Die Wirtschaftsgeschichte der Weimarer Zeit, das Kriegsende und dessen Folgen: Das ist die Archivalie des Monats Juli in Wasserburg

Das ist ein Notgeld der Stadt Wasserburg über eine Million Mark – mit Zeichnung auf der Rückseite (Foto weiter unten) mit der Innfront/Burg vom Südufer des Inn aus aus dem Jahr 1923 …
Die Wirtschaftsgeschichte der Weimarer Zeit, das Kriegsende und dessen Folgen – das ist die Archivalie des Monats Juli im Wasserburger Museum.

Die Folgen des Ersten Weltkriegs und des damit verbundenen Endes der deutschen Monarchie(n) waren auch für die bayerische Wirtschaft spürbar. Bayern hatte seine Eigenstaatlichkeit verloren und war nun ein Teilstaat des Deutschen Reiches, ohne die alten Sonderrechte, die man als Königreich noch gehabt hatte. Die großen Entscheidungen wurden nicht mehr in München, sondern in Berlin gefällt.


Was aber schwerer wog, war der weitgehende Verlust der Einnahmen aus den direkten Steuern, die nun an das Reich flossen. Die Reichsregierung wiederum benötigte die Einnahmen, um die massiven Staatsschulden sowie die gewaltigen Ausgaben finanzieren zu können, die die Umstellung der Kriegswirtschaft und die Rückkehr von Millionen Soldaten nötig machten. Dies betraf auch Kommunen wie Wasserburg, denen zunächst Steuereinnahmen wegbrachen, während die Ausgaben für soziale Leistungen stiegen.


Staat und Wirtschaft hatten darüber hinaus mit einer massiven Geldentwertung zu kämpfen, die mit Kriegsausbruch 1914 begonnen und sich gegen Ende des Jahres 1923 zu einer Hyperinflation entwickelt hatte. Immer mehr Papiergeld kam in Umlauf, die Preise erreichten astronomische Höhen. Im Herbst 1923 reichte in Wasserburg, wie in anderen Städten auch, die Menge an staatlich ausgegebenem Papiergeld nicht mehr aus, um den steigenden Geldbeträgen Herr zu werden.

Daher beschloss der Stadtrat am 29. August 1923 die Ausgabe von sogenanntem Notgeld in Gesamthöhe von 20 Milliarden Mark. Ausgegeben werden sollten Scheine im Nennwert von 500.000 beziehungsweise 1 Million Mark (vgl. Abbildung; unsere Archivalie des Monats).
Als Ausgabetermin wurde der 1. September anvisiert.

Doch die Inflation zog weiter an. Am 9. Oktober 1923 lag der Umtauschkurs zum US-Dollar laut Wasserburger Anzeiger bei über 1,2 Milliarden Mark, während eine Schachtel Streichhölzer mit mindestens 4 Millionen Mark zu Buche schlug.

Zehn Tage später, am 19. Oktober, kostete ein US-Dollar 5,5 Milliarden und ein Wasserburger musste für eine Semmel vierzehn Millionen und für ein Pfund Schwarzbrot 140 Millionen Mark zahlen.

Ein Ferngespräch kostete bald 500 Millionen, da war das Ortsgespräch für 50 Millionen Mark vergleichsweise günstig.

Erst die Währungsreform 1923 beziehungsweise die Einführung der Reichsmark im August 1924 sorgten für wirtschaftspolitische Stabilität, die allerdings auf Kosten zahlreicher Sparer ging, deren Erspartes massiv entwertet wurde, während Schuldner profitierten. Die Vereinigte Städtische Sparkasse und Volksbank Wasserburg kommentierte die Ereignisse dieser Jahre: Da kam der große Krieg und nach ihm seine verheerendste Folgeerscheinung, die Inflation. Sie brachte eine gewaltige Umwälzung der wirtschaftlichen Verhältnisse. Das riesige, einst so bedeutende Gebäude der alten soliden Sparerschaft stürzte zusammen und aus seinen Trümmern erstand die Welt der Neureichen.

Der Währungsreform folgten die vermeintlich Goldenen Zwanziger, sprich Jahre der wirtschaftlichen Prosperität, die allerdings 1928 einen Dämpfer erfuhren, ehe im Oktober 1929 an der Wallstreet eine Spekulationsblase platzte. Die deutsche Wirtschaft, die stark vom US-amerikanischen Kapital abhängig war, traf die darauf folgende Wirtschaftskrise mit voller Wucht.

Auf wirtschaftliche Depression, Massenarbeitslosigkeit und -verelendung folgte politische Radikalisierung. Die Reichsregierung versuchte dem konjunkturellen Abstieg mit einer harten Spar- und Deflationspolitik gegen zu steuern.

Gleichzeitig wurden Steuern erhöht, um die steigenden Sozialausgaben begleichen zu können. Die Stadtgemeinde Wasserburg beispielsweise erhob 1931 zu diesem Zweck die Getränkesteuer, die erhöhte Biersteuer und die Bürgersteuer zum Landessatz.

Für Arbeitnehmer bedeutete dies noch weniger Geld. Waren die Bruttolöhne nach 1918/19 noch gestiegen, freilich ohne dabei den tatsächlichen Lebenshaltungskosten zu entsprechen, stagnierten sie ab 1928/29, ehe sie ab 1930 sogar rückläufig waren.

Bayern hatte den Vorteil, von der Weltwirtschaftskrise vergleichsweise weniger schwer betroffen zu sein. In den Jahren der Weimarer Republik blieb das Land weiterhin stark an der Landwirtschaft ausgerichtet und die existierenden kleinen und mittleren Betriebe waren weniger abhängig von ausländischem Kapital.[10] Die erste Industrialisierungswelle, von der Bayern nach der Gründung des Deutschen Reichs 1870/71 ergriffen worden war, flaute nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 ab und stagnierte schließlich.

Die Industrialisierung vollzog sich zudem vor allem punktuell und von Region zu Region unterschiedlich. Arbeitskräfte, Rohstoffvorkommen, Verkehrslage und Energieversorgung waren entscheidend für die Ansiedlung von Industrie und Handel. Erst ab den 1930er Jahren erfasste eine zweite Industrialisierungswelle das Land, die sich aber nach wie vor besonders auf die Städte konzentrierte.

Umso schwerer wog daher die Agrarkrise in den 1920er Jahren, die anfangs noch von der Inflation verdeckt worden war. Weltweit existierte eine Überproduktion an landwirtschaftlichen Gütern, was auch die Bauern in Südbayern zu spüren bekamen. Zudem wuchs die steuerliche Belastung, wodurch das Einkommen in der Landwirtschaft weiter geschmälert wurde.

Quelle/Ausführlicher zur Entwicklung der Wasserburger Wirtschaft in den Jahren 1918 bis 1933:

Tobias Birken, Wirtschaft während der Weimarer Republik, publiziert am 15.07.2021 [=Tag der letzten Änderung(en) an dieser Seite]; in: Historisches Lexikon Wasserburg,

URL: https://www.historisches-lexikon-wasserburg.de/Wirtschaft_w%C3%A4hrend_der_Weimarer_Republik (15.07.2021)

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