US-Panzer rollen von der Burg herab

Vor 75 Jahren: Wasserburg wird durch die Amerikaner befreit - Zeitzeugen berichten über das Kriegsende

image_pdfimage_print

Die Schmidzeile erzittert unter den Ketten der US-Panzer. Über das Innwerk bahnt sich amerikanische Infanterie den Weg in Richtung Südosten über den Fluss. Kein Schuss fällt mehr an diesem 3. Mai 1945. Es ist das Kriegsende für die Stadt am Inn. Morgen, Sonntag, ist es genau 75 Jahre her, dass der böse Spuk ein Ende hatte. An die letzten Tage unter dem Joch der Nazi-Diktatur erinnern sich vier Zeitzeugen aus Stadt und Altlandkreis, die für die Wasserburger Stimme ihre Erlebnisse schildern.

 

VON CHRISTOPHER FRITZ

 

Das Ende kündigte sich mit einer starken Explosion an: Am 2. Mai 1945 hatten SS-Einheiten noch einen Teil der Roten Brücke beim Unterauer-Haus gesprengt, bevor sie sich absetzten. „Wir haben den Schlag gehört und wussten zuerst nicht, was passiert war“, erinnert sich Hanns Airainer (91), ehemaliger Rektor der Wasserburger Hauptschule. Der damals 15-jährige wohnte in einem Haus unweit des heutigen Gewandhauses in der Schmidzeile. „Aus Richtung Reitmehring waren zudem nachts Schüsse zu hören und Maschinengewehre haben geknattert“, sagt Airainer, „also bin ich mit meinen Eltern in den Keller, wo wir sicherheitshalber geschlafen haben.“

Der 3. Mai war ein für die Jahreszeit eher kühler Tag, wie Ainrainer noch weiß. Dann kamen sie: Jeeps, Lastwägen und Panzer der US-Armee rollten die Serpentinen hinunter, über die Burg und schließlich die Schmidzeile hinab. „Das waren so viele, dass sich gleich ein Stau gebildet hat“, blickt der Senior zurück, der sich mit anderen Neugierigen das Spektakel unbedingt ansehen wollte. „Einer der Buben ist auf einen dunkelhäutigen Soldaten zugegangen, der in einem Jeep saß“, sagt Airainer und schmunzelt, „er wollte ihm einen Kanten Brot geben, wahrscheinlich, um sich mit ihm gut zu stellen.“ Da habe der G.I. lachen müssen und dem Jungen bedeutet, dass er das Brot behalten könne. Der Soldat ist dann ausgestiegen und zu einem der Lkw gegangen, aus dem er Schokolade hervorholte und großzügig unter den Buben verteilte.

 

„Spätestens jetzt machte sich unter uns ein Gefühl der Erleichterung breit“, erzählt der 91-jährige, „nun wussten wir, die schießen nicht.“ Denn man habe nur schwer einschätzen können, wie sich die Amerikaner gegenüber den Deutschen verhalten würden. Hartnäckig hielt sich beispielsweise das Gerücht, dass sogenannte „Werwölfe“ in der Nähe waren, eine NS-Untergrundbewegung, die den Krieg um jeden Preis als Partisanen fortführen sollten. „Es gab aber nur eine Ausbildungsstätte in Eiselfing, wo ich mich selbst als Kriegsfreiwilliger melden musste“, sagt der ehemalige Rektor.

 

So zogen die US-Truppen nach einigen Tagen, weiter Richtung Berchtesgaden, nicht ohne vorher einige Wasserburger zum Arbeiten einzuteilen – darunter auch der junge Hanns Airainer: „Ich musste auf dem Dachboden von Maria Stern herumräumen.“

Die Fahrt des Militärkonvois die engen Serpentinen in die Stadt hinunter muss nicht nur Airainer beeindruckt haben. Denn die G.I.s hatten schon bald auf Höhe der heutigen Aral-Tankstelle ein handgepinseltes Schild aufgestellt, auf dem in Englisch stand: „Vorsicht! Gefährlichste Meile Deutschlands“.

 

Dass im April 1945 irgendetwas in der Luft lag, bemerkte Sebastian Dörringer (91) aus Hebertsham bei Eiselfing zunächst an seinen zwei Brüdern (drei weitere waren bereits gefallen), die vom Krieg heimkehrten, aber tief eingeschüchtert nichts erzählen wollten. Dann hieß es plötzlich, Hitler seit tot. Und im Dorf wurden zögerlich die ersten weißen Fahnen gehisst – „stets auf der Hut vor der SS“; wie sich Dörringer erinnert.

Immer wieder waren deutsche Truppen auf ihrem Rückzug auch durch Hebertsham gezogen. „Als ich am 6. oder 7. März von einem Skilager heimkam, kauerten lauter deutsche Soldaten in unserem Hauseingang, sodass ich nicht hineingehen konnte“, weiß Dörringer noch. Einige Soldaten schnitten sich von ihren Monturen verräterische Uniformknöpfe ab, „unsere Dienstmagd musste ihnen zivile Knöpfe annähen, dann machten sie sich aus dem Staub.

 

Noch einige Tage vor dem Ende tarnten Dörringer und einige Helfer noch den Stall des heimischen Bauernhofes. „Mit Stangen haben wir Folien drübergezogen, damit ihn die Bomber nicht sehen“, sagt Dörringer. Die Explosion, die Teile der Innbrücke zerstörte, hörte auch der damals 16-jährige: „Wir sind gleich nach Wasserburg gelaufen, das sind ja nur einige Kilometer“, berichtet Sebastian Dörringer, „wir hörten, dass angeblich einige Wasserburger verhinderten, dass die Brücke komplett zum Einsturz gebracht wurde.“

 

Das „Mordsgeräusch“ einige Tage später, das von der B304 aus auch in Hebertsham zu hören war, brachte schließlich Klarheit: Die amerikanische Armee war angekommen und bewegte sich mit ihren Fahrzeugen Richtung Osten. „Wir sind voller Neugier zur Straße gerannt und sahen die Panzer, auf denen fast nur dunkelhäutige Soldaten saßen“, denkt Sebastian Dörringer zurück, „ich hatte zuvor noch nie einen Schwarzen gesehen!“

Die US-Soldaten warfen den jungen Burschen gleich Kaugummis herab. Dörringer: „Das half mir aber auch nicht über meinen Hunger hinweg.“

Ein Lkw, der zwischen Osendorf und Kirchensur bei einem Bauernhof abgestellt war, erhielt einen Volltreffer von einem Panzer, wobei auch der Hof in Flammen aufging. „Wahrscheinlich dachten die Amis, es sei ein deutscher Militärlaster und wollten jede Gefahr im Keim ersticken“, vermutet Dörringer.

 

Tief eingegraben haben sich die Erinnerungen an das Kriegsende ins Gedächtnis von Dorle Irlbeck (84). Die Trägerin der Heiserer-Medaille der Stadt Wasserburg war damals noch ein kleines Mädchen, hatte aber mit einem besonderen Schicksal zu kämpfen: „Mein Vater, Kurt Knappe, war von 1942 an Kreisleiter der NSDAP, was natürlich für unsere Familie am Kriegsende nichts Gutes bedeuten konnte. Ich erinnere mich noch genau an die letzten Tage des Krieges. Mein Vater kam immer später nach Hause, wirkte müde und hatte immer weniger Zeit für mich. Eines Morgens klingelte es an der Haustüre und Josef Estermann, später Landrat des Landkreises Wasserburg, stand mit einer Abordnung der so genannten Freiheitsaktion Bayern da.” Er habe um die Herausgabe der Schlüssel für die Kreisleitung gebeten und den Kreisleiter davon überzeugt, dass Widerstand gegen die heranrückenden Amerikaner sinnlos sei. „Mein Vater musste seine Dienstwaffe abgeben und ich erinnere mich noch genau, wie er zu Estermann gesagt hat: Machen Sie damit nichts Unüberlegtes.” Die Freiheitsaktion Bayern habe dann in der ganzen Stadt Flugblätter verteilt, auf denen die Bevölkerung gebeten wurde, Ruhe zu bewahren und den US-Truppen keinen Widerstand zu leisten, um Blutvergießen zu verhindern.

 

Doch noch waren die Amerikaner nicht in Wasserburg – dafür aber jede Menge Wehrmacht und SS. Letztere sorgte quasi in letzter Sekunde dafür, dass Estermann und seine Begleiter von der Freiheitsaktion Bayern für das Verteilen der Flugblätter noch zum Tode verurteilt wurden. „Und mein Vater, der die Aktion Estermanns nicht verhindert hatte, wurde gleich mit verurteilt. Er musste nach München, wo das Standgericht schon auf ihn wartete. Doch als er ankam, rollten gerade die Amerikaner aus Richtung Freimann in die Stadt hinein, so blieb er am Leben. Und die Männer um Josef Estermann auch – als mein Vater als Kreisleiter nämlich die Todesurteile unterschreiben hätte sollen, war er nicht aufzufinden. Er hatte sich zum Friedlsee bei Evenhausen davon gemacht und dort in einer Hütte versteckt.” Ein paar Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner habe er sich dann in Wasserburg gestellt und sei umgehend inhaftiert worden. „Mein Vater konnte sich von uns noch verabschieden, sagte zu meiner Mutter, sie solle auf sein Dorle-Kind aufpassen.”

Dreieinhalb Jahre blieb Kurt Knappe in Internierungshaft. Dann wurde ihm als ehemaligen Kreisleiter im Wasserburger Rathaus der Prozess gemacht. Einen ganzen Tag lang traten Entlastungszeugen auf. „Die Menschen standen bis vors Rathaus hinaus. Insgesamt konnten über 170 Entlastungszeugnisse vorgelegt werden. Dem Ankläger gelang es im Gegenzug nicht, meinem Vater auch nur ein Verbrechen nachzuweisen. So konnte er am Ende des Tages als freier Mann das Rathaus verlassen.”

Alle Unterlagen aus dieser Zeit hat die Familie übrigens an das Stadtarchiv Wasserburg übergeben.

 

Für Manfred Bartsch aus Maitenbeth endete der Krieg schon drei Monate vor der Kapitulation der Wehrmacht. Denn der 89-jährige wurde in Jauer (damals Niederschlesien, heute Jawor) geboren und verbrachte seine Kindheit im rund 50 Kilometer entfernten Breslau (heute Wroclaw). „Ich denke noch sehr gerne an die schönen Tage mit meinem Freund Gerhard, mit dem ich mich oft in unserem Schrebergarten traf“, erinnert sich Bartsch. Doch das Idyll seiner Jugend verdunkelte sich jäh im Dezember 1944, als sich die Rote Armee Breslau annäherte. „Wir haben das Notwendigste auf Leiterwagen gepackt und sind nach Jauer geflüchtet, wo meine Großmutter noch wohnte“, berichtet der damals 14-jährige, „es war saukalt.“

 

Im Februar 1945 kamen die russischen Soldaten schließlich auch in seinem Geburtsort an und das Leben des Jungen sollte eine dramatische Wendung nehmen. „Wir haben uns, insgesamt 19 Leute, am 13. Februar in einem Keller versteckt“, sagt Bartsch, „ich lag auf den Kartoffeln und hinter mir meine Mutter. Plötzlich standen da zwei Soldaten in der Tür, beide stockbetrunken. Einer war – ich weiß es noch ganz genau – mit dieser typischen russischen Maschinenpistole mit dem runden Trommelmagazin bewaffnet. Damit feuerte er blindlings in den Keller. Ein Schuss ging durch meinen Kragen, ein weiterer traf meine Mutter in den Kopf. Ich weiß nicht, ob sie sofort tot war, wir waren wie erstarrt. Ein Großvater stellte sich anschließend schützend vor seine 15- oder 16-jährige Enkelin, die offenbar vergewaltigt werden sollte. Da haben die Russen auch ihn erschossen.“

Noch einige Stunden harrten die Menschen in dem Keller aus, bis das Haus über ihnen angezündet wurde. „Dann sind wir in der Früh raus. Ich hatte noch meine Hitlerjugend-Uniform an und als die Soldaten mich sahen, hieß es gleich ;idi, dawai, dawai‘ (etwa: Hierher, schnell, schnell). Und so haben sie mich mitgenommen. Ich habe meine Mutter nicht mehr gesehen. Man erzählte mir später, man habe sie in einem Schützengraben verscharrt. Ich bin in ein Pferdelazarett gekommen. Dort musste ich die nächsten zwei Monate nichts anderes machen, als mit einem anderen Hitlerjungen und zwei Russen die gefallenen deutschen Soldaten auf einen Pferdewagen zu heben und die Körper dann in einen Graben zu kippen. Am Geruch haben wir meistens erkannt, wo die Leichen waren. Schließlich lagen sie dort schon seit Wochen.“

Am 8. Mai ging es herum wie ein Lauffeuer: „Wojna kaput“ (polnisch, etwa: „der Krieg ist aus“) riefen sich die Menschen zu. „Da wusste ich, dass es vorbei ist“, so Bartsch. Bis Ende 1945 wurde der Jugendliche noch im Lazarett festgehalten, bis eine Suchanfrage seiner Großmutter ans polnische Rote Kreuz bewirkte, dass er in Flüchtlingslager zunächst  ins sächsische Freital und von dort nach Helmstedt verbracht wurde. Dort habe er seine Oma und seine Tante aus den Augen verloren. „Aber eine Frau aus Bremen hat sich um mich und den anderen Hitlerjungen gekümmert.“

Nach dem Krieg siedelte sich Manfred Bartsch über Umwege schließlich in Ebersberg an und anschließend in Maitenbeth, wo er 23 Jahre wohnte.

 

 

 

Weitere Zeitzeugenberichte zum Ende des Krieges aus der Sicht von Soldaten aus Wasserburg und Umgebung gibt es im Buch „Das Ende vor Augen” des Wasserburger Autors Christian Huber. Das Buch ist im Rosenheimer Verlag erschienen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Leitfaden für die Veröffentlichung von Kommentaren

18 Kommentare zu “US-Panzer rollen von der Burg herab

  1. Wenn man die Beschreibung von Frau Irlbeck so liest, kann man kaum glauben, das es auch Deutsche unter den Tätern gab.
    Hier mal eine Beschreibung des Kreisleiters aus Wikipedia: “der Kreisleiter der NSDAP stand an der Spitze einer eigenen Dienststelle („Kreisleitung“) mit einem Stab von Mitarbeitern. Er erhielt seine Befehle vom Gauleiter und bekleidete somit – von der geographischen Verwaltung aus gesehen – den vierthöchsten Posten in der NSDAP nach dem Gauleiter, dem Stellvertreter und dem Führer. ”
    Es kann schon sein das ihr Vater keine Verbrechen mit den eigenen Händen begangen hat und es ist auch verständlich, das Frau Irlbeck sich anders an Ihren Vater erinnert. Allerdings ist es Fakt, dass das menschenverachtende Regime ohne Menschen wie Kurt Knappe so nicht funktioniert hätte. So leicht sollten Täter, ob kleine oder grosse, nicht aus ihrer Verantwortung entlassen werden.

    Antworten
  2. Sehr geehrte Frau Irlbeck,
    meine Hochachtung vor ihrem Vater.
    Schön Geschichte aus erster Hand von Zeitzeugen zu erfahren.

    Antworten
  3. Da kann ich “Feierwehr” nur zustimmen, es ist zwar aus psychologischer Sicher verständlich dass Frau Irlbeck sich ein positives Bild von ihrem Vater erhalten will, moralisch richtig ist es dennoch nicht.
    Aber auch heute glauben laut statistischen Erhebungen 29% der unter 30 jährigen dass ihre Vorfahren sich für die Opfer der Nazis eingesetzt haben, in Wirklichkeit waren es 0,1%.
    Ich finde es Schade dass Josef Estermann nicht viel mehr von der Stadt Wasserburg gewürdigt wird.

    Antworten
  4. Das ist doch völliger Quatsch was sie sagen Herr oder Frau Feierwehr wenn sie in der Zeit gelebt hätten hätten sie genau so gehandelt man ist ja ständig unter Druck von den Nazis gestanden und wenn man nicht gespurt hat hat man um sein und der Familienleben bangen müssen die haben nicht lange gewackelt alle die so reden wie sie hätten in dieser Zeit leben sollen!!!

    Antworten
    1. Wer sind denn dann “die”, die “nicht lange gewackelt” haben (gemeint war wohl gefackelt), wenn selbst der NSDAP-Kreisleiter nur eine unschuldige Marionette gewesen sein soll? Zwischen dem Versuch, irgendwie durchzukommen und sich und die eigene Familie nicht in Gefahr zu bringen auf der einen Seite und dem System in leitender Position zu dienen auf der anderen, da ist dann doch noch ein Unterschied.

      Antworten
  5. Auch ein Wasserburger

    @benschi, Sie mögen bezüglich des einfachen Soldaten bzw. der niederen Riege Recht haben, können aber hier wohl nicht ernsthaft behaupten, dass Ranghohe nsdap Mitglieder wie beispielsweise ein Kreisleiter nicht mit dem System der Nazis symphatisiert bzw. im Sinne der eigenen Karriere schon auf beiden Augen blind sein mussten. Sie werden auch nicht ausversehen Dienststellenleiter einer Behörde wenn sie sich nicht auch selbst darum bemühen…

    Antworten
  6. Wie wir uns in diesen Zeiten verhalten hätten ist in der Tat nicht leicht zu beantworten. Aber wer waren denn diese ominösen Nazis? Genau solche Menschen wie Knappe, die bereits 1930 in NSDAP eingetreten sind. Die Millionen Helfer und Mitläufer, die nach 1933 innerhalb ein Jahres den demokratischen Staat abgeschafft haben. Das war keine kleine Clique von bösen Menschen, die den Rest des Landes in Geiselhaft hielt. Das konnte alles nur funktionieren, weil es bis in die kleinste Ebene willige Menschen wie Knappe gab.

    Antworten
  7. Liebe Kommentatoren,
    geht doch bitte mal ins Archiv und lest Euch etwas ein. Herr Knappe hat das Amt des Kreisleiters nicht angestrebt, er wurde in diesen Posten beordert. Zu diesem Zeitpunkt war er nicht einmal mehr Mitglied der NSDAP. Er ist auch nicht mehr eingetreten, er wurde eingetreten. Ja, genau, so etwas hat es damals auch gegeben. Herr Knappe hat seinen Posten und seine Einfluss genutzt um nicht nur seien Familie zu schützen sondern auch von dem ihn anvertrauten Menschen das Übel möglichst abzuhalten. Das ihm dies recht gut gelungen ist dafür gibt es im Archiv etliche Belege. Beim Studium der Unterlagen wird einem klar werden, dass Wasserburg großes Glück hatte einen Mann wie Herrn Knappe als Kreisleiter zu bekommen. Er war übrigens kaum eine Marionette. Und dieses Bild wird auch in keinem Beitrag vermittelt. Über den Kamm scheren und schnell mal alles schwarz anmalen was in der Schublade liegt ist einfach wird aber dieser Geschichte nicht gerecht.

    Antworten
  8. Manfred Braun

    Es gibt eine umfangreiche wissenschaftliche Arbeit von Fabian Pleizier zu Kurt Knappe. Man tut gut daran, diese Arbeit erstmal zu lesen, bevor man in die eine oder andere Richtung blökt. Kurt Knappe war zweifellos überzeugter Nationalsozialist und ist auch nicht aus Versehen in die Ämter gekommen, die er bekleidet hat. Er wurde im Spruchkammerverfahren auch nicht freigesprochen, sondern nach einer Revision als Mitläufer eingestuft. Dass er in den letzten Kriegstagen ein Verhalten an den Tag gelegt hat, das deutlich gegen das Naziregime gerichtet war, gehört zu den Widersprüchen, die solche Zeiten nun mal hervorbringen. Es bringt nichts, das eine oder andere einfach gedanklich auszublenden. Ich kann allerdings in der Schilderung von Frau Irlbeck auch nicht den Versuch einer Reinwaschung von Kurt Knappe erkennen.

    Antworten
  9. Fabian Pleizier

    Vielen Dank an die Wasserburger Stimme für diesen Artikel mit interessanten Zeitzeugenberichten!

    Leider sind einige der Kommentare äußert unqualifiziert und fehl am Platze.

    Es gibt wohl kaum eine Person in der Region bei der für die Zeit des Dritten Reiches eine so vollständige und aussagekräftige Aktenlage vorhanden ist wie bei Herrn Knappe. Diese ist zudem von Jedermann öffentlich im Stadtarchiv Wasserburg einsehbar.

    Ich habe sämtliche Akten durchgesehen und meine Facharbeit darüber geschrieben.

    Zusammengefasst kann gesagt werden, dass Herr Knappe sein Amt nicht zu seinem persönlichen Vorteil ausgenutzt hat wie er es zweifelsohne hätte machen können. Er verzichtete beispielsweise auch auf den Umzug in die Kreisleitervilla sowie die ihm zustehenden Dienstmädchen.

    Viele Menschen in der Region hätten die Zeit bis ´45 ohne Kurt Knappe wohl nicht überlebt. Dazu zählt unter anderem Herr Estermann, dessen politische bzw. kommunistische Überzeugung kein Geheimnis war. Die beiden hatten übrigens nach dem Krieg ein gutes Verhältnis und erfuhr seinerseits von ihm Unterstützung.

    Wasserburg hatte wohl in der Tat großes Glück, Kurt Knappe als Kriegskreisleiter gehabt zu haben. Auch durch sein Eingreifen konnte die Stadt Wasserburg kampflos den Amerikanern übergeben werden. Andernfalls wäre die Zahl der Opfer der letzen Kriegstage wohl um einiges höher gewesen und unsere schöne Altstadt zu großen Teilen zerstört worden.

    Falls sich einer der Kommentarschreiber in die Materie einlesen will, steht wie gesagt das Stadtarchiv offen. Ansonsten bin ich auch gerne bereit persönlich ein Gespräch oder eine Diskussion über das Thema zu führen.

    Antworten
    1. Ich habe Ihre Facharbeit gelesen, in der Sie selbst darauf hinweisen, das es seltsam erscheinen mag, eine Arbeit aus zu wählen, für die man keine glaubwürdigen Quellen hat. Alle Quellen stammen lt. Ihrer Arbeit aus dem persönlichen Nachlass Knappes. Die Ansprüche an eine echte wissenschaftliche Arbeit würde ich höher einstufen.

      Aber lassen Sie uns ein paar Daten aus Ihrer Arbeit zitieren:
      1930 Eintritt in die NSDAP. 1932 wieder Austritt.. 1934 Eintritt in die SA, erreicht den Rang eines Oberscharführers, tritt aber (wahrscheinlich) nach der Ermordung Röhms und der damit verbundenen Schwächung der SA innerhalb des NS Machtapparates wieder aus. Ab 1937 Geschäftsführer der DAF (Deutsche Arbeitsfront, NS.-Einheitsgewerkschaft) in Straubing, hier auch Wiedereintritt in die NSDAP, ab 1938 Kreisgeschäftsführer der NSDAP in Wasserburg, ab 1942 Kreisstabsamtsleiter und Kriegskreisleiter. Ich zitiere aus Ihrer Arbeit: “Er hatte so einen noch besseren Überblick über die politischen Sachverhalte in der Region …”

      Ein Mann, der im NS-Staat Karriere gemacht hat. Der von Anfang an dabei war, in diversen durchaus machtvollen Positionen. Wenn Knappe kein Nazi war, wer dann? Wollen Sie tatsächlich behaupten, er war einer von den Guten, wohlmöglich doch sogar im Widerstand? Weil er nicht in die Kreisleitervilla umgezogen ist? Weil er angesichts des totalen Untergangs sich für die richtige Seite entschieden hat? Kam denn die Initiative zur gewaltlosen Übergabe Wasserburgs von Ihm? Oder doch von der Freiheitsaktion? Estermann war für seine politische Überzeugung im KZ in Dachau, jeder wusste über seine Einstellung Bescheid.
      Glauben Sie allen Ernstes, Leute wie Knappe oder Puhl wussten nichts von der “Aktion T4” in Gabersee?

      Wie in meinem obigen Kommentar bereits erwähnt:
      Menschen wie Knappe sind Schuld, dass der NS Unrechtsstaat 12 Jahre lang wüten konnte, mit all seinen schrecklichen Folgen.
      Nicht Monster haben Menschen ins Gas geschickt, haben Ihre Arbeitskollegen denunziert, haben Kriegsverbrechen begangen. Es waren ganz einfache Menschen.

      Antworten
      1. Manfred Braun

        Ich bin jetzt auch einigermaßen überrascht von den Äußerungen von Herrn Pleizier. In seiner Facharbeit enthält er sich ausdrücklich eines Urteils über Knappe als Person. Für seine Rolle als Nationalsozialist in führenden Ämtern ist es auch relativ irrelevant, ob er diese zu seinem eigenen Vorteil ausnutzte oder nicht. Tatsache ist nun mal, dass er diese Ämter inne hatte. Und noch einmal: Aus Versehen ist er in diese Ämter sicherlich nicht gekommen. Mag sein, dass Wasserburg Glück hatte, ihn als Kriegskreisleiter gehabt zu haben. Noch viel mehr Glück hätte Deutschland und auch Wasserburg gehabt, wenn es kein Naziregime gegeben hätte. Und das war nun mal ohne überzeugte Nationalsozialisten wie Knappe nicht denkbar.

        Antworten
      2. Robert Obermayr

        Wissenschaftlich abgesichert lässt sich sagen, dass die Kreisleiter, die mittlere Ebene in der NS-Diktatur, einen ge-wissen Spielraum hatten, den sie nutzen konnten, hinsichtlich einer eher rigiden oder gemäßigten „Amtsführung“. Es gab also unter den Funktionären, die alle über Jahre das Regime aufbauten und stützen, salopp gesagt auch solche und solche. Aber angesichts des 75. Jahrestags zum Kriegsende ist eine Frage bedeutend: Wie verhielt sich jemand in den letzten Tagen als es um die (Nicht-)verteidigung der Stadt ging, der Verhinderung weiterer sinnloser Menschenopfer und wie man sich gegenüber Widerständlern verhält. Und da kam Wasserburg glimpflich davon, soweit man weiß, auch dank der Spitzen von Stadt, Landkreis und Nazi-Partei. Das sollte man getrennt betrachten, von dem, was davor war, auch wenn das zugegeben schwierig ist. (…)

        Antworten
  10. @Danke für die Klarstellung an Feierwehr und Manfred Braun!
    Ich muss sagen: Haben wir denn nichts aus der Vergangenheit gelernt? Im Geschichtsunterricht werden die Schüler ganz klar auf die Machenschaften der Nazi aufmerksam gemacht. Das ist auch gut so. Und dann folgt der Satz: “So etwas darf nie mehr passieren!” Das ist entscheidend. Und jetzt wird versucht Herrn Knappe noch für seine Tätigkeit als Kreisleiter nachträglich zu ehren? Gehts noch?
    Herr Knappe war Kreisleiter der NSDAP. Das sagt alles aus.
    Und um Herrn Braun zu zitieren: “Aus Versehen ist er in diese Ämter sicherlich nicht gekommen.” Dem stimme ich voll und ganz zu.
    Und wie wir wissen, genossen Männer in solchen NS-Positionen bestimmte Vorteile.

    Antworten
  11. Hier wird mal wieder hingebungsvoll an der Sachlage vorbei diskutiert. Niemand hat behauptet Herr Knappe sei unschuldig. Das waren zu dieser Zeit nur sehr wenige Menschen. Frau Irlbeck wehrt sich in erster Linie dagegen, dass Ihr Vater ein Nazi – Bonze gewesen ist, und sein Amt zur eigenen Bereicherung ausgenutzt hat. Und diesem Bild widerspricht die Faktenlage (z.B. keine Villa). Und natürlich kann kein Regime ohne fleißig Helfer funktionieren, aber einen Kreisleiter hätte Wasserburg eh bekommen. Viel wichtiger wie diese wenigen Personen der Bürokratie waren (und sind) die ganzen kleinen miesen Denunzianten, die aus Neid, Missgunst und Hörigkeit ihre Nachbarn angezeigt haben. Und im Gegensatz zu Herrn Knappe wurden sie nicht vor Gericht gestellt und haben fröhlich weiter gestänkert. Ich musste mir als junger Mensch so einige anhören, die einen kleinen Hitler herbeigesehnt haben. Einige die nach dem „aber“ damit kamen, dass diese vielen Juden schon gut weiter sind. Wer hat den Anzeige erstattet, dass Feindsender gehört wurden, oder Fremdarbeiter am Tisch der Bauern mitgegessen haben. Angesehene Bürger meiner Geburtsgemeinde (dass ist nicht Wasserburg, von hier weiß ich nichts). Und dieses Gewürm in den Gassen hat für die Angst gesorgt, die ein täglicher Begleiter der Gemäßigten war. Mit diesem Geschwür sind viele Taten erst möglich geworden. Die Bürokratie allein hätte das nie erreicht. Es ist immer die ganze Gesellschaft die zu derartigen Auswüchsen führt. Frau Irlbeck hätte sich übrigens – wie so viele andere – auch einfach wegducken können. Allein dass sie offen zu der Geschichte ihrer Familie steht heißt schon was.

    Antworten
  12. Wie gesagt, es hat keinen Sinn an den Tatsachen vorbeizureden. Die Geschichte kann nicht rückgängig gemacht werden.
    Dass jemand bei der NSDAP war, das reicht doch schon aus und ist Statement genug.
    Und als i-Tüpfelchen auch noch Kreisleiter. Er stand in entsprechender Position.
    (…)
    Es wäre ein Schande, wenn man zwanghaft versuchen würde, irgendetwas am NS-Regime gut zu heißen oder zu verteidigen!

    Antworten
  13. Ich kann in diesem Artikel (…) nichts finde, was diese moralische Schnappatmung rechtfertigt. Diskutiert wird hier auf keinen Fall. Hier (…) bestehen Leute auf Deutungshoheit, in dem sie Meinungen als Fakten darlegen. Solches ist bekannt aus totalitären Regimen. In einer offenen, toleranten Gesellschaft, in der man dem anderen Respekt entgegenbringen sollte, hat dergleichen nichts zu suchen. Ich brauch wirklich keinen der mir erzählt was ich von diesem Artikel zu halten habe. Ich kann selber lesen und denken. Ich habe Angst vor solchen Tendenzen und vor den Menschen die dahinter stehen. So viel Angst, dass ich lieber anonym bleiben möchte.

    Antworten
    1. Können Sie mir bitte erklären, inwiefern hier “Meinungen als Fakten dargelegt” werden? Können Sie mir ein Beispiel nennen?

      Antworten