ein Wettbewerb der Systeme habe nicht automatisch eine Rivalität zur Folge.

Wir alle seien uns der Nachteile des politischen Systems in China bewusst: Es gebe keine Pressefreiheit, auch die Meinungsfreiheit sei nicht groß entwickelt, im Gegenteil, es gebe Überwachung allüberall, das heiße aber auch, dass es weniger Kriminalität gebe. Wegen der zahlreichen Überwachungskameras in der Öffentlichkeit seien kriminelle Übergriffe deutlich seltener. Es gebe in China auch keine erfolgreiche Klage gegen Polizisten. Das Problem für Vertreter der Bundesrepublik Deutschland sei es dann, solche Differenzen anzusprechen ohne überheblich zu wirken. Das habe Friedrich Merz bei seinem jüngsten Besuch allerdings geschafft. Seine Kritik sei so vorgetragen worden, dass sie nicht überheblich gewirkt habe. Der Unterschied zwischen unserer Kultur in Deutschland und jener in China sei eben, dass es in China nur positive Nachrichten gebe.

Größte „Online-Bevölkerung“ der Welt

China habe die größte „Online-Bevölkerung“ der gesamten Welt mit ungefähr einer Milliarde Nutzern. Und Deutschland sei nach den USA und der VR China die drittgrößte Wirtschaftsmacht weltweit, da müsse es doch auch positive Nachrichten geben. Unsere Medienkultur betone aber recht häufig die negativen Nachrichten.

Natürlich berichte die Presse in China nicht korrekt: Wenn die Staats- und Parteiführung verkünde, dass z.B. die Jugendarbeitslosigkeit innerhalb einer gewissen Frist auf fünf Prozent reduziert werden solle, dann werden die Medien zu gegebener Zeit dieses Ergebnis auch veröffentlichen, nachprüfbar seien solche Zahlen aber nicht.

Im Rahmen spannenden Vortrags, der zwei Stunden dauerte und die gesamte Zeit die Zuhörer derart fesselte, dass das Publikum gebannt auf den Referenten blickte und gespannt wartete, was noch kommen werde, ging Sommer auf die Entwicklung der letzten 40 Jahre ein. Wir hätten zwei Revolutionen erlebt: zum einen die Entdeckung des Internet und zum zweiten die Entwicklung des „smart-phones“. 

Beide Innovationen hätten das gesellschaftliche Leben weltweit massiv verändert. Und er ergänzte, dass die Entwicklung der künstlichen Intelligenz unsere Welt mehr verändern würde, als es Internet und smart-phone zusammen getan hätten. Wir sollten den Mut haben, uns diesen Innovationen zu stellen. Statt skeptisch auf die Digitalisierung zu schauen, wie das in Deutschland immer wieder geschehe, sollten wir, wie die Chinesen, mehr auf die Vorteile schauen, die beispielsweise die künstliche Intelligenz mit sich bringe.

Mit einer Haltung, dass „die beste Zeit“ vorbei sei, würden wir nicht nur die Möglichkeiten einer guten Zukunft verschlafen, sondern er stellte auch die Frage, wie man damit die Jugend motivieren wolle. Und dies sei notwendig, wenn man eine Gesellschaft positiv beeinflussen wolle. „Die beste Zeit kommt noch! Strengen Sie sich an, das zu glauben. Wenn wir das nicht tun, dann geht’s bergab“, mahnte Sommer die Zuhörer bei seinem Vortrag.

Die politischen Systeme würden sich nicht annähern, dazu seien sie zu verschieden und die kulturellen Bedingtheiten der einzelnen Gesellschaften auch. Gerade deshalb seien pragmatische Lösungen wichtig. Nur wenn man im Gespräch bleibe, könnten sich die Dinge zum Besseren entwickeln.

Sommer zeigte den Anwesenden ein Foto von einem Treffen der Premierminister von der VR China, von Japan und von Süd-Korea. Die drei Regierungschefs geben sich die Hand und wollen zusammenarbeiten. Dabei seien die Systeme so unterschiedlich, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

China orientiere sich nicht an Europa

Wenn wir in Deutschland und Europa nicht aufpassten, bestehe die sehr große Gefahr, dass wir unwichtig würden, mahnte Sommer seine Zuhörer. China orientiere sich nicht an Europa. Gerade deshalb sei erhöhte Aufmerksamkeit und größere Flexibilität von Nöten. „Zukunft ist Verhandlungssache“, wiederholte Sommer das Thema seines Vortrags. China investiere derzeit relativ wenig im Ausland, aber Sommer betonte, dass man damit rechnen müsse, dass chinesische Firmen „in Scharen“ nach Europa kommen würden. Auch bei der Frage der erneuerbaren Energien sei uns China überlegen. Am Beispiel der Autoindustrie verdeutlichte er, was er damit meine. In China gebe es über 70 verschiedene Automarken und sie seien bei der Elektromobilität deutlich weiter als die Europäer, die noch sehr stark an den Verbrennungsmotoren hingen. Ein PKW, der in China produziert werde, koste zum Beispiel 20.000 Euro. Das baugleiche Modell, von der gleichen Firma, nur in Deutschland produziert, koste 33.000 Euro. An dieser fehlenden Konkurrenzfähigkeit müssten die Europäer arbeiten, wenn sie wieder konkurrenzfähig sein wollten.

Zum Abschluss seines Vortrages wurde noch über die Bevölkerungspolitik in China gesprochen. Auch wenn die „Ein-Kind-Politik“ nicht mehr oberste Maxime des chinesischen Handelns sei, seien die Folgen dieser Politik nicht zu unterschätzen. Den Trend bei der Bevölkerungsentwicklung könne man in China kaum herumdrehen, da Kinder auch extrem teuer seien. Sommer umriss dem Publikum, dass man in China in den nächsten Jahrzehnten mit einem Bevölkerungsrückgang von ungefähr 300 Millionen Menschen rechnen dürfe. Die Folge werde sein, dass zum einen eine sehr große Menge an Wohnungen leer stehen werde und es andererseits einen enormen Fachkräftemangel geben werde.

Und auch diese Mahnung an die Zuhörer fügte er noch an: Es gehe nicht um die Masse der Menschen, sondern um deren Qualifikation. Wir in Deutschland und Europa müssten lernen, mit der künstlichen Intelligenz zukunftsweisend umzugehen, sonst fielen wir zurück.

Die Welt sei bereits im 20. Jahrhundert und im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts jenseits von kulturellen Differenzen und Unterschieden zusammengewachsen und das werde auch so weitergehen. Dieser Herausforderung müssten wir uns stellen, denn Technologie und Kultur könne man nicht stoppen.

Lob für den Bundeskanzler

Bundeskanzler Merz sei es gelungen, schloss Sommer seine Ausführungen, im Ausland das Bild von Deutschland zurechtzurücken. Allerdings könne die EU mit ihren mannigfaltigen vereinheitlichenden Vorschriften auch ein „Klotz am Bein“ sein. Hier sei der Druck, der von außen komme, auch heilsam. Es werde auch in der nahen Zukunft Erfindungen geben, die uns helfen könnten, uns von Abhängigkeiten zu verabschieden. Daran glaube er fest und schloss mit der Frage, wie lange der US-Dollar noch die Leitwährung auf dieser Welt bleiben werde.

Lang anhaltender Applaus folgte auf Christian Sommers Ausführungen und manche Frage, die die Zuhörer hatten, konnte dann beim anschließenden Imbiss, zu dem die Sparkasse einlud, angesprochen werden.

Was bleibt, ist eine wichtige Erkenntnis: Das Lernen von anderen Kulturen ist notwendig und hilfreich, man dürfe sich aber nicht zu sehr für den Nabel aler Welt halten. Christian Sommer hat in kurzweiliger Manier den Anwesenden den Spiegel vorgehalten und sie auch in gewisser Weise darauf vorbereitet, welche Herausforderungen auf uns als Gesellschaft warten.

PETER RINK / Fotos: Stefan Bodmeier

 

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