US-Panzer rollen von der Burg herab

Vor 70 Jahren: Wasserburg wird durch die Amerikaner befreit

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1945 einmarsch 1Wasserburg – Die Schmidzeile erzittert unter den Ketten der US-Panzer. Über das Innwerk bahnt sich amerikanische Infanterie den Weg in Richtung Südosten über den Fluss. Kein Schuss fällt mehr an diesem 3. Mai 1945. Es ist das Kriegsende für die Stadt am Inn. Genau 70 Jahre ist es her, dass der Spuk ein Ende hatte.  Die letzten Tage unter dem Joch der Nazi-Diktatur verliefen für Wasserburgs Bürger relativ glimpflich – doch es hätte auch anders kommen können. Das Stadtarchiv hat uns zwei Berichte zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Stadt und Altlandkreis zur Verfügung gestellt … (Fotos: Stadtarchiv)

Ein Auszug aus dem Bericht der Wasserburger Zeitung vom 5. Mai 1985, Autorin: Sieglinde Kirmayer:

Kälte und Schneefälle – diese Erinnerung  verbindet sich bei jenen, die die Zeit vor 40 Jahren bewußt miterlebt haben, zunächst einmal rein äußerlich mit den ersten Maitagen 1945, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Für Wasserburg war es der 3. Mai, an dem die ersten Panzer der Amerikaner – sie gehörten der Patton-Armee an – in die Stadt rollten. Wasserburg war glücklicherweise von Bombenangriffen während des Krieges verschont geblieben. Aber die Bevölkerung hatte in sechs Jahren an den Fronten viele Gefallene und Vermißte zu beklagen gehabt, Wasserburger kamen auch andernorts so in Rosenheim und auf der Bahnstrecke München-Wasserburg, durch Bomben beziehungsweise Tieffliegerangriffe ums Leben. 

Die Ungewißheit über das bevorstehende Schicksal, schlechte Versorgungslage und immer häufiger werdende Fliegeralarme ließen die Einwohner immer unruhiger werden. Die Angst ging um. Man wußte ja, daß in Gabersee Teile des Oberkommandos der Luftwaffe ihr Quartier aufgeschlagen hatten, und es gab immer wieder Gerüchte, wonach Wafffen-SS anrücken und die Stadt bis zum letzten, das heißt also bis zur Zerstörung, verteidigen würde.

Einer der die allgemeinen Geschehnisse jener Tage in Wasserburg miterlebte und darüber authentische Aufzeichnungen gemacht hat, ist der heutige Zweite Bürgermeister  Andreas Reiser. Das von ihm seinerzeit geführte Tagebuch gibt einen sehr anschaulichen Eindruck davon.  „Mehrmals Fliegeralarm“ verzeichnet das Tagebuch am 20. Und 21. April 1945. Einige Tage später, am 24. Und 25. April, tauchen dann Überlegungen auf, daß nun alles getan werden müsse, um junges Leben zu retten.  Das Regime war ja entschlossen, bedenkenlos immer noch Menschen zu opfern. Reiser wußte sich in seinem Entschluß  auch mit einigen anderen Personen einig, die mit dem damaligen HJ-Ausbildungslagern zu tun hatten. Ein solches Lager war damals auch in Eiselfing. Der Tagebucheintrag vom 26./27. April lautet dann: „Den Jungen Verhaltensmaßregeln geben. Beim HJ-Bann liegen dringende Einberufungsbefehle für das Dritte Aufgebot (Kinder) des Volkssturms“. Es ist nicht möglich, hier alle Tagebucheintragungen aufzuführen. Jedenfalls erwähnt Reiser am 29. April die ergangenen Todesurteile und schreibt weiter: „Bordwaffenbeschuß durch amerikanische Tiefflieger. Gerüchten nach soll die Innbrücke nun doch gesprengt werden.“

1945 einmarsch 2Am 30. April schneiden Andreas Reiser und Adalbert Brandl das Sprengkabel auf der Brücke durch. Die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen.  Die Bevölkerung stürmt Stoff- und Dosenmilchlager. Eine Frau wird von einer herabstürzenden Kiste erschlagen. Reiser und seine Leute veranlassen Eltern, ihre Buben aus dem Ausbildungslager heimzuholen. Westlich von Wasserburg sind inzwischen SS-Soldaten und Pioniere in Stellung gebracht, die Sprengkabel an der Brücke wieder geflickt. Brandl, Otto Hof, Reiser und ein Unbekannter versuchen am Abend des 2. Mai erneut das Kabel durchzuschneiden. Hof und dem Unbekannten gelingt es an einer Stelle. Brandl und Reiser erleben dramatische Szenen. Als sie einen SS-Offizier unter Hinweis auf ihre zahlreichen  Kriegsauszeichnungen drängen, doch die Sprengung aufzugeben, knöpft dieser seinen Tarnanzug auf, zeigt Majorsabzeichen und hohe Auszeichnungen und meint, sie hätten Glück gehabt, er sei Lehrer aus Freising. „Ein anderer“, schrieb Reiser damals ins Tagebuch, „hätte uns wahrscheinlich aufhängen lassen oder erschossen.“

Ein nochmaliger Versuch, zur Brücke zu kommen und das Kabel entgültig zu unterbrechen, scheitert unter Beschuß vom rechten Ufer durch SS.  Am 2. Mai wird die Stadt im übrigen von etlichen Artilleriegeschossen getroffen, eine Frau erleidet tödliche Verletzungen. Ein SS-Offizier erschießt einen Wasserburger Geschäftsmann, der geforderte Ware nicht ohne weiteres herausgeben wollte. Am Abend des Tages fliegt schließlich ein Drittel der Innbrücke auf der Bruckbräuseite in die Luft. Reiser im Tagebuch:: „Unsere Wut ist unbeschreiblich. Es ist möglich, daß durch unser Eingreifen der größere Teil der Brücke vor Zerstörung bewahrt werden konnte.  Wer weiß es?“ Unter dem gleichen Datum steht: „Die Wasserburger Bevölkerung ist in den Kellern. Die Nacht ist ruhig.“

Und dann brach der 3. Mai an. Was sich hier in den frühen Morgenstunden abspielte, ist bis heute im Widerstreit der Meinungen. Es scheint aber wohl so zu sein, daß sowohl Joseph Estermann, dessen Vorgehen Hans Klinger in …. einem Buch schildert, als auch Anton Sarcher wesentlichen Anteil hatten, daß es zu keinen Kampfhandlungen mehr kam, nachdem die Panzerspitze der Amerikaner die Stadt fast erreicht hatte.

Während ein Teil der anrückenden Soldaten des Generals Patton den Weg über die Innstaustufe nahm, fuhren die anderen  über die Schmidzeile  zum Marienplatz. Andreas Reiser stand zu dieser Zeit in schwarzer Panzeruniform mit Totenköpfen* am Kragenspiegel am Dempfeck und wurde von einem amerikanischen Panzersoldaten gepackt und geschüttelt: „Du Äs-Äs“. Nach einiger Dolmetscherei ließ dann der GI  Reiser  als „Kollege Tankman“ wieder los. Ohne Entlassungpapiere mehrmals verhaftet oder unter Hausarrest gestellt, ging Reiser einige Tage später freiwillig in Kriegsgefangenschaft und wurde am 15. Juni 1945 aus dem Lager Erding von den Amerikanern entlassen. Der Krieg war für ihn endgültig aus.

* Die deutschen Panzerverbände trugen schwarze Uniformen und hatten an ihren Kragenspiegeln Totenköpfe, was immer wieder für Verwechslungen mit der SS sorgte. (Anmerkung der Redaktion)

 

Am 7. Juni 1945 erteilte Kardinal Faulhaber, Erzbischof der Diözese München-Freising, allen Pfarreien seines Erzbistums den Auftrag, „über die Auswirkungen des letzten Krieges und … die Ereignisse gelegentlich des Einmarsches der amerikanischen Truppen“ in ihren Pfarrgemeinden zu berichten. Von den 670 Pfarreien folgten 562 diesem Auftrag. Im Jahre 2005 veröffentlichte das Ordinariat diese historisch aufschlussreichen Berichte unter dem Titel: „DAS ENDE DES ZWEITEN WELTKRIEGS IM ERZBISTUM MÜNCHEN UND FREISING, Die Kriegs- und Einmarschberichte im Archiv des Erzbistums München und Freising“. Hier ein paar Auszüge aus dem Bericht vom damaligen Berichterstatter: Stadtpfarrer Josef Koblechner der Pfarrei Wasserburg-St.Jakob vom 26.April 1946:

Als stilles Landstädtchen ohne industrielle oder Verkehrsbedeutung durfte sich Wasserburg bis Kriegsschluß einer verhältnismäßig ungestörten Ruhe erfreuen. Zwar hatten die Einwohner ernste Sorge, es könnte das unmittelbar oberhalb der Stadt gelegene Innstauwerk bombardiert und durch Bomben und Überschwemmung unser schönes Städtchen zerstört werden. Glücklicherweise gab es aber keine Luftangriffe. …. Die Auswirkungen des Luftkrieges bekam aber Wasserburg noch eindringlicher zu spüren. Seit dem Vormarsch der alliierten Truppen in Mittelitalien erfolgten die Einflüge nach Süddeutschland meist von italienischen Flugplätzen aus, so daß häufig feindliche Luftgeschwader über unsere Stadt hinwegbrausten. Auf Grund der Luftlagemeldungen hielt man Wasserburg schon oft für verloren. Häufig wurde die Meldung durchgegeben: „Feindliche Flugzeuge kreisen über Wasserburg“, was die Vorbereitung zu einem  Vernichtungsangriff zu sein schien. Glücklicherweise jedoch hatte dieses  Kreisen einen anderen Sinn. Die von der Luft aus deutlich erkennbare Wasserburger Halbinsel war der Sammelpunkt der nach Luftangriffen zerstreuten alliierten Bomber und diente als Sammelplatz vor dem gemeinsamen Rückflug. In Wasserburg selbst wurde während des gesamten Krieges keine einzige Bombe geworfen, wohl aber in verschiedenen Orten der Umgebung, z.B. in oder bei Gabersee, Edling, Weikertsham, Aham, Evenhausen usw., größtenteils wohl im Bombennotwurf, da keiner dieser Orte  ein lohnendes Ziel darstellte.

Freilich eilten die Wasserburger oft genug bei den zahlreichen Luftalarmen voll Aufregung und Angst in die Luftschutzkeller. Auch das Pfarramt hatte seine Luftschutzsorgen. Daher wurde im rückwärtigen Teil der Pfarrkirche unter dem wuchtigen, schützenden Turm 1942 ein Luftschutzbunker gebaut. In diesem wurden die kostbaren Kirchengeräte und die Matrikelbücher  der Pfarrei geborgen. Mit Rücksicht auf die Feuchtigkeit des Bunkers wurde der wertvolle rote Ornat des ehemaligen Klosters Attel der Hypobank zur Aufbewahrung im großen Safe anvertraut. Gott sei Dank ging weder von diesen Kostbarkeiten noch vom  sonstigen Kirchengut etwas zugrunde. Dagegen büßte die Pfarrei wertvolle Kirchenglocken ein, die für den Krieg abgeliefert werden mußten, und zwar 4  Glocken von der Pfarrkirche (darunter 3 aus dem Spätmittelalter), 1 von der Frauenkirche, 2 sehr alte von St. Achaz (davon 1 vor 1250 gegossen), 2 von der Burg- und 2 von der Friedhofskirche. – Die Stadtgemeinde sorgte für die Erhaltung der kostbaren Stücke des Heimathauses (des ziemlich bedeutenden historischen  Heimatmuseums von Wasserburg). 

Zusammen mit den wertvollen Teilen der Stadtbücherei wurden diese Schätze unter Mitwirkung des Landesamts für Denkmalpflege (Dr. Lill) in einem Luftschutzraum untergebracht und erst wieder  Ende Mai 1945 an ihren alten Platz zurückgestellt. Im April 1946 konnte das Heimathaus unter Beteiligung der Militärregierung und des Landesamts für Denkmalpflege (Professor Ritz) als eines der ersten Museen in Bayern wieder für den öffentlichen Besuch freigegeben werden. Im Heimathaus war in den letzten eineinhalb Jahren des Krieges auch die Bibliothek des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege untergebracht. Als 1945 die Amerikaner den betreffenden Rum zur Einrichtung ihrer Divisionsbücherei beschlagnahmten, wurde die genannte Bibliothek nach München zurückgeschafft. …..

Bei schweren Luftangriffen auf die Landeshaupt, war der Luftdruck in Wasserburg noch so deutlich zu spüren, daß die Türen und manchmal sogar die Mauern zitterten. Von erhöten Punkten der Umgebung aus konnte man mit bloßem Auge die ausstrahlende Brandröte sehen mit Ferngläsern auch das der „Christbäume“, der explodierenden Bomben und Brände. …. Manchmal fuhr der Wasserburger Feuerlöschzug, bemannt mit jungen und älteren Männern, zur brennenden Landeshauptstadt und nahm in den Orten auf dem Wege noch weitere Helfer und Fahrzeuge mit. Auswirkung des Luftkrieges machte sich in Wasserburg auch die Bevölkerungsverschiebung stark bemerkbar. Zahlreiche Städter verließen freiwillig ihren Wohnsitz oder wurden zwangsevakuiert und kamen in unseren Landkreis, besonders aus München, Westfalen, Hamburg und Berlin.Die unvermeidlichen Schwierigkeiten beim Zusammenleben fremder Menschen blieben natürlich nicht aus, auch die historische Spannung zwischen Nord und Süd wurde wieder lebendig. …. Durch diesen Zustrom wuchs die Bevölkerung unserer Stadt von etwa 4500 auf 6500 Menschen an… zur Zeit noch über 6000 …

Rein äußerlich gesehen freilich war das Parteileben in Wasserburg ähnlich aktiv wie an anderen Orten. Es wurden jedoch keine besonderen Maßnahmen außergewöhnlicher Art durchgeführt mit einer einzigen, sehr betrüblichen Ausnahme, dem Verbrechen in der Kreisirrenanstalt Gabersee.

Zu Kriegsbeginn befanden sich etwa 1300 Kranke in der Anstalt. Im November 1940 begannen, trotz des Widerstrebens von Ärzten und Pflegern die Ausrottungsverschickungen mit der Eisenbahn nach Linz/Donau. Insgesamt wurden auf diese Weise etwa 600 unglückliche Menschen beiseite geschafft, die größtenteils den Bestimmungsort bereits nicht mehr lebend erreichten. Die übrigen Kranken wurden nach Haar-Eglfing überführt. Im Mai 1941 wurde Gabersee als Heilanstalt geschlossen, auch die Kirche, bald darauf in ein KLV-Lager umgewandelt. Ein Zeichen der Zeit war es daß eine größere Schar norddeutscher Jungen aus diesem Lager eines Tages versuchte, einen Bäcker- und Metzgerladen in Wasserburg einfach auszuräumen mit der Erklärung, man habe ihnen vor der Landverschickung versichert, daß sie in Oberbayern keine Lebensmittelmarken mehr bräuchten. Nur mit Mühe konnte die wildgewordene Schar wieder gebändigt werden.

Kurze Zeit darauf pachtete die DAF die Anstalt Gabersee und wollte sie in eine Adolf-Hitler-Schule umwandeln. Dabei war geplant, die Kirche entweder abzubrechen oder als Turnhalle zu verwenden. Diese Absicht wurde jedoch zunichte, weil am 2. Februar 1942 in Gabersee ein Hauptlazarett eingerichtet wurde. Jetzt wurde auch die Kirche wieder geöffnet, aber bei Aufhebung  des Lazarettes im Dezember 1944 neuerdings geschlossen. Beim Ausräumen der Lazaretteinrichtung wurde das Gotteshaus als Abstellraum für Möbel benützt, die Kirchenstühle kurzerhand ins Freie gestellt und die Paramente daraufgeworfen. Um letztere vor Verunehrung und Vernichtung zu schützen, wurden sie vom Pfarramt Wasserburg in die Stadt geholt. Erst nach Einmarsch der Amerikaner wurde die Kirche im Juni 1945 neuerdings und diesmal entgültig ihrer gottesdienstlichen Bestimmung übergeben. Ab März 1946 wurde Gabersee ein Lager für jüdische Flüchtlinge, größtenteils polnischer Herkunft. Im April betrug ihre Zahl bereits über 1000. Soweit sie Interesse haben, werden sie in dem großen landwirtschaftlichen Mustergut von Gabersee für moderne Landwirtschaft ausgebildet.

Während die bisher geschilderten Kriegsereignisse zwar seelisch schwer auf der Bevölkerung lasteten, aber doch das alltägliche Leben nicht allzu sehr aus dem Geleise warfen und durch die allmähliche Gewöhnung verhältnismäßig ruhig hingenommen wurden, versetzte die herannahende Front im April 1945 unser Städtchen in helle Aufregung. …

Inzwischen war der 2 Mai 1945 herangekommen. An diesem Tage meldete ein alliierter Heeresbericht: „Um den Innübergang Wasserburg, Brückenkopf Edling, wird noch gekämpft. Der Hauptort Edling hat sich kampflos ergeben. Es wurden 8000 Gefangene gemacht“. (Aus dem Pfarrbericht von Edling).

Als nun die Amerikaner von Reitmehring gegen Wasserburg vorrückten, wurde am 2. Mai abends 7 Uhr 34 Minuten die Innbrücke von der SS gesprengt. Die Uhr über dem Brucktor wurde infolge des Luftdrucks beschädigt, blieb stehen und hielt den historischen Augenblick fest. Der am Ostufer gelegene Teil der Brücke  stürzte in die Tiefe. Die Amerikaner erhielten über die Stadt hinweg Artilleriefeuer, das sie erwiderten. Bei diesem Artillerie-Duell schlugen insgesamt 33 Granaten im Stadtgebiet und im Inn ein, glücklicherweise meist nur kleineren Kalibers. Dadurch entstanden an mehreren Stellen kleinere Häuserschäden. Doch blieb das historische Stadtbild Wasserburgs unversehrt erhalten. Leider sind 3 Tote durch den Beschuß zu beklagen. Dadurch stieg die Zahl der unmittelbaren Kriegsopfer unter der Wasserburger Zivilbevölkerung auf 7 an. Sorgenvoll saßen während des Kampfes die meisten Leuten in ihren Kellern und fürchteten den Einsatz der amerikanischen Luftwaffe …

Am 3. Mai kurz nach 6 Uhr früh rückten die ersten amerikanischen Panzer in die Stadt. Da die Brücke gesprengt war, überquerten sie auf der Fahrbahn des Innwerks den Fluß und kamen so auf das Ostufer hinüber. Die SS zog sich nach Osten und Süden zurück. 4 SS-Leute, die den Amerikanern in die Hände fielen, wurden auf der Stelle erschossen. Damit war der Kampf um Wasserburg beendet, doch zog sich das Durchkämmen der Wälder…, in denen sich viele SS-Leute versteckt hielten, noch einige Tage hin.

Sofort  nach dem Einzug der Amerikaner, noch am Morgen des 3. Mai, wurden in der ganzen Stadt Haussuchungen nach deutschen Soldaten und Waffen  durchgeführt. Weil viele Leute aus Angst nicht wagten, vorhandene Waffen den Amerikanern selbst abzugeben , wurde später allen Beteiligten mit einer reichlich bemessenen Frist die Möglichkeit gegeben, Schuß-,Hieb- und Stichwaffen abzuliefern. Da Wasserburg verteidigt worden war, erhielten die amerikanischen Soldaten der kämpfenden Truppe für 48 Stunden Plünderungserlaubnis. Daran beteiligten sich die meisten Amerikaner durchaus maßvoll. Sie nahmen in der Regel nur folgende Gegenstände weg: Schmuck, Uhren, Füllhalter, Fotoapparate und Ferngläser. Sie brauchten  auch nichts anderes, weil sie alles in allem glänzend versorgt waren. …

Nachdem die ersten Tage vorüber waren, kehrte allmählich bei der Bevölkerung das Gefühl der Beruhigung zurück. Doch hielten die Leute noch wochenlang, manchmal monatelang, auch tagsüber, ihre Haustüren verschlossen, besonders aus Furcht vor den Negern und den befreiten Ausländern. …

Die amerikanischen Besatzungstruppen brauchten Quartiere. Zahlreiche öffentliche Gebäude sowie Wohnungen, ferner verschiedene Schulen und das Schülerheim wurden beschlagnahmt. In der Villa des Bezirksarztes bezog der General Quartier. Im Laufe der Zeit wurden viele Quartiere gewechselt, manche freigegeben, andere neu beschlagnahmt. Das rief unter der Bevölkerung viel Aufregungen und Sorgen hervor, umso mehr, als bei der Wohnungsbeschlagnahme die deutschen Wohnungsinhaber in der Regel ausziehen mußten, meist innerhalb weniger oder gar einer einzigen Stunde manchmal sogar spät abends in der Dunkelheit. Dabei konnten sie natürlich nur einen Teil ihrer Habe mitnehmen. Was die Amerikaner im neuen Quartier vermißten, holten sie sich aus einer anderen Wohnung, z.B. Radiogeräte, Klaviere Geschirr, usw. Dadurch ging den deutschen Eigentümern viel verloren, obwohl die Amerikaner diese Gegenstände gar nicht für immer behielten. Aber sie wurden eben dem Eigentümer nicht zurückgebracht.

…. Als Normalfall nahmen die Amerikaner in den ersten Monaten an, daß die Deutschen im Durchschnitt Nazi gewesen seien. Daraus erklärt sich weitgehend ihre Handlungsweise. Wenn sie jedoch einen besonderen Grund zur Annahme hatten, daß jemand Nazigegner sei, so wurde dieser von Anfang an durchaus rücksichtsvoll behandelt. Insbesondere zeigten die Amerikaner Höflichkeit und taktvolle Rücksicht gegenüber allen Geistlichen und Ordensangehörigen. Bei diesen fanden keine Haussuchungen  statt, außer im städtischen Krankenhaus. Dort suchten die Amerikaner am ersten Tage SS-Leute; dabei benahmen sie sich gegenüber den Schwestern in sehr rücksichtsvoller Weise. Im Laufe der ersten zwei Monate führten die Amerikaner noch eine Reihe von Haussuchungen durch nach Waffen, Munition, NS-Fahnen, amerikanischen Militärgut und geplünderten Gegenständen. Sie interessierten sich dabei auch besonders für Spirituosen. Soweit letztere versteckt blieben, bildeten sie in der kommenden Zeit ein beliebtes Tauschmittel, um von den amerikanischen Soldaten, besonders von den Negern, Nahrungs- und Genußmittel zu bekommen.

Im Quartier zeigten die Amerikaner manche  unserer Bevölkerung fremde Eigenarten. Sie brannten Nacht und Tag das elektrische Licht, heizten an Regentagen auch mitten im Hochsommer die Öfen, ließen Tag und Nacht die Türen ihrer Quartierwohnung offen stehen. …

Den Polen gefiel es nun in Wasserburg so gut, daß sie nicht mehr fortwollten. Als ein Teil  von ihnen in das Sammellager Forsting eingewiesen wurde, brannten viele dort wieder durch und kehrten nach Wasserburg zurück. In der jubelnden Befreiungsfreude fanden sich auch viele Herzen, und eine große Anzahl von Polenehen wurde geschlossen. Häufig ging es dabei hoch her. Man sah immer mehr vornehme Brautkleider, die aus deutschen Kleiderschränken stammten. Das Festmahl wurde vom Lande beschafft., wo die Polen Kälber, Geflügel und anderes mehr aufkauften. Oft bezahlten sie aber gar nicht, sondern verlangten einfach das Gewünschte von den eingeschüchterten Bauern. Wenn diese bei Tag nichts oder zu wenig hergegeben hatten, erfolgten bei Nacht häufig Plünderungen. Widerstand wurde nicht selten mit Gewalt gebrochen, gelegentlich sogar unter Anwendung der Schußwaffe. Es gab dabei auch Verletzte und einzelne Tote. Die nächtlichen Überfälle auf Einödhöfe und Weiler nahmen allmählich derartig zu, daß die Polen zu einer regelrechten Landplage wurden. Schließlich griff in einzelnen Fällen  die amerikanische Polizei ein. Gänzlich abgestellt wurde das Raubunwesen der Polen durch die wieder eingeführte deutsche Polizei, ferner durch die Drohung der Amerikaner, plündernde Polen würden in ihre Heimat abgeschoben. Davor hatten sie Angst, weil sie fürchteten, in die Hände der Russen zu fallen. In den letzten Monaten sind wieder geordnete Verhältnisse und eine fast völlige Beruhigung eingetreten. Dieser günstige Wandel im Verhalten der Polen ist auch im segensreichen Wirken eines polnischen Priesters zuzuschreiben, der die jetzt in St. Maria Stern auf der Burg einquartierten Polen betreut. Vom christlichen Standpunkt aus muß  rückblickend betont werden, daß die Polen zwar viel Unrecht begangen haben, daß aber ihr Verhalten menschlich durchaus begreiflich ist, wenn man an die rücksichtslose Unterdrückung denkt, die das polnische Volk hat erleiden müssen. Das ist ja auch der Grund, warum die Amerikaner den Ausländern gegenüber soviel Milde und Nachsicht zeigen. Zur Ehre der amerikanischen Soldaten muß hervorgehoben werden, daß sie ein gleiches Wohlwollen von Anfang an den deutschen Kindern entgegengebracht haben.

Tagtäglich sah man sie in freundlicher Unterhaltung mit den Kleinen, die viel Schokolade und Süßigkeiten von ihnen erhielten. Bedauerlich an diesem schönen Friedensbild ist nur das eine, daß die Amerikaner großtenteils eine unrichtige Meinung von den deutschen Kindern gewinnen mußten. Viele von diesen Kindern gehörten nämlich leider nicht zu den besten und machten durch Ungezogenheit, aufdringliche Bettelei und sogar durch Diebstähle oft einen recht ungünstigen Eindruck. Die meisten ernst eingestellten Eltern hielten ihre Kinder von den Soldaten zurück …

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