Archivalie des Monats: Der Arbeitskreis 68 verschrieb sich der Förderung von bildender Kunst 


Ein Ausstellungsprojekt zu realisieren bedeutet viel Arbeit: Denkarbeit, Überzeugungsarbeit, Teamarbeit, Fleißarbeit. Ob sich das lohnt? Die Mitglieder des Arbeitskreis 68 – Künstlergemeinschaft Wasserburg am Inn – sehen auf der schwarz-weiß Fotografie von 1968 jedenfalls recht zufrieden aus. Sie befinden sich gerade mitten im Aufbau der ersten Großen Kunstausstellung, die der frisch gegründete Verein im Wasserburger Rathaus zeigen durfte. Noch gibt es augenscheinlich einiges zu tun, doch die Freude auf die baldige Eröffnung steht den engagierten Künstlerinnen und Künstlern schon ins Gesicht geschrieben. Vor mehr als 50 Jahren entstand diese Momentaufnahme. Auf die erste Große Kunstausstellung sollten viele weitere folgen. Eem AK68 widmet sich das Stadtarchiv im Monat August mit seiner Archivalie des Monats.


Vom Zeitungsinserat zur Vereinsgründung

Damals verfolgte der autodidaktische Künstler und ehemalige Bierbrauer Alexander Hatzl (* 7.5.1941 München, † 24.7.2018 München) die Idee, eine Ausstellung mit Werken regionaler Gegenwartskunst zu veranstalten. Mittels eines Inserats in der Wasserburger Zeitung suchte er im Jahr 1968 nach Mitstreiterinnen und Mitstreitern. Schnell fanden sich gleichgesinnte Kunstschaffende und gemeinsam organisierten sie die angedachte Ausstellung im großen Rathaussaal, die ein voller Erfolg wurde. Noch am Tag vor der Eröffnung, am 1. November 1968, gründete sich der Verein unter dem Namen Arbeitskreis 68 – Künstlergemeinschaft Wasserburg am Inn e. V.

Neben Alexander Hatzl waren Boidl Wagensteter, Harri Fiola, Michael Sandl, Willy Reichert, Klaus Honauer und Toni Waim die ersten Mitglieder. In der Satzung aus dem Gründungsjahr wurden folgende Ziele der Vereinstätigkeit festgehalten: Die Förderung von Zusammenkünften und Erfahrungsaustausch Kunstschaffender, die Veranstaltung von Kunstausstellungen, die Unterhaltung von Galerien, die Ermittlung sowie Förderung von Nachwuchstalenten, die Veranstaltung von Kunstwettbewerben, die Vermittlung zeitgenössischer Kunst an eine breite Öffentlichkeit sowie die Veranstaltung von Vorträgen.[6] Hatzl stand dem Verein bis 1978 als erster Vorsitzender vor und stellte unter seinem Pseudonym C. A. Wasserburger selbst gelegentlich Arbeiten aus.

 

Im Vergleich zu heutigen Werbemitteln wirkt das Plakatmotiv für die erste Große Kunstausstellungrecht schlicht.

 

Die eigene Galerie ermöglicht rege Ausstellungstätigkeit

Bereits zwei Jahre nach der Gründung erwarb die Künstlergemeinschaft ein altes Bürgerhaus in der Schmidzeile: das Ganserhaus. Hier sollte eine vereinseigene Galerie entstehen. Das Gebäude in der Wasserburger Altstadt gehörte ehemals Hans Ganser, einem Zinngießer, Kunstmaler, Restaurator sowie Glaser, der 1970 ohne Nachkommen verstarb. Der Kauf konnte nicht allein durch die Vereinskasse gestemmt werden und kam nur mithilfe eines Zuschusses vom Kultusministerium sowie durch das Eingehen einer persönlichen Bürgschaft der Vorsitzenden zustande. Um das Ganserhaus zukünftig als Galerie nutzen zu können, waren im Anschluss an den Kauf umfangreiche Sanierungsarbeiten notwendig, die durch die Bayerische Landesstiftung finanziell unterstützt wurden.

Besonders hervorzuheben ist hier die Restaurierung der Fassade des mittelalterlichen Bauwerks, bei der das Amt für Denkmalpflege hinzugezogen wurde und neben der Stadt Wasserburg und privaten Spenderinnen und Spendern ebenfalls einen finanziellen Zuschuss leistete. Im März 1975 konnte die Galerie schließlich feierlich eröffnet werden.

Mit den eigenen Räumlichkeiten bekam der Arbeitskreis 68 nun die Möglichkeit, mehr Ausstellungsprojekte umzusetzen. Zu den Großen Kunstausstellungen, die weiterhin alljährlich im Rathaus stattfanden, konnten im Ganserhaus nun parallel Werke von international bekannten Sondergästen gezeigt werden. Eingeladen waren beispielsweise 1984 Günther Uecker, im Jahr darauf Daniel Spoerri und 1987 Magdalena Abakanowicz.

Nach zwanzigjährigem Bestehen des Vereins und anlässlich des 850jährigen Stadtjubiläums konnte 1988 ein Skulpturenweg am Flussufer in Nähe der Altstadt realisiert werden, der inzwischen auf Dauer angelegt ist.

Bis in die Gegenwart hinein richtet der Arbeitskreis 68 alljährlich im Sommer die Große Kunstausstellungsowie weitere Ausstellungen einzelner Kunstschaffender, Duos oder Gruppen aus. In regelmäßigen Abständen kommen Mitgliederausstellungen und Debutausstellungen hinzu. Das Jahresprogramm deckt meist alle Gattungen und Richtungen der zeitgenössischen Kunst ab.

Vereinsarchiv nun im Stadtarchiv frei zugänglich

Am 1. Juni 2021 übereignete der Arbeitskreis 68 dem Stadtarchiv sein Vereinsarchiv zur dauerhaften Aufbewahrung. Dort sind die Unterlagen öffentlich zugänglich und können eingesehen werden. Der Bestand umfasst Schriftgut zu Ausstellungen, Änderungen der Vereinssatzung, dem Erwerb sowie der Sanierung des Ganserhauses in den 1970ern, Protokolle von Versammlungen, Zeitungsartikel, Werbematerialien und Fotografien seit Gründung des Arbeitskreises im Jahr 1968. Vor allem über die realisierten Ausstellungen und die heterogenen Reaktionen der Medien auf die jeweiligen Projekte, über den Wechsel von Vorstandsmitgliedern sowie über die Schwierigkeiten bei der Finanzierung verschiedener Vorhaben gibt der Bestand Auskunft. Zeitgleich mit dem Vereinsarchiv wurde auch ein Konvolut von 103 Ausstellungsplakaten übergeben. Weitere Unterlagen, Publikationen sowie Werbematerialien des Arbeitskreis 68, welche durch eigene Sammlungstätigkeit des Archivs bereits früher Eingang in die Sammlung des Stadtarchivs gefunden haben, ergänzen das Vereinsarchiv. Lena Hauser, Kunsthistorikerin und derzeit wissenschaftliche Volontärin am Museum Wasserburg, verzeichnete den Bestand und verfasste auf dieser Grundlage einen Artikel im Historischen Lexikon Wasserburg. Darin erfahren Sie mehr zur Geschichte des Arbeitskreis 68 – Künstlergemeinschaft Wasserburg am Inn e.V., finden eine Auflistung der durchgeführten Ausstellungen und eine Zusammenstellung der ersten Vorsitzenden des Vorstands.