Ein Abend voller Melancholie

Wasserburg: Bei der Eröffnung der 15. Theatertage fließen Tränen und der Atem stockt

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Was die Jahre davor stets heiter, beschwingt und nicht selten mit einem gewaltigen Schuss Ironie oder gar Süffisanz daherkam, war heuer tränenreiche Melancholie, stille Nachdenklichkeit und tiefe Betroffenheit: Der Schauspieler Udo Samel präsentierte am Mittwochabend eine nicht nur für ihn und das Theater, sondern auch fürs Publikum ganz außergewöhnliche Lesung zur Eröffnung der 15. Wasserburger Theatertage. Kein heiteres Stück lag diesmal vor Samel auf dem Tisch, sondern eine gravierende Thematik, „der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage geschuldet”, wie Theater-Leiter Uwe Bertram durchblicken ließ. 

Die Verantwortlichen des Theaters und Bürgermeister Michael Kölbl – als ob sie die Lesung schon gehört hätten – eröffneten den Abend vor der Lesung in ähnlicher Stimmung.

Doch ihre Melancholie entsprang nicht dem schweren Stoff, den Samels Auftritt zum Mittelpunkt haben sollte, sondern dem Rückblick auf die bewegte Geschichte des Hauses – auf 15 Jahre Theatertage, auf über 20 Jahre Theater Wasserburg, auf eine für die Kultur-Provinz herausragende, scheinbar unglaubliche Karriere einer Kleinstadt-Bühne, die heute in ganz Bayern einen Namen hat und deren Start mit so viel Ungewissheit verbunden gewesen war.

Wie immer begrüßte Wasserburgs Theater-Leiter Uwe Bertram die Gäste und auch ihm merkte man an, dass dieser Abend ein besonderer war. Ein Jubiläumsabend, bei dem alle Beteiligten dankbar und gerührt zurückblickten, so auch er.

Und Bertrams erster Dank galt der Stadt: „Herr Bürgermeister, glauben Sie uns, wir wissen wirklich, was Wasserburg für uns tut und wir schätzen dieses Engagement aufrichtig.”

Bertram vergaß bei seinen Dankesworten auch nicht sein Ensemble, seine Mitstreiter vor und hinter der Bühne. Ein besonderes Danke ging an Peter Dörr, dem kaufmännischen Berater des Hauses, der von der ersten Minute des Wasserburger Theaters an dessen Weg begleitet hatte – und damit auch Bertrams: „Immer wenn ich nicht weiterweiß, steht einer ruhig hinter mir, den ich fragen kann – Pit Dörr.”

Letzterem war es vorbehalten, die Geschichte des Hauses Revue passieren zu lassen. Und er tat dies so rührend und berührend, dass das Publikum schwer zu atmen hatte. Selbst den Tränen nahe, gab er Anekdoten zum Besten und zog die Zuhörer in seine ganz eigene Geschichte hinein – ein Gänsehaut-Augenblick, der im Nachhinein nur schwer in Worte zu fassen ist. Man musste dabei gewesen sein …

Offiziell eröffnet wurden die 15. Wasserburger Theatertage dann traditionell von Bürgermeister Michael Kölbl, der sich von der feierlichen, anrührenden Stimmung anstecken ließ und mit seinem Rückblick auf die ersten Tage, Wochen, Monate des Theaters Wasserburg Einblicke in die schwierige Anfangszeit gewährte.

„Ich erinnere mich noch gut an die gemeinsame Fahrt zum Kultusministerium. Uwe Betram, Stadtkämmerer Konrad Doser und ich im Auto. Wir waren alle Drei sehr nervös, haben es aber durch einen juristischen Winkelzug geschafft, das Ministerium auf unsere Seite zu ziehen.”

Er schätze am Theater Wasserburg neben dessen herausragender Qualität auch ungemein dessen Kontinuität, „für die auch Uwe Bertram steht. Und ich wünsche mir, dass diese Kontinuität noch lange Bestand hat.”

 

Kein Mensch auf dieser Erde kann die Seiten eines Buches langsamer und zärtlicher umblättern als Udo Samel …

Und dann kam Udo Samel* und er hatte ein Stück Geschichte, ein Stück harte Geschichte mit dabei. Ein Name, ein Ort, der alles sagt: Auschwitz.

Der italienische Autor Primo Levi verarbeitet sein Überleben in diesem Todeslager der Nazis in seinem Werk „Atempause”. Als Übergang aus dem traumatischen Wahnsystem des Lagers zurück in die Welt – so schildert er die Zeit des Holocausts in einem persönlichen Rückblick.

Nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager machte er sich auf den Heimweg. Mehrere Monate dauerte die Odyssee, die Primo Levi von Polen in die Ukraine, nach Rumänien, Ungarn und über München schließlich nach Turin führte. 1963 schrieb er seine Geschichte im Roman „Atempause” nieder, aus dem Samel vortrug.

Wie immer mit unglaublicher Genauigkeit, wie immer mit mitreißender Sprache und Mimik, wie immer mit tollen Pausen. Kein Mensch auf dieser Erde kann eine Seite in einem Buch langsamer und zärtlicher umblättern als Samel. Mal stirbt das letzte Wort in Schönheit vor dem Umblättern, mal haucht das letzte Wort während des Blätterns im Fluge sein Leben in Zeitlupe aus, mal geht es rasch darüber hinweg, um dann um so flinker das Zeitliche zu segnen. Das Wort hat es nicht leicht mit Samel.

Und so war es letztlich wie immer, wie in all den vergangenen 15 Jahren: Das Publikum hing an Samels Lippen. Bis zur letzten Sekunde. Bis zum allerletzten Punkt.

Man freute sich, dem Protagonisten applaudieren zu dürfen.

Doch dann – war plötzlich alles anders. Keine heitere Zugabe nach tosendem Applaus wie sonst, kein zufriedenes Verbeugen. Samel kostete das langanhaltende, wohlverdiente Klatschen diesmal nicht aus. Zu schwer wog heuer der Stoff, aus dem die Lesung war. Zu schwer für Tollerei. Das Publikum spürte das auch …

Begleitet wurde Samel heuer von Jure Robek, einem slowenischer Klarinettist, der mit seinen Klängen den Abend obendrein auch musikalisch in eine melancholische Aura tauchte.

Robek arbeitet als Kammermusiker und Solist. Neben seinem Studium an der Musikhochschule Trossingen sammelte er Erfahrungen in der Jungen Oper Stuttgart, bei Baltic Sea Philharmonic und als Solist mit dem Orchester der Slowenischen Philharmonie.  

HC

(*Udo Samel, geboren 1953 in Eitelsbach bei Trier, Absolvent der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt am Main, ist seit 1978 als Schauspieler auf Bühnen im deutschsprachigen Raum zugange, darunter Berliner Schaubühne, Schauspiel Frankfurt, Wiener Burgtheater, Salzburger Festspiele und Schauspielhaus Graz.

Seit ebenso langer Zeit ist er auch in Film- und Fernsehproduktionen zu sehen, unter anderem in „Mit meinen heißen Tränen“, „Alles auf Zucker“, „Die Klavierspielerin“, „Mein bester Feind“ und „Babylon Berlin“. Zu den Auszeichnungen, die Udo Samel erhielt, zählen der Deutsche Darstellerpreis, der Adolf-Grimme-Preis und der Nestroy-Theaterpreis.)

Fotos: Christian Flamm

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