Physiotherapeut Hans Friedl aus Edling blickt auf die Spiele in Tokio zurück


Seit 20 Jahren begleitet er die deutschen Radfahrer bei den Olympischen Sommerspielen – der bekannte heimische Physiotherapeut Hans Friedl aus Edling. „Jedes Mal ist das ein echtes Highlight“, so Friedl. Wenn es zwischen den Wettkämpfen zwickt oder jemand wettkampfvorbereitend etwas braucht, vertrauen die Athleten seinen Händen. „Bei diesen besonderen Spielen in Japan möchte ich euch meine privaten Einblicke näherbringen. Deshalb hier mein olympisches Tagebuch…“


 

Die Vorbereitung

>>In der Regel habe ich meinen Koffer für die zwei bis drei Wochen innerhalb von zehn Minuten gepackt und es kann losgehen. An „Koffer packen und los“, war aber dieses Jahr nicht zu denken. Durch die Corona-Pandemie war die Anreise mit viel Bürokratie verbunden. Zehn Tage vor Anreise musste ich mich alle drei Stunden mit einem Antigen-Schnelltest absichern und meine Ergebnisse auf eine App registrieren. Nichtsdestotrotz war die Vorfreude riesengroß, als es am Sonntag losging.

Ankunft

Über 20 Stunden Flugzeit waren eine lange Zeit. Ich habe viel an meine vergangenen Spiele gedacht, welche Höhen und Tiefen ich begleiten durfte. Das löste während der Reise immer wieder ein warmes Gefühl in mir aus. Am Flughafen in ́Tokio angekommen, war es dann aber noch lange nicht geschafft. Die Einreisedokumentation der Behörden war aber super koordiniert und wir konnten uns zum Hotel-Shuttle begeben. Nach nochmals 4,5 Stunden im Bus durch ganz Tokio waren wir dann endlich angekommen. Ich bezog mein Zimmer, legte mich hin und war im Nu eingeschlafen.

 

Als ich angekommen bin habe ich noch ein Bild von meiner Suit geschossen. Wusste Sie, dass das olympische Dorf oder auch hier das Cycling-Village sozusagen künstlich erzeugt sind? Oft werden die Dörfer nach Olympia wieder weggerissen und das Inventar einfach weggeschmissen. Die nächsten Wochen schlafe ich also in einem Kingsize-Bett aus Papier, 100 Prozent recyclebar.

Nach einem super Frühstück ging es dann zum ersten Mal zur Bahn. Die Stimmung ist gut. Meine ersten „Patienten“ waren schon bei mir und wir fiebern den ersten Wettkämpfen ordentlich entgegen. Es ist ein großartiges Gefühl, wobei auch hier an Corona-Maßnahmen nicht gespart wurde. Die Teams und Nationen sind mit Plexiglasscheiben getrennt, es gilt „safety first“.

 

Tagesablauf

Mein Tag beginnt um 6.30 Uhr mit einem ausgiebigen und hervorragenden Frühstück am Buffet. Zu unserem großen Glück liegt das Cycling Village nicht in derselben Präfektur wie das olympische Dorf. Das Problem: Die Präfektur Shizuoka ist 120 Kilometer von Tokio entfernt. Hier steht nicht nur unser Cycling Village, sondern auch das Izu Velodrome, in dem die Bahnradsport-Wettkämpfe stattfinden werden. Mit einer Länge von 250 Metern ist es die erste Radrennbahn in Japan, die internationalen Standards entspricht. Ich habe Max Levy und Emma Hinze dorthin zum Training begleitet. Wir haben die

Strecke unter die Lupe genommen. Nach einem biomechanischen Check von mir ging es für beide raus auf die Bahn. Alles im Lot! Ein schöner Lichtblick ist auch die folgende Nachricht: Zum Wettkampf sind sogar ein paar Zuschauer erlaubt. Bis jetzt konnte das „Team D“ im Radsport vielleicht nicht allen Erwartungen gerecht werden und noch keine Medaillen sichern.
Wir freuen uns dennoch mit den Athleten über ihre sehr guten Leistungen. Lisa Brennauer hat mit einem zweimaligen sechsten Platz im Straßenrennen und Einzelzeitfahren eine ganz
großartige Leistung vollbracht! Wie sie bei 30 Grad über den Kurs um die Teststrecke des Autoherstellers Toyota gerast ist, war unglaublich.

 

Teamgeist wird im Sport zurecht ganz groß geschrieben. Der Zusammenhalt spielt auch in unserem Team eine entscheidende Rolle, denn er hat einen großen Einfluss auf die Motivation und damit, da bin ich sicher, auch auf den Erfolg. Aus diesem Grund möchte ich heute unser Betreuerteam vorstellen. Bahnrad-Bundestrainer Detlef Uebel und unser Arzt Dr. med. Steffen Steiner.

 

Bahnrad-Bundestrainer Detlef Uebel (rechts) und Arzt Dr. med. Steffen Steiner (links).

 

Wir tun das, was wir am besten können: Wir konzentrieren uns auf die Athleten und sind 24 Stunden am Tag einsatzbereit. Neben unseren individuellen Tätigkeiten als Arzt, Trainer und Physiotherapeut sind wir für unsere Sportler direkt vor Ort bei ihren jeweiligen Wettkampfstätten. Wir verpflegen sie und schauen auf ihre Ernährung, agieren motivierend und manchmal auch beruhigend, wir organisieren und begleiten sie und haben immer ein offenes Ohr. Am Abend vor den Wettkämpfen bekommen die Sportler von mir eine letzte osteopathische Behandlung. Diese Zeit ist sehr intensiv und wertvoll.

Wettkampftage sind unheimlich intensiv. Die gesamte Woche stehen für unsere Bahnradfahrer Wettkämpfe an. Das ist jetzt die heiße Phase und eine emotionale Achterbahnfahrt. Schon ganz früh fahren wir in das IZU-Velodrom, übrigens von der deutschen Firma Ralph Schürmann aus Münster geplant und erbaut. Die Stimmung ist positiv angespannt, die Luft knistert geradezu. Seit über einem Jahr trainieren die Sportler auf diesen einen Moment hin und nicht nur sie fiebern dem Start aufgeregt entgegen. Da heißt es, die Nerven zu bewahren. Unsere Goldmädels Lisa Brennauer, Lisa Klein, Mieke Kröger und Franziska Brauße haben nicht nur die Nerven behalten, sondern in der 4000- Meter-Verfolgung einen neuen Weltrekord aufgestellt und Gold für Deutschland gewonnen. Auch beim Teamsprint der Frauen waren wir erfolgreich und Emma Hinze und Lea Sophie Friedrich sind glückliche Gewinner der Silbermedaille. Was für ein unglaubliches Spektakel! Noch während die Athleten bei der Siegerehrung und den Presseterminen sind, fahre ich zurück zum Olympic Cycling Village und bereite alles vor. Die Regeneration und Behandlung ist gerade in so kurz aufeinanderfolgenden Wettkampfphasen enorm wichtig. Nachdem ich die letzten Sportler auf der Bank hatte, ist es dann 0.45 Uhr Ortszeit. Jetzt ganz schnell schlafen gehen, denn Morgen geht es schon wieder weiter. Das kostet Kraft, gibt aber unglaublich viel zurück. Die vielen Nachrichten und Glückwünsche auf den sozialen Netzwerken zeigen, dass der Sport ganz Großes zu leisten vermag, die Menschen berührt und verbindet. Ganz im Sinne von „nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf“ schaue ich nun auch, das ich mich gut erhole, um für den nächsten Tag fit zu sein.

Fazit

Mit insgesamt 37 Medaillen im Gepäck können alle deutschen Athleten sehr stolz sein. Ich bin wieder zurück und genieße wieder meinen Alltag in der Praxis.<<