Wie Unternehmen von Personen mit Einschränkungen profitieren und sich so Fachkräfte sichern können


„Mein Herz schlägt schon immer für die Gastronomie. Ich habe ein BWL-Studium mit dem Schwerpunkt Gastronomiemanagement abgeschlossen und acht Jahre mit Herzblut im Restaurant ,Genuss Art‘ in Bad Aibling gearbeitet. Seit Oktober 2019 war ich dort sogar stellvertretende Geschäftsführerin. Leider ist bei mir im Juni 2020 eine Augenkrankheit ausgebrochen, durch die ich stark an Sehfähigkeit verloren habe. Das Arbeiten in der Gastronomie war dadurch nicht mehr möglich. Für mich ist damals eine Welt zusammengebrochen: Ich war ratlos, hilflos und wusste gar nicht, wo ich hingehöre“, sagt die 25j-ährige Nathalie Netscher.


„Der rettende Anker war damals meine Reha-Beraterin. Sie hat mich nicht nur beraten, sondern auch aufgebaut, mir meine Perspektiven gezeigt und mich auf meinem Weg bis zur Einstellung begleitet. Es ging ihr immer besonders darum, mir zu helfen. Mein größter Wunsch war, wieder selbstständig arbeiten zu können. Dies ermöglichte sie mir durch eine Hilfsmittelerprobung in Würzburg. Dadurch wusste ich, welche Hilfsmittel für mich passend sind, und ich ging mit einem Gefühl der Klarheit und dem starken Wunsch nach einer neuen Arbeit heim.“

 

Michael Schankweiler, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Rosenheim, sagt: „Die Teilhabe am Arbeitsleben ist gerade für Menschen mit Behinderungen von besonderer Bedeutung, da sie eine wesentliche Voraussetzung für ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben in der Gesellschaft ist. Dieses Thema nimmt auch die Bundesagentur für Arbeit sehr ernst und geht es mit der deutschlandweiten Woche der Menschen mit Behinderung offensiv an. Uns ist es sehr wichtig, gerade diesen häufig gut qualifizierten und leistungsfähigen Personenkreis tatkräftig zu unterstützen. Die BA bietet vielseitige und individuelle Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten – auch finanzieller Natur – an, um Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen und Betriebe dabei zu unterstützen, dass ein Arbeitsverhältnis zustande kommt und bestehen bleibt.“

Die Expertinnen und Experten vom Reha-Team sind unter der Rufnummer 08031/202-271 direkt erreichbar.

Die Unterstützung ihrer Reha-Beraterin hat Nathalie Netscher im vergangenen Jahr auch gebraucht: „Ich wusste nach der Hilfsmittelerprobung, wo ich hinmöchte und war höchstmotiviert eine neue Arbeit im Bürobereich zu finden. Ich habe mich rund 60 Mal beworben und bekam nur Absagen – oft bereits am gleichen Tag. Dabei hatte ich weniger das Gefühl, dass meine Behinderung das Problem ist, sondern vielmehr die Mühe sich mit dem Thema auseinanderzusetzen“, sagt sie. „Als ich die Stelle der Bundesagentur für Arbeit als Telefon-Service-Beraterin im Service-Center in Rosenheim sah, war mein erster Gedanke: Reden kann ich, Kundenkontakt ist mir wichtig und das mit dem Sehen bekomme ich schon hin. Vor allem aber hat mich überzeugt, dass ich eine/n feste/n Ansprechpartner/in haben werde und eine achtwöchige Einarbeitungszeit vorgesehen ist. Dadurch wurde mir klar, dass ich nicht allein gelassen werde, ich mich aber auch weiterentwickeln kann. Die Stelle wollte ich unbedingt haben und bin nun sehr froh, dass ich sie habe. Die Kolleginnen und Kollegen und die Führungskräfte behandeln mich absolut gleichwertig. Sie geben mir so viel Hilfe wie nötig und so viel Freiheit wie möglich. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich wieder eigenständig arbeiten kann, und mein Job macht mir sehr viel Spaß. Langfristig würde ich gerne in einem Bereich arbeiten, in dem ich Menschen in meiner Situation helfen und unterstützen kann.“

 

Michael Kinzlinger, der das Servicecenter gemeinsam mit Anika Maier leitet, ist begeistert von seiner Mitarbeiterin: „Wir haben Frau Netscher von Beginn an als eine sehr offene und zielstrebige Frau kennengelernt, die schon während des Einstellungsprozesses sehr offen mit ihrer Behinderung umgegangen ist. Gerade diese Offenheit und die klare Kommunikation darüber, welche technischen Hilfsmittel oder behinderungsbedingte Ausstattungen ihr bei der Ausübung einer Tätigkeit helfen würden, haben uns von Anfang an beeindruckt und bei der Einrichtung des Arbeitsplatzes sehr geholfen“, sagt er. „Einige der 110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in unserem Service-Center arbeiten, haben Einschränkungen. Wir sind sehr froh, dass wir in unserem Haus ein vielseitiges Unterstützungsangebot haben, wie einen Technischen Berater und das Kompetenz-Center-Cans, welches uns speziell bei der Beschäftigung von nichtsehenden, schwer sehbehinderten sowie motorisch eingeschränkten Kollegen/innen berät und unterstützt. Durch die passende technische Ausstattung des Arbeitsplatzes und die angemessene Unterstützung im Haus, bei Schulungen und der Zusammenarbeit, können wir so Schätze wie den von Nathalie Netscher heben. Ich möchte Unternehmen einladen, sich bei uns zu melden, damit wir gemeinsam daran arbeiten können, die Beschäftigung von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen zu ermöglich. Es lohnt sich wirklich und Sie werden davon profitieren.“