„Sowas habe ich noch nie erlebt”

Letzte Sitzung des „alten" Stadtrates: Bürgermeister Michael Kölbl zog gestern Bilanz zur Wahlperiode 2014 bis 2020

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„Ich bin jetzt seit 36 Jahren im Wasserburger Stadtrat, 18 davon als Bürgermeister – aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Die Wahlperiode 2014 bis 2020 war extrem und außergewöhnlich”, sagte gestern das Stadtoberhaupt Michael Kölbl bei der letzten Sitzung des „alten” Stadtrates, die wegen der aktuellen Pandemie im historischen Rathaussaal stattfand. „Die Flüchtlingskrise, die Klima-Diskussion und jetzt Corona: Noch nie ist die Kommunalpolitik so von globalen Themen geprägt gewesen, wie in den vergangenen Jahren.” Bevor er die sieben scheidenden Stadträte verabschiedete, ließ der Bürgermeister noch einmal die vergangenen sechs Jahre Revue passieren. 

Diese seien unter einem Schlagwort gestanden: Solidarität. „In der Flüchtlingskrise 2015 und 2016 brauchten die Flüchtlinge unser aller Solidarität, in der Klimadiskussion 2018 und 2019 die Jugend die Solidarität der Älteren, in Corona-Zeiten ist es jetzt umgekehrt, da brauchen die Älteren die Solidarität der Jüngeren.”

 

Der Bürgermeister blickte auf zahllose Projekte und Aufgaben zurück, die man angepackt und gemeinsam abgearbeitet habe – vom Klimaschutz über die neue Gestaltungssatzung in Sachen Denkmalschutz, vom sozialen Wohnungsbau in der Stadt und im Einheimischen-Modell in Reitmehring bis hin zu den Anschaffungen für die Feuerwehr und die Planungen zum neuen Gerätehaus.

Zudem habe man sich zwei Jahre mit dem „Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzept” (ISEK) beschäftigt. Obendrein habe man die Mittelschule saniert, eine neue Turnhalle errichtet, das Probenheim der Stadtkapelle erweitert, den Fußballern des TSV ein neues Sportheim ermöglicht, den Bau des neuen Schöpfwerkes auf den Weg gebracht und vieles, vieles mehr. „Und dann haben wir ja auch noch ganz nebenbei Bayerns größte Klinik-Baustelle.”

Für den Stadtrat seien die vergangenen sechs Jahre eine große Herausforderung gewesen. „Sitzungen des Rates und der Ausschüsse, Klausuren, Besprechungen, Bürgerversammlungen – für manchen waren das über 300 Termine in der vergangenen Wahlperiode. So ein Amt verlangt viel Zeit und Herzblut.”  Kölbl dankte seinen Stadträten für deren Engagement und für „den offenen und ehrlichen Umgang miteinander”. Ein besonderes Lob hatte er für seine Verwaltung parat und hob dabei seine Fachbereichsleiter Thomas Rothmaier, Konrad Doser, Mechtild Herrmann und Marius Regler hervor. „Niemand ließ den Bürgermeister in den vergangenen Jahren im Regen stehen.”

Ein Danke gab es von Kölbl auch für die Bürger und alle Ehrenamtlichen. „Die Bürger identifizieren sich mit ihrer Stadt. Das merke ich jeden Tag. Und ohne unser Ehrenamt würden wir so manches in der Stadt einfach nicht schaffen. Wenn ich da nur an die Flüchtlingskrise denke und den beispielhaften Einsatz der evangelischen Kirchengemeinde rund um Monika Rieger.”

Im Anschluss an seinen Rückblick verabschiedete der Bürgermeister die sieben scheidenden Stadträte. Für jeden gab es neben Worten des Dankes den Wasserburger Löwen,  eine Medaille, ein persönliches Geschenk und eine Urkunde.

Sechs Jahre Lang war Sophia Jokisch im Stadtrat für die Linken. Bezahlbares Wohnen, Frauen-Themen und Gleichberechtigung so wie die Umwelt seien ihre zentralen Anliegen gewesen, die sie stets sachlich und mit Nachdruck in die Diskussion eingebracht habe.

Ein Jahr länger als Jokisch war Markus Höft im Stadtrat für die Grünen vertreten. Er rückte 2013 für Adil Oyan nach und schied jetzt auf eigenen Wunsch aus. Im Umwelt- und im Hauptausschuss habe er sich nicht nur mit viel Engagement um Finanz- und Umwelt-, sondern besonders auch um Gesundheits- und soziale Themen gekümmert.

 

Zwölf Jahre lang war Dr. Christine Mayerhofer (SPD) im Stadtrat vertreten – zu letzt als Werkreferentin.  „Kein leichtes Amt”, wie der Bürgermeister versicherte. Sie habe sich mit viel Ehrgeiz durch die oft sehr technischen Themen gearbeitet und ein tolles Engagement bei Gesundheitsthemen und  in Sachen Badria gezeigt.

 

24 Jahre lang war Andreas Ass im Rat der Stadt Wasserburg vertreten – immer mit einem offenen Ohr für alle. „Andreas Ass wusste immer, wie die Seelenlage der Menschen in der Stadt war und ist.”  Er habe aus freien Stücken auf eine weitere Kandidatur verzichtet und widme sich jetzt ganz seinen Aufgaben als Opa. „Und nebenbei hält er noch seine Bürgersprechstunden ab”, wie der Bürgermeister schmunzelnd ergänzte. Ass, der sich hatte entschuldigen lassen, bekommt den Wasserburger Löwen vom Bürgermeister noch persönlich überreicht.

 

Ebenfalls 24 Jahre lang war Marlene Hof-Hippke Wasserburger Stadträtin – zwölf Jahre davon als Stellvertreterin des Bürgermeisters. Sie habe zudem großes Engagement während ihrer Zeit als Kulturreferentin der Stadt an den Tag gelegt. „Marlene Hof-Hippke ist Wasserburger Urgestein, ein politischer Mensch, der sich selbst immer treu geblieben ist.”

 

Entschuldigt war gestern Peter Stenger, der 30 Jahre lang für die SPD im Stadtrat gesessen hatte. „Wer kennt ihn nicht, den Wasserburger Nikolaus?”, fragte Kölbl in die Runde und fügte lächelnd hinzu: „Er war in seiner Art immer sehr berechenbar und gleichzeitig unberechenbar.”  In Sachen Denkmalschutz sei Stenger strenger gewesen als jedes Amt.  „Deshalb hat es so manche hitzige Sitzung des Bauausschusses gegeben”, so der Bürgermeister.

 

Eine besondere Ehrung widerfuhr Otto Zwiefelhofer, der 31 Jahre in kommunalen Gremien vertreten war. Sieben Jahre lang im Garser Gemeinderat und 24 Jahre lang im Wasserburger Stadtrat – seit 1996 als Zweiter und ab 2014 als Dritter Bürgermeister. In dieser Zeit habe er praktisch in allen Ausschüssen mitgewirkt und dabei drei verschiedene Bürgermeister erlebt. „Otto hat das Thema Loyalität gelebt. Als Kommunalpolitiker muss man Menschen mögen, ihnen zuhören können. Und darin ist Otto Zwiefelhofer ein Meister. Er kennt nicht nur viele Menschen, sondern auch noch gleich ihren Stammbaum mit dazu. Er ist ein Ehrenamtlicher, wie er im Buche steht.” Nicht umsonst habe er im vergangenen Jahr die Kommunale Verdienstmedaille erhalten.

Für Zwiefelhofer gab es ein zusätzliches Geschenk: Ein Bild von Willy Reichert (Foto: John Cater).

Die Sitzung fand im historischen Rathaussaal statt, wo zwischen den Stadträten ein großer Sicherheitsabstand möglich war. Beim Betreten des Saals hatten alle ihre Mund- und Nasen-Masken auf. Erst, als alle saßen, wurden diese abgenommen.

Foto: John Cater

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