Theater Wasserburg inszeniert Heinrich Manns Roman „Der Untertan“
Der Roman „Der Untertan“ von Heinrich Mann taugt eigentlich nicht für die Bühne, zu komplex dürfte die Figur des Titelhelden Diederich Heßling sein. Doch das Theater Wasserburg hat es gewagt, dieses Stück auf die Bühne zu bringen. In den „Vorreden“ gesteht der Regisseur Nik Mayr den interessierten Anwesenden auch, dass er selbst immer noch sehr aufgeregt sei angesichts der Aufführung dieses Stückes.
Der Roman spielt zur Zeit Kaiser Wilhelm II. vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der erste Satz des Romans, jene Beschreibung der Titelfigur des Diederich Heßling, „Er war ein weiches Kind“ durchzieht die Aufführung. Immer und immer wieder werden die Schauspieler diesen Satz wiederholen, fast mantraartig. Nik Mayr sagt es in den „Vorreden“ ganz explizit: „Wir haben Möglichkeiten, wir müssen keine Heßlinge werden, wir können uns entscheiden, etwas zu verändern.“ Und er ergänzt: „Das Stück ist keine Übertreibung, es ist pure Fotografie“. Wenn man „das Böse“ identifizieren wolle, machten es sich viele zu einfach, wenn sie das vermeintlich Böse meinen zu entdecken. „Wir laufen alle Gefahr, selbst Heßlinge zu werden, wenn wir nicht aufpassen“.
Die Geschichte des „Untertan“ Diederich Heßling ist schnell erzählt. Er ist ein Beispiel für einen obrigkeitshörigen Feigling in der Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs. Heßling ist ein Mitläufer und Konformist ohne jede Zivilcourage. Heßling wird dargestellt als unsicherer junger Mann, Student, Mitglied einer schlagenden Studentenverbindung, später dann Stammtischagitator, Fabrikbesitzer, Kontrahent des Proletariats, Beherrscher der Familie, lokalpolitischer Intrigant und Verehrer des deutschen Kaisers. Er identifiziert sich mit den Weltmachtambitionen in Deutschland, die den drohenden Weltkrieg im Grunde herbeiwünschten.
Das Theater Wasserburg hat die Figur des Diederich Heßling auf acht Schauspielerinnen und Schauspieler verteilt, die aber alle auch gleichzeitig andere Figuren verkörpern. Alle acht Akteure stehen auf kleinen runden Podesten, die sich ständig um die eigene Achse drehen. Und so drehen sich auch die Schauspieler. Sie sind die ganze Zeit in Bewegung, ohne sich zu bewegen, ohne vom Fleck zu kommen.
Mit dieser Inszenierung verlangt Nik Mayr von den Schauspielern eigentlich recht viel: Sie sollen sich sozusagen mit angezogener Handbremse bewegen: Wenig Gestik, fast ausschließlich Mimik und Sprache. Es gelingt den acht Schauspielern hervorragend, die verschiedenen Typen im Charakter des Diederich Heßling auf der Bühne lebendig werden zu lassen. Sei es den unsicheren, „weichen“ Heßling oder aber den autoritären, ein wohl kaum existierendes Selbstbewusstsein vortäuschenden Heßling, der es hervorragend versteht, seine Mitspieler auch heftig anzuschreien.
Susan Hecker, Amelie Heiler, Rosalie Schlagheck, Lea Luisa Schönhuber, Annett Segerer, Andreas Hagl, Hilmar Henjes und Carsten Klemm haben es in besonderer Weise vermocht, die Elemente des Untertänigen herauszuarbeiten: Er buckelt nach oben und tritt nach unten, er fügt sich in Umstände ein, die er eigentlich gar nicht ertragen kann.
Obwohl sie auf den sich drehenden Podesten gefangen sind und damit schauspielerisch ein wenig beschnitten bleiben, gelang es den Akteuren in besonders gelungener Weise, jene Denkweise im Wilhelminischen Deutschland, die den Untertanen in den Menschen förderte und kultivierte, herauszuarbeiten. Man diene für das Große Ganze, erfährt man an diesem Abend aus dem Munde von Diederich Heßling ebenso wie den Satz: „Deutschtum heißt Kultur“. Und dann gibt es wieder Äußerungen, die einen nachdenklich machen können: „Das Leben ist schön, weil wir die Macht haben“. Die deutsche Seele sei eben die Verehrung der Macht und da ist es dann auch nicht mehr weit bis zu der Erkenntnis, dass die staatliche Ordnung eben die göttliche Ordnung sei.
Nik Mayr und Constanze Dürmeier ist eine Inszenierung gelungen, die zwar notwendigerweise mit der Romanvorlage kürzend hat umgehen müssen, die aber gleichzeitig die Botschaft Heinrich Manns auch in unsere Zeit zu tranportieren vermag: Gibt es den deutschen Untertan noch? Wenn ja, wie existiert er? Und sind wir von der Form- und Verführbarkeit des Menschen, wie sie im „Untertan“ geschildert wird, weit entfernt oder nicht?
Nicht ohne Grund zitiert das Theater Wasserburg Kurt Tucholskys Bemerkung über Heinrich Manns Roman: „Es ist in Wahrheit schlimmer, es ist viel schlimmer.“ Im Programmheft stellen die Theaterschaffenden die abschließende Frage: „Wieviel Heßling steckt noch in uns und in den Leuten um uns herum?“
Damit ist natürlich auch die Mahnung an uns alle verbunden, aufzupassen, dass wir nicht in die Falle des Diederich Heßling tappen. Denn, und das ist wohl die Botschaft, die auch das Theater Wasserburg vermitteln will: Nicht ausschließlich die Herrschenden sind für existierende Zustände verantwortlich, es sind wohl schon wir alle.
Das begeisterte Publikum honorierte die Darbietung des Theaters Wasserburg mit lang anhaltendem, frenetischen Applaus. „Der Untertan“ wird noch am 7., 8. und 9. Mai jeweils um 20 Uhr im Theater Wasserburg gezeigt. Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Karten gibt es online unter www.theaterwasserburg.de oder an der Abendkasse.
PETER RINK / Fotos: Christian Flamm
Schaufenster













Hinterlassen Sie einen Kommentar