Ein Leser - damals Rettungs-Einsatzkraft - mit berührenden Worten zum Zugunglück von 2016

Bad Aibling … genau zehn Jahre bist du nun her: So hat ein Leser  – damals im Rettungsdienst in Wasserburg, jetzt selbst Lokführer – seine Worte zum Zugunglück von Bad Aibling überschrieben. Am 9. Februar 2016 stießen bei Bad Aibling zwei Regionalzüge zusammen. Zwölf Menschen starben, fast 90 wurden teils schwer verletzt. Hier die berührenden Zeilen im Gedenken an die Opfer … DANKE dafür.

Ich weiß es noch, als wäre es „nur“ ein paar Tage her. Dieser eine 9. Februar. An jenem Morgen machte ich mich früher für die Arbeit fertig. Zu dem Zeitpunkt arbeitete ich noch im Rettungsdienst.

Ich weiß noch, dass ich vor meinem Dienst zum Hausarzt wollte – aber wieso, das weiß ich nicht mehr. Ich war gerade bereit, meine Wohnung zu verlassen, als mein Funk-Melder das erste Mal ging. Es war zunächst die Rede von einem Güterzug, diese wurde kurz danach revidiert und es wurde von einer Zugkollision ausgegangen. Für mich hieß es, ab zur Wache in Wasserburg.

Noch bevor ich im Auto saß, dann der Alarm für einen Rettungsdienst-Großeinsatz. Auf der Wache hieß es, schnell umziehen und Fahrzeug besetzen. Ein Kollege aus dem Ehrenamt und ich besetzten den Rettungswagen, auf dem ich eh Dienst hatte. Also anmelden und schauen, ob wir gebraucht werden – und ja, wir wurden gebraucht.

Auf dem Weg musste ich kurz an einen früheren Großeinsatz denken. Loveparade Duisburg. „Nicht schon wieder sowas.“ Dachte ich. Wir waren logischerweise von Wasserburg aus nicht die ersten oder zweiten. Will man das in diesem Moment sein?

Unseren ersten schwerstverletzten Patienten bekamen wir vom Hubschrauber-Team gemeldet. Uns wurde mitgeteilt, dass ihm die unteren Extremitäten abgerissen worden seien. Ich selbst sah „nur“ einen Kopf im Tragesack des Hubschraubers. Unser Auftrag, ihn zum Hubschrauber-Landeplatz zu bringen.

Zur Erklärung: Die Hubschrauber, die über eine Seilwinde verfügten, wurden zur Rettung und zum Transport über die Mangfall gebraucht. Die anderen zum Transport in eine Klinik.

Ob der Mann überlebt hat, ich weiß es nicht. Dem Blick des Notarztes nach vermutlich nicht.

Nachdem wir den Auftrag ausgeführt hatten, musste ich noch die Meldekarten zum Einsatzleitwagen bringen. Ich weiß, ich hörte aus der Ferne ein vertrautes Geräusch. Eine Bell. Auch genannt Teppichklopfer wegen ihres typischen Fluggeräusches und ich dachte mir: „Jetzt, jetzt wird es laufen, die fliegenden Lebensretter der Bundeswehr – der SAR (search and rescue, Anm. d. Red.) – kommen!“

Warum ich mir das dachte? Nun, wo ich aufgewachsen bin, flog die Bundeswehr die reguläre Luftrettung mit eben jenem Hubschraubertyp. Für einen kurzen Moment erlaubte ich mir eine Art gutes Gefühl zu verspüren. Ich weiß, irgendwie verrückt. Aber na ja … Fast zeitgleich kamen mir Feuerwehrler entgegen. Einer von ihnen wie ein Clown geschminkt. Ja, es war ja die Faschingszeit.

Später bekamen wir noch einen weiteren Patienten. Dieser war leicht verletzt. Er hatte ein paar Kratzer. Sein direkter Sitznachbar war im Zug verstorben, wie er sagte. Ich bin sehr schlecht darin, was das Merken von Namen angeht. Aber diesen Namen – den habe ich mir bis heute gemerkt.

Als es wieder ruhiger wurde – in meinem Fall, als wir unseren nicht dringlichen Einsatz bekamen und eine Verlegung fuhren – merkte ich da innerlich, etwas mit mir stimmt nicht … Es hatte sich etwas verändert in mir.

Heute – zehn Jahre später – arbeite ich selber bei der Bahn. Ich hab den Sprung gewagt und fahre jetzt selber Züge.

(Der Autor dieser Zeilen möchte auf Wunsch anonym bleiben.)

Foto: WS-Archiv

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