Martin Seidl, Sozialpädagoge beim Gesundheitsamt Rosenheim, zieht eine Bilanz seiner Arbeit - Hilfe für Eltern


Instagram ist „in“ – es ist eine App, mit der man private Fotos und kurze Videos aufnehmen und veröffentlichen kann: Alltägliche Fotos und Videos vom Haustier – von der letzten Party, Gruppenfotos mit Freundinnen und Freunden. Diese Bilder können andere anschauen, liken und kommentieren. Und sie können dem Ersteller der Bilder oder Videos auch folgen: Als Follower


Laut Nutzungsbedingungen der Betreiber darf man sich ab einem Alter von 13 Jahren bei Instagram anmelden. Die App Stores geben ein Mindestalter von zwölf Jahren an. Tatsächlich können sich aber auch Jüngere anmelden: Das Alter wird nicht überprüft.

Mittlerweile nutzt bereits ein Großteil der Grundschüler im Altlandkreis die digitalen Bildschirmmedien: „Geräte wie Tablets, Spielekonsolen, Handys oder Computer gehören heutzutage zur ‚normalen‘ Freizeitausstattung von Kindern und Jugendlichen“, sagt Martin Seidl. Der Sozialpädagoge ist im Gesundheitsamt Rosenheim für Suchtprävention zuständig.

Vor einigen Jahren sei Instagram bei uns noch ein ‚Privileg‘ für Schülerinnen und Schüler ab der 8. Klasse gewesen, so Seidl. Nun nutze schon jeder Fünfte in den 4. Klassen Instagram. Tendenz steigend …

Denn viele Viertklässler haben schon ein eigenes Handy, das nehme jedes Jahr zu, so der Sozialpädagoge.

Soweit es die Corona-Lage zuließ, war Martin Seidl im vergangenen Schuljahr unterwegs: In 22 Schulklassen war der Fachmann für Suchtprävention zu Gast, vor allem in Grundschulen.

Es bestehen hauptsächlich folgende Gefahren und Risiken, wenn jüngere Kinder und Jugendliche Instagram nutzen:

  • Sie treffen auf Bildmaterial, das nicht für sie geeignet ist, zum Beispiel Fotos mit sexuellem oder gewaltverherrlichendem Inhalt. Die Betreiber bemühen sich zwar, die Plattform frei von solchen Inhalten zu halten. Das gelingt aber nicht immer oder aber die Grenze ist manchmal fließend.
  • Wer Instagram nutzt, sollte wissen, dass nur Fotos und Filme veröffentlicht werden dürfen, die man selbst gemacht hat. Ansonsten wird das Urheberrecht von anderen verletzt. Das kann zu hohen Geldstrafen führen.
  • Auch das Recht am eigenen Bild muss beachtet werden, wenn Fotos oder Videos Personen zeigen, die nicht damit einverstanden sind.
  • Kinder können oft nicht nachvollziehen, was mit ihren Beiträgen geschehen kann. Sie posten ohne Hintergedanken unvorteilhafte Fotos, Videos oder Storys von sich oder anderen, so dass es zu Beleidigungen oder gar Mobbing kommen kann. Davor schützt auch nicht die automatische Löschung der Storys nach 24 Stunden: Beim Ansehen der Story können Screenshots erstellt und weiterverbreitet werden.
  • Unbekannte Personen können Kontakt zu Mädchen und Jungen aufnehmen – und nicht alle tun dies mit guten oder harmlosen Absichten.

Durch die Corona-Situation verbringen Kinder noch mehr Zeit vor Bildschirmen. Sie konsumieren über Stunden sehr viele Bilder oder Filme, die bewusst oder unbewusst Einfluss auf Wünsche, Werte und Verhalten haben.

„Je länger die Bildschirmzeit ist, desto kürzer ist die Zeit mit echten Vorbildern, Freunden und den Eltern“, meint Seidl.

Während in der Vergangenheit das Angebot an Bildmaterialien wesentlich geringer war und meist über renommierte Anbieter vertrieben wurde, beschreibt Seidl die Gegenwart als ein endloses Meer an angebotenen, teils retuschierten Bildern über unzählige Kanäle, die im Netz wenig kontrolliert werden.

Gernau darum geht es bei den Workshops für die Viertklässler.

Der Sozialpädagoge wirbt darin unter anderem für das traditionelle BUCH und zeigt dessen Vorteile auf:

„Beim Lesen lernen Kinder ‚einzutauchen‘, statt wie im Internet quasi von Welle zu Welle zu surfen.

Ein Buch hat keine Links, es kommen keine push up-Nachrichten und es hat ein natürliches Ende.

Es fördert die Konzentration, währenddessen Texte und Filme im Internet zum Hin- und Herspringen einladen. Kinder werden oft abgelenkt oder animiert, zu weiteren Inhalten zu springen.“

Eine extreme Reizüberflutung.

Hier zitiert Martin Seidl den Psychiater und Dozenten von der Harward Medical School, Edward Hallowell: „Langjährige Multitasker trainieren sich eine Art chronische Aufmerksamkeitsstörung an. Sie haben ein hohes Maß an Abgelenktheit, innere Unruhe und Ungeduld.“

Früher kamen Vorbilder vor allem aus dem eigenen Freundes- oder Familienkreis. Heute finden sie die Kinder vermehrt in den sozialen Medien. Seidl hält das für bedenklich, „weil man die Vorbilder aus dem Netz meist mit einer rosaroten Brille sieht und natürlich keine echte Beziehung zu ihnen pflegt.“

Alarmierend ist aus Sicht des Fachmanns für Suchtprävention auch die Zunahme der Nutzung von Online-Spielen:

„Immer, wenn wir online sind, läuft im Hintergrund eine Tracking Software. Diese erkennt genau, wo, wann, wie lange, mit wem und was das Kind am Gerät macht.

Diese Daten werden ausgewertet und dazu benutzt, die ‚User‘ zu einer höheren Verweildauer zu bewegen, denn unterm Strich bedeutet eine höhere Verweildauer mehr Umsatz. Unter den Top Ten der umsatzstärksten Apps sind in den letzten Jahren die meisten davon Onlinespiele.“

Vorsicht ist laut Martin Seidl auch dann geboten, wenn sich fremde Personen zum gemeinsamen Onlinespielen anbieten.

Stiftung Warentest hat hier bereits Bedenken geäußert und stuft mehr als die Hälfte der Chaträume in den Spielekonsolen als bedenklich ein.

„Kinder kennen die Möglichkeit mit anderen Spielerinnen und Spielern aus dem Netz online zu spielen schon sehr gut und nutzen sie immer öfter, auch weil es sehr bequem ist.“ Seidl erklärt weiter: „Onlinespieler können sich hinter einem falschen Profilbild verstecken und die Spieleanbieter kontrollieren das kaum.“

In den Workshops für die Drittklässler thematisiert Seidl vor allem den Unterschied von Computerspielen mit Spielen in der realen Welt. Kinder sollen die ganzheitliche Bedeutung des herkömmlichen Spiels erfahren und verstehen.

So meinte eine Drittklässlerin nach dem Workshop: „In Minecraft kann die Figur, die ins Wasser springt, ja gar nicht wissen, wie kalt es ist.“  

Herkömmliche Spiele und insbesondere das freie Spiel fördern das Miteinander, die Kreativität, die Bewegung, Motorik und alle Sinne.

„Wir wollen vom Gesundheitsamt aus die digitalen Medien für Kinder nicht verteufeln, aber jedes Alter hat seine eigenen Lern- und Entwicklungsschritte. Im Grundschulalter sollten analoge Freizeitbeschäftigungen und herkömmliches Spielen ein solides Fundament der Kinder fördern“, sagt der Leiter des Rosenheimer Gesundheitsamtes, Dr. Wolfgang Hierl.

Was können Eltern tun, um eine gesunde Entwicklung zu fördern? Seidl bietet in seinen Elternvorträgen drei Bausteine an – nämlich Kinder stärken (1), das Umfeld mitgestalten (2) und den Zugang zu den Geräten begrenzen sowie digitale Medien gezielt einsetzen (3).

Mehr Informationen unter www.phonesmart-share.de