Kultur-Highlight von Sprecher Michael Atzinger und Pianistin Yume Hanusch begeisterte in Edling

Eine besondere Konzert-Lesung stand jetzt im voll besetzten Edlinger Krippnerhaus unter dem Titel: „Genie und Wahnsinn“. Das bewährte Duo mit dem Sprecher Michael Atzinger (bekannt aus BR Klassik) und der Pianistin Yume Hanusch präsentierte im Rahmen der Konzertreihe „Klassik im Krippnerhaus“ seine neueste Produktion – ein Abend nicht nur lehrreich in der bedeutenden Musikgeschichte, sondern sowohl als Lesung dank Michael Atzinger wie auch als Konzertabend dank Yume Hanusch am Flügel ein Hochgenuss.
Fotos: Renate Drax

Muss man als Komponist ein bisschen „neben der Spur“ sein, um gute Musik zu schreiben? Nicht unbedingt.
Psychische Ausnahmesituationen können lähmen – oder aber zu Höhenflügen animieren. Zwischen „Genie und Wahnsinn“ ist so manches Großartige erschienen – oder auch nicht.
So war der Abend angekündigt worden und er hielt, was er versprach – eine berührende Reise ins Innerste der einstigen Ausnahmekünstler, die in Erinnerung bleiben wird.

Michael Atzinger begann den Literatur-Part mit Textstellen aus „Wie man ein Genie tötet“ von Ingvar Hellsing Lundqvist – ein bewegender Künstlerroman zwischen Euphorie und Wahnsinn. Der Autor erweckt ein vergessenes Genie zum Leben, einen, der getrieben komponierte, letztendlich aber an seiner eigenen Genialität scheiterte:
Im Wien des 19. Jahrhunderts kämpft einer verbissen um sein Überleben: Der junge, talentierte Hans Rott, der in bitterer Armut für die Musik, für seine Musik, lebt, gerät in den Kulturkampf einer Zeitenwende. Da ist Anton Bruckner, der ihn zum Lieblingsschüler auserkoren hat und der ihn unterstützt, wo er nur kann – und da ist aber auch Johannes Brahms, der Rott als Vertreter einer neuen Musik ablehnt und deshalb seine Karriere vernichtet. Hans Rott taumelt mit 25 Jahren in den Wahnsinn.
Yume Hanusch hatte stets zu den Text-Auszügen gefühlvoll die passenden Werke ausgesucht. „Für Alina“ von Arvo Pärt zum Beispiel oder Mozarts Klaviersonate F-dur.
Von Brahms Stimmungen, Emotionen dazu zum Beispiel die Ballade op 10 Nr. 11 …
Von Sergej Rachmaninow, der fast am Verriss seiner ersten Sinfonie zerbrach, bevor er sich nach Jahren wieder zurückmeldete, spielte die Edlinger Pianistin die „Elegie op 3 Nr. 1″. Romantisch, tragisch, leidenschaftlich flogen ihre Hände über die Tasten …

Beethoven litt unsäglich an seinem Hörverlust und komponierte einfach weiter – die „Klaviersonate cis-moll op 27 Nr 2″ verdeutlichte und ließ mitfühlen …
Dann Robert Schumann, der mit Dämonen und Todessehnsucht kämpfte – Yume Hanusch stimmte dazu unter anderem seine „Geister-Variationen“ an.
Und Michael Atzinger las aus „Clara“ von Christine Eichel vor. Waren sie doch das vermeintliche Traumpaar der Musikgeschichte: Die schillernde Pianistin Clara Schumann und aufopferungsvolle achtfache Mutter – und der geniale, schwermütige Komponist und Künstler. Von ihrem Vater wurde sie zum Wunderkind dressiert, von ihrem Mann zur Hausfrau degradiert. Dennoch entwickelte sich Clara Schumann zu einer der bedeutendsten Musikerinnen des 19. Jahrhunderts. Ihr Ringen um Autonomie – künstlerisch, menschlich, ökonomisch – steht für eine Neuverortung weiblicher Identität, die einzigartig war in dieser Zeit …
Für das Stück „Room“ von John Cage hat Yume Hanusch dann ihr Piano sogar eigens kurzerhand präpariert, um dem verfremdeten Stil des Werks gerecht zu werden.
Und auch Johann Sebastian Bach sowie Frederic Chopin fehlten nicht an diesem so außergewöhnlichen Abend in Edling.
Stille, Sehnsucht, Geheimnis.
Die Pianistin Yume Hanusch und der Sprecher Michael Atzinger – sie sind ein kongeniales Duo in der Liaison von Literatur und Musik, das begeisternden Applaus im Krippnerhaus erhielt.
Als Dank für einen Abend, der ganz wunderbar mit diesem Gedicht in den Herzen des Publikums endete:
An die Musik
Du holde Kunst, in wie viel grauen Stunden,
Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,
Hast du mein Herz zu warmer Lieb entzunden,
Hast mich in eine bessre Welt entrückt.
Oft hat ein Seufzer, deiner Harf entflossen,
Ein süßer, heiliger Akkord von dir,
Den Himmel bessrer Zeiten mir erschlossen,
Du holde Kunst, ich danke dir dafür.
Franz von Schober (1796 – 1882) schrieb zahlreiche, teils von Schubert vertonte Gedichte – darunter „An die Musik“
Schaufenster

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