Gut ein Jahr im Amt: Ein Gespräch mit Andreas Friedrich, Bürgermeister der Marktgemeinde Prien, über seine Ideen und Konzepte für Prien


Chiemgau-Stimme: Sehr geehrter Herr Friedrich, zunächst einmal darf ich mich im Namen der Redaktion der „Chiemgau-Stimme“ herzlich für Ihre Bereitschaft zu diesem Gespräch bedanken. 


Sie sind jetzt 12 Monate 1. Bürgermeister von Prien. Ein kurzer Rückblick: Waren Sie im März 2020 zuversichtlich, diese Wahl zu gewinnen?

Bürgermeister Friedrich:  Ich habe, als mein Vorgänger Jürgen Seifert sich entschlossen hatte, nicht mehr als Bürgermeister zu kandidieren, mir eine Woche Bedenkzeit erbeten, denn ich hatte versprochen nicht zu kandidieren, solange er im Amt sei. Ich habe dann kandidiert und im ersten Wahlgang nur ganz knapp hinter Annette Resch von der CSU den 2. Platz belegt. Eine Stichwahl zwischen Annette Resch und mir war also notwendig. Da unmittelbar nach dem 15. März 2020 der erste Lock-down begann, waren die folgenden zwei Wochen sehr anstrengend. Der Wahlkampf bis hin zur Stichwahl hat sich auf die sozialen Medien wie Facebook verlagert. Dort hat es auch weniger schöne Kommentare gegeben, sodass ich mich veranlasst sah, in den eigenen Reihen bzw. in den Reihen meiner eigenen Unterstützer an die Fairness zu appellieren. Ich habe natürlich auch angefangen zu rechnen, habe die Stimmen der anderen Kandidaten versucht zuzuordnen. Als dann die Priener Grünen einen Wahlaufruf für Annette Resch verfassten, begann natürlich bei mir ein Kopfkino. Wir hatten für die Stichwahl nur vier Stimmbezirke, da wegen des Lock-down die Wahl als Briefwahl durchgeführt werden musste. Die Stimmauszählung selbst habe ich online von zu Hause aus mitverfolgt. Als der erste Bezirk ausgezählt war und die CSU-Kandidatin vorne lag, bereitete ich mich darauf vor, Annette Resch zu gratulieren, da hatte ich die Bürgermeisterwahl eigentlich schon ein wenig abgeschrieben. Nach dem 2. Stimmbezirk wurde es knapper und ich habe zwei Ansprachen vorbereitet, eine als Wahlgewinner und eine als Wahlverlierer. Nach der Auszählung des 4. Bezirks war klar, dass ich die Wahl mit knapp 300 Stimmen Vorsprung gewonnen hatte.

Ich muss Ihnen sagen, dass ich sehr gerne Bürgermeister meiner Heimatgemeinde Prien bin, die Wochen und Monate der Vorbereitung und des Wahlkampfes, den wir in einer Wählervereinigung wie der ÜWG ja vom Design unserer Plakate und Flyer bis hin zum Gestalten unserer Werbegeschenke komplett von Grund auf selbst organisieren mussten, haben sich bezahlt gemacht.

Chiemgau-Stimme: In einem Interview haben Sie erklärt, Sie seien der Vorgesetzte von knapp 160 Mitarbeitern, das ist schon eine ganze Menge, worauf achten Sie da in der Personalführung besonders? 

Bürgermeister Friedrich: 160 Mitarbeiter sind es mit unseren beiden Tourismus-Einrichtungen zusammen mit dem Rathaus, dem Bauhof, unserem Klär- Wasser- und E-Werk. Aber bei den Mitarbeitern achte ich auf Führung auf Augenhöhe. Die Mitarbeiter wissen und sollen wissen, dass ich sie ernst nehme. Da wird auch nicht jedes Detail besprochen und geregelt. Ich bin kein Freund von ellenlangen Dienstanweisungen, nur wenn mal etwas feststeckt oder die Linie nicht mehr stimmt, greife ich ein.

Chiemgau-Stimme: Herr Bürgermeister, Sie sind angetreten mit dem Vorsatz, Prien für die Zukunft fit zu machen. Haben Sie damit schon anfangen können?

Bürgermeister Friedrich: Ich hoffe, ja. Durch den lock-down, in dem uns wir seit November 2020 erneut befinden, fehlt sehr häufig das feed-back aus der Bevölkerung, es fehlen die Rückmeldungen. Normalerweise geht der Bürgermeister zu den Vereinsveranstaltungen, zu den Jahreshauptversammlungen, das alles findet im Moment eigentlich nicht statt. Ohne lock-down hätte man mit den Menschen gesprochen, mit ihnen ein Bier getrunken und dgl. mehr. Zur Zeit sind E-Mails und die sozialen Medien die häufigsten Rückmeldungen. 

Im Moment gibt es zwei Großprojekte, denen wir uns widmen: Zum einen der Neubau des Kinderhorts. Hier geschieht viel und das ist auch notwendig; zum anderen ist der Bau der Hackschnitzelheizung im Gewerbegebiet am Reitbach zu nennen. Diese Heizung wird der Feuerwehr Prien ebenso zu Gute kommen wie unserer Gärtnerei, dem Bauhof und den dort angesiedelten Betrieben.

Chiemgau-Stimme:  Neben dem Kreiskrankenhaus Prien gibt es private Investoren im medizinischen Bereich. Sehen Sie da Zielkonflikte?

Bürgermeister Friedrich: Nein, im Gegenteil. Die Zusammenarbeit mit dem Medical Park und der Schönklinik ist hervorragend, am Gebäude des Medicalpark ist die Gemeinde ja auch selbst beteiligt. Leider verlagert sich die Verwaltung der Schön Kliniken von Prien weg, aber die eigentliche Klinik Roseneck bleibt uns erhalten und soll in den Folgejahren an seinem Standort weiterentwickelt werden. Das Kreiskrankenhaus Prien nimmt eine wichtige Erstversorgung wahr und versorgt von hier den gesamten östlichen Landkreis Rosenheim. Ich bin auch sehr zufrieden, weil der Landkreis die Romed Klinik hier in Prien erhalten will.

Chiemgau-Stimme:  Lassen Sie uns über Kulturpolitik sprechen. Welche Aufgaben sehen Sie als wichtig an?

Bürgermeister Friedrich: Prien ist ein bedeutender kultureller Standort. Zahlreiche Chiemseemaler haben sich hier bei uns niedergelassen oder haben ihre Wurzeln in Prien. 1945 fand hier in der Galerie des Alten Rathauses die erste freie Kunstausstellung nach Ende des Zweiten Weltkrieges statt. Auch 2020 wollten wir eine Kunstausstellung haben, diese fiel aber wegen der Corona-Pandemie ins Wasser. Im vergangenen Sommer hatten wir zwei Konzerte im Kurpark. Aber ich bin mir sicher: Kunst und Musik werden nach dieser Pandemie wieder aufleben und ihre vergangene Blüte wird erneut stattfinden können. Normalerweise ist in Prien in den Sommermonaten an jedem Wochenende etwas geboten, das wird man schon bald wieder hochfahren können. Natürlich müssen wir ein zweites Ischgl verhindern, deshalb werden kulturelle Veranstaltungen in der nahen Zukunft eher ein Tanz auf der Rasierklinge sein.

Chiemgau-Stimme:  Ich habe gelesen, dass das Thema Zweitwohnungen in Prien Ihnen Sorgen bereitet.

Bürgermeister Friedrich: Unsere Sorge ist, dass hier in Prien Wohnraum fehlt. Und es gibt nicht wenige Menschen, denen die Mieten in München viel zu hoch sind, die kommen dann nach Prien, hier ist es sehr schön, der Zug von München nach Salzburg hält hier, man ist in einer Stunde da, da gibt es einige, die pendeln lieber als die horrenden Mieten in München zahlen zu müssen. Dieser Druck auf den Wohnungsmarkt lässt natürlich auch die Mieten in Prien steigen. Wir sind Klinikstandort, wir sind ein wichtiger Schulstandort und ein bedeutender Touristikstandort, da müssen sich die Lehrer ebenso wie die Krankenpflegekräfte, die in der Gastronomie Beschäftigten usw. Wohnungen leisten können. Und weil es immer mehr Pendler gibt, nimmt der Druck auf dem Wohnungsmarkt zu, da sind auch eingedenk der Verkehrsbelastung und der Parkplatzknappheit Zweitwohnungen nicht so gerne gesehen. Aber wir stellen uns auch dieser Herausforderung und werden Lösungen erarbeiten, die Prien helfen, seine Aufgaben gut zu erfüllen.

Chiemgau-Stimme:  Im Marktgemeinderat wurde kürzlich die Schließung der Wendelsteinstraße erörtert. Die Grünen haben diese Frage fast zu einer Grundsatzfrage hochstilisiert. Wie sehen Sie die Zukunft Priens in Bezug auf verkehrsberuhigte Zonen?

Bürgermeister Friedrich: Bei diesem Thema muss das Konzept stimmen. Eine Ortsumgehung für ganz Prien ist seit Jahrzehnten in der Diskussion, ohne dass eine wirklich zufriedenstellende Lösung hätte gefunden werden können. Natürlich ist es notwendig unseren Ortskern verkehrsmäßig zu entlasten. Ich denke da an eine Umfahrung des Ortszentrums, an einen Einbahnstraßenring, der es möglich machen könnte, Radwege und Fußgängerbereiche auszubauen. Beim Thema verkehrsberuhigte Zonen sperre ich mich nicht, allerdings muss man auch bedenken, dass Verkehrsrecht noch immer Bundesrecht ist. In der Straßenverkehrsordnung steht nun einmal drin, dass innerorts 50 km/h gefahren werden darf und nur in sehr engen Ausnahmefällen darf man als Gemeinde hiervon abweichen.

Chiemgau-Stimme:  Sie haben erklärt, dass die ÜWG Ihre lokal-politische Heimat sei. Wofür steht die ÜWG? Worin bestehen Unterschiede zu den anderen Fraktionen im Marktgemeinderat? Die stärkste Fraktion im Gemeinderat ist weiterhin mit Abstand die CSU. Und dennoch hat sich die CSU-Kandidatin bei der Bürgermeisterwahl nicht durchsetzen können, sondern Sie sind 1. Bürgermeister geworden.

Bürgermeister Friedrich: Die ÜWG wurde 1959 gegründet und war eine der ersten überparteilichen Wählergemeinschaften. Sie war lange Mitglied im Landesverband der Freien Wähler. Aber als die Freien Wähler bundesweit antreten wollten, ist die ÜWG Prien dort ausgetreten. Wir fanden, dass eine bundesweite Ausdehnung dem Anliegen der Freien Wähler zuwiderlaufe, nämlich gezielt nach Lösungen für den jeweiligen Ort zu suchen. Aber für das Miteinander mit den anderen Gruppen gilt: Solange man miteinander reden kann, trennt uns eigentlich nichts.

Chiemgau-Stimme:  Ihr Vorgänger wurde im Internet gesucht und blieb 12 Jahre Bürgermeister in Prien, bevor er bekannt gab, nicht wieder zu kandidieren. Sind hier gute Bürgermeisterkandidaten schwieriger zu finden?

Bürgermeister Friedrich: Wenn ich mich zurückerinnere, dann war vor 12 Jahren der Wunsch in der Bevölkerung nach einem frischen Wind für Prien deutlich zu spüren. Wenn ich das so sagen darf, dann hat es in Teilen der Bevölkerung fast schon gebrodelt. Beispielsweise beim Thema Seebühne. Durch Bürgermeister Seifert kam dieser frische Wind nach Prien, und ich muss sagen, das hat unserer Gemeinde ganz gut getan. Ich denke, dass der Marktgemeinderat mittlerweile wieder besser zueinander gefunden hat, als vor dieser Zeit.

Chiemgau-Stimme:  Nicht wenige Menschen zieht es am Ende Ihres Arbeitslebens nach Prien. Beobachten Sie es mit Freuden oder mit Sorgen, wenn das Durchschnittsalter der Priener zunimmt?

Bürgermeister Friedrich: Schon in der Römerzeit war unser Ort ein Altersruhesitz für die römischen Offiziere, und so ist es auch heute für mich eine Herausforderung, in unserer Marktgemeinde die Dinge bieten zu können, die gebraucht werden. So haben wir schon seit vielen Jahren beispielsweise im Kurpark spezielle Seniorenfitnessgeräte aufgestellt. An der Barrierefreiheit müssen wir aber noch arbeiten. Gleichzeitig beobachte ich, dass immer häufiger junge Familien in den Ort ziehen. Im Ortsbild fallen einem wieder mehr junge Familien mit Kindern auf. Das freut mich, denn es zeigt, dass unser Ort auch weiterhin lebendig sein wird.

Chiemgau-Stimme:  Wir erleben im Moment eine zu Ende gehende Pandemie. Größter Leidtragender dürften neben den Kulturschaffenden der Mittelstand und die jungen Menschen sein. Gibt es in Ihrer Gemeinde Planungen, den Mittelstand und die Jugendlichen nach dieser Corona-Krise besonders zu fördern?

Bürgermeister Friedrich: Die Menschen bekommen wieder mehr Kinder, und dass früher, also, wenn sie noch jünger sind, das finde ich sehr schön. Gleichzeitig haben wir noch einige Schwierigkeiten, den Präsenzunterricht an unseren Schulen pandemiegerecht zu organisieren. Auch zusätzliche Buslinien wurden hierfür eingerichtet. Wie es nach der Pandemie aussehen wird, kann ich Ihnen noch nicht sagen, wir stecken zur Zeit unsere ganze Energie in die Pandemiebewältigung. Natürlich sind Kinder, v.a. aus weniger behüteten Familien die Leidtragenden der Corona-Krise, und sie werden es leider bleiben. Ich denke an dieser Stelle auch daran, für diese Menschen bei der Vermittlung von Lehrstellen behilflich zu sein. Wirtschaftlich hoffe ich natürlich auf den Sommer und darauf, dass ähnlich viele Menschen wie letztes Jahr Prien und den Chiemsee als Urlaubsdomizil entdecken.

Chiemgau-Stimme:  Sehr geehrter Herr Bürgermeister, das war ein sehr ausführliches und auch sehr aufschlussreiches Gespräch. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Zeit und die offenen Antworten auf meine Fragen.