Geländesenken, Wiesenmulden und Blühflächen schützen und neu schaffen


Mama Kiebitz mit ihrem wenige Tage alten Küken: Der Kiebitz ist auch in unserer Region selten geworden. Es fehlt am passenden Lebensraum. Die neuesten Zahlen aus dem Projekt „Sympathieträger Kiebitz“ im Bundesprogramm Biologische Vielfalt sprechen von einem Bestandsrückgang seit 1980 um 93 Prozent. Damit der Nachwuchs dieses seltenen Vogels überleben kann, braucht es Geländesenken, Seigen und Blühflächen. Diese müssen geschützt oder neu geschaffen werden.


Viele Landwirte helfen bereits mit großem Engagement beim Schutz der Nester und Küken der Kiebitze, damit auch unsere Kinder und Enkelkinder die schönen Vögel noch bewundern können. 

Enorm wichtig für das Überleben vieler Tierarten und ihres Nachwuchses sind Kleinstrukturen in der Landschaft wie Geländesenken, kleine Wasserflächen, blühende Säume und Blumenwiesen. Wegen des starken Rückgangs und ihres hohen Wertes für die Tiere sind Bodensenken in der freien Natur seit dem 1. August 2019 durch Art. 16 BayNatSchG geschützt und dürfen nicht mehr verfüllt werden.

Die Kiebitze treffen schon ab Mitte Februar in ihren angestammten Brutgebieten ein und beginnen dort mit spektakulären Balzflügen, die ihnen auch den Namen „Akrobaten der Lüfte“ eingebracht haben. Mitte März beginnt die Brutzeit und die Tiere sitzen etwa vier Wochen in Äckern oder feuchten, niedrigwüchsigen Wiesen in einer sparsam mit Halmen ausgepolsterten Mulde auf vier Eiern. Diese Gelege werden seit vielen Jahren im Landkreis Rosenheim von ehrenamtlichen Kiebitzbetreuenden markiert und in sehr guter Zusammenarbeit mit den Landwirten geschützt.

Endlich ist es so weit und das erste Ei wird von innen aufgepickt. Bald folgt das zweite, das dritte und auch das vierte Ei. In dieser äußerst empfindlichen Phase verteidigen die Kiebitzeltern ihren Nachwuchs mit dem Einsatz ihres Lebens. Die kleinen, durch ihr gesprenkeltes Dunenkleid sehr gut getarnten Küken, auch Pullis (von lat. pullus) genannt, müssen sich als Nestflüchter ihre Nahrung sofort selbst suchen. Hier beginnt oft ein großes Drama. Bereits im April kann das Wetter sehr warm sein, der Boden trocknet aus und ist für die winzigen Schnäbel zu hart, um nach Würmern oder Käfern zu stochern. Vielerorts sind feuchte Senken und Wiesen verschwunden, die das Wasser länger halten, weichen Boden und damit auch Nahrung bieten. Die Eltern müssen hilflos zusehen, wie ihre Küken verhungern und verdursten.

In vielen Kiebitzgebieten wird daher von Landwirten an geeigneten Stellen für die Küken Wasser auf die Äcker und Wiesen gefahren. 2021 half sogar zweimal die Feuerwehr mit Wassergaben aus, damit die Küken überleben konnten. Um diesen Aufwand zu verringern, wurden und werden vielerorts wieder flache Mulden, sogenannte Seigen und Tümpel angelegt sowie Gräben aufgeweitet. Diese Strukturen bereichern die Landschaft und bieten einer großen Anzahl von Tieren und Pflanzen einen Lebensraum: Schwalben jagen in der Luft nach Insekten, Frösche quaken, Libellen blitzen in der Sonne und gelbe Schwertlilien leuchten am Ufer.

Mehr Informationen zu den wichtigen Kleinstrukturen und den Fördermöglichkeiten gibt es bei Margit Böhm, der Projektleiterin des BayernNetzNatur-Projektes „Netzwerke für den Kiebitz“ im Landratsamt Rosenheim unter 08031 392 3301.

Auch Vorschläge für die Neuanlage von Landschaftsstrukturen als Überlebenshilfe für unsere Tiere sind sehr willkommen und können mit dem Landschaftspflegeprogramm für den Grundeigentümer kostenfrei verwirklicht werden.

Foto: Margit Böhm