Geschichten hinreißend präsentiert

Lesung mit Bettina Mittendorfer im Bauernhausmuseum Amerang begeistert Zuhörer

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Sie haben nur vier Groschen in der Hosentasche, vergraben unter Krümeln, für ein Bier im Bräugarten, sie reden über Hochzeiter und die Liebe zwischen dem Spalten von Schweinshaxen und dem Würzen von Wurstbrät, oder sie lassen sich von armen Leuten die Karten legen, um reich zu werden: Arme Leute damals in Bayern, Wirtshaushocker, Bauern, Metzger, Wirtsleute, Tagelöhner und Landstreicher. Die Schauspielerin Bettina Mittendorfer präsentierte das Leben armer Leute mit Geschichten und Liedern in einem mitreißenden Abend im Bauernhausmuseum Amerang des Bezirks Oberbayern.

Musikalisch nicht weniger eindrucksvoll begleitet wurde sie dabei von Barbara Dorsch.

 

„Mensch sein!“ hieß das Motto des Abends. Bettina Mittendorfer unternahm einen Streifzug durch die Werke von Bayerns besten Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Es ging um kleine Leute, wie das liebenswürdige Landstreicherpaar in Oskar Grafs Geschichte „Das unrechte Geld“. Er ein Drehorgelspieler „mit einem Loch über der Gurgel, das von einem Korken verstopft war“, seine Frau als treue Begleiterin, die den einfachen Leuten die Karten legte und einem Bauern Reichtum versprach, der dann auch kam und eine verhängnisvolle Geschichte aus Neid und Missgunst ins Rollen brachte. Doch trotz der Konflikte ums liebe Geld: „Die Protagonisten sind arm, haben das Herz aber am rechten Fleck“, betonte die Schauspielerin.

 

„Warum ich Welt und Menschheit nicht verfluche? Weil ich den Menschen spüre, den ich suche“, schrieb der Schriftsteller Erich Mühsam. Treffender könnte man den Abend im ehemaligen Kuhstall des Vierseithofes im Bauernhausmuseum Amerang nicht beschreiben. Bettina Mittendorfer liest Geschichten nicht vor. Sie lebt sie, sie spielt sie, und scheut sich auch nicht, das „Bayerische Dekameron“ von Oskar Maria Graf lustvoll-bayerisch vorzuführen – ein Stelldichein im Stall, begleitet vom Grunzen der Kühe, dem Keuchen zweier Liebenden und allerlei Geräuschen der Leidenschaft. Dafür erhielt sie ebenso viel Applaus der begeisterten Besucher wie für ihre Präsentation von Heinrich Lautensacks „Der Garten der Armen“, jene Geschichte über die Eröffnung des Biergartens im Schröcksbräu, wo an einem Tisch gefühlt „drei Jahre Zuchthaus sitzen, nicht alles abgesessen, aber sicherlich verdient“. Hier feiern die Armen Feste in der Sonne, dass sie den ganzen Winter davon zehren.

 

Im „Who is who“ der bayerischen Literaten dürfen Lena Christ und Emerenz Meier natürlich nicht fehlen. Vergnüglich und lebensnah etwa die Geschichte, wie die Rumplhanni zur Hochzeiterin wird. Den Antrag bekommt sie nebenbei im Gespräch mit ihrem Zukünftigen, zwischen der Aufforderung, Wurstbrät noch mit Petersilie zu würzen und die Haxn zu spalten. „Also ist die Rumplhanni eine Hochzeiterin und hat das, was sie will: a Haus, a Kuah und a Millesupperl in da Fruah.“

 

Danach lüftet Bettina Mittendorfer das Geheimnis um den „Theodorverein“ in Aching, bestehend aus 16 Männern, die eine Gemeinsamkeit teilen – ein mögliches Kind, für das sie jeweils 4 Mark Alimente zahlen. Die bayerischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller wussten um die Not der armen Leute. Sie waren selbst auch nicht immer wohlhabend. Lena Christ etwa erlitt große Not, konnte sich kaum über Wasser halten und nahm sich mit 39 Jahren das Leben. Auch das kam beim Abend von Bettina Mittendorfer zur Sprache. Ein literarisch-schauspielerisches Erlebnis, das für alle Besucher nach Wiederholung ruft. CR

 

 

Foto: Bettina Mittendorfer (rechts) und Barbara Dorsch (links) im Vierseithof des Bauernhausmuseums Amerang © Bezirk Oberbayern, Archiv BHM Amerang.

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