Wasserburger Traditionsgeschäft in neuen Händen – Ex-Inhaber Andreas Egger erinnert sich


Es gilt beinahe schon als Wahrzeichen in der Altstadt: Das Geschäft für Tabakwaren an der Ecke Postgasse/Salzsenderzeile. Nach einem Vierteljahrhundert reicht der ehemalige Chef Andreas Egger den Stab weiter an seine Nachfolgerin. In der Wasserburger Stimme erzählt der Mühldorfer, der ohne auch nur einen Tag Urlaub zu nehmen stets mit seiner Frau Mechthild hinterm Tresen stand, über emotionale Momente, hungrige Hunde und den Tag, als ein Ross ihn besuchte…

Angefangen hat alles damit, dass Andreas Egger (68) in der Mühldorfer Zeitung auf eine kleine Anzeige stieß „Tabakladen in Wasserburg zu kaufen.“ Und weil er am Wochenende oft mit seiner Gattin nach Wasserburg gefahren ist, hat er die Altstadt lieben gelernt. „Ich kannte das Geschäft sogar“, berichtet der Mühldorfer; „hab selbst dort ab und zu Pfeifentabak gekauft. Da war sofort eine Verbindung da.“ Also packte  Egger die Gelegenheit gleich beim Schopf und übernahm zusammen mit seiner Frau Mechthild (67) am 1. Januar 1996 das Geschäft..
 
Der frischgebackene Tabakhändler staunte, wie alt sein neuer Laden war. „Einmal war eine amerikanische Familie bei uns, die Urlaub hier machten und deren Urgroßeltern aus Wasserburg stammten“, erinnert sich Egger. Sie hatten eine Fotografie bei sich, die um 1900 entstanden ist und auf der das Geschäft zu sehen war, das damals schon Tabakwaren verkaufte.
 
„Ob arm oder reich, alt oder jung – unsere Kundschaft war bunt gemischt“, sagt der 68-jährige. Es kamen sogar Leute wegen einer bestimmten Tabakmischung bis aus München. Eine Zeit lang haben die Eggers auch Indianerschmuck, Gürtel und Schnallen verkauft, sodass auch Mitglieder eines örtlichen Westernclubs bei ihm Kunden waren. Und so kam es, dass er an einem Samstag, als er gerade die Waren sortierte, ein Schnauben hörte. Tatsächlich: Als Egger sich umdrehte, stand da zur Hälfte ein Pferd im Geschäft, dessen Reiter einer aus dem Westernverein war. Klar, wurde auch der bedient.
 
Nicht nur ein Pferd. Auch die Hunde der Kunden zog es magisch in den Laden. Denn Egger hatte immer Leckerlis für die Vierbeiner bereit, die bald den Weg alleine fanden. „In all der Zeit haben wir eine richtige Bindung zur Kundschaft aufgebaut“, blickt der 68-Jährige mit etwas Wehmut zurück, „ wir waren in manchen Fällen fast schon Familienmitglieder und Seelentröster.“ So kam es auch, dass vielen Kunden die Tränen in den Augen standen, als der Mühldorfer ihnen erzählte, dass er sich zurückzieht. Egger: „Ich konnte mich wegen des Lockdowns gar nicht richtig verabschieden und möchte mich deshalb an dieser Stelle herzlich für die Treue meiner Kunden bedanken.“
 
Derzeit führt er „ein Lotterleben“, schmunzelt Egger. Aber sobald das wieder möglich ist, möchte er mit seiner Frau im VW-Bus viele Ausflüge unternehmen. „Der Bully ist mit Schlafplätzen und Kochgelegenheiten voll ausgerüstet“, sagt der Rentner, „ich habe ihn erst vor einem Jahr gekauft, aber wegen der Einschränkungen noch nicht gebraucht.“
 

Den Traditionsladen weiterführen wird Christine Wiesmann (47) aus Garching an der Alz. „Ich habe durch einen Vertreter erfahren, dass Herr Egger in Rente geht und habe mich gleich vorgestellt“, sagt Wiesmann. Weil sie selbst einen Tabakladen in Garching führte, dessen Pachtvertrag gekündigt wurde, war sie sich mit Egger schnell einig. Die gegenwärtige Lage erleichtert zwar nicht das Geschäft, aber die 47-Jährige hofft, dass sie bald öffnen kann. Bis dahin können die Kunden per Telefon bestellen und ihre Waren dann abholen.
 
„Das ist wirklich ein Traumladen“, betont Wiesmann, „ich freu mich wahnsinnig darauf.“ Und – ganz wichtig: „Alles bleibt, wie es ist – ich werde nichts modernisieren…“
 
CF
 
Foto ganz oben: Bei der Übergabe des Tabakladens (von rechts): Andreas Egger, Neu-Inhaberin Christine Wiesmann und Mechthild Egger.