Wasserburger Krankenhaus: Wie es begann!

Archivalie des Monats: Einrichtung für Arme der Stiftung des Reichen Almosens

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Die neue Ausgabe der Archivalie des Monats beschäftigt sich mit der Frühzeit des Wasserburger Krankenhauses. Das düstere Bild, das gerade die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Geschichte des Wasserburger Armenwesens bildete, wird nur durch eine Innovation erhellt, die die Stadt sich in mehreren Anläufen mühsam erkämpfte: Es handelt sich um die Gründung eines städtischen Krankenhauses.

Unser Foto zeigt das Gebäude Untere Innstraße 2 heute – einst Ort des Wasserburger Krankenhauses im dritten Anlauf um 1753.

Dieser von Beginn an in den Quellen verwendete Begriff sollte nicht fehlinterpretiert werden: Noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein waren Krankenhäuser Einrichtungen, die nur Mittellose oft rudimentär ärztlich versorgten. Angehörige der Mittel- und Oberschicht holten sich Ärzte ins eigene Haus und ließen sich von Familie oder Bediensteten versorgen.

Insofern ist die Krankenhausgründung in Wasserburg auch ein Teil der Geschichte der Armenversorgung der Stadt. Andernorts wandelten sich ältere Spitäler zu Krankenhäusern oder es wurden neue Spitäler mit dieser Zielsetzung gegründet. In Wasserburg verlief die Entwicklung anders:

Das Krankenhaus taucht zuerst 1706 in der Rechnung des Reichen Almosens auf. Dort wird erwähnt, dass einige notdürftige Reparaturen im Gnädler- oder kranckhenhaus durchgeführt worden seien.

Das Haus, das die Stiftung schon 50 Jahre lang besaß, hatte in den Jahren vor Kriegsbeginn leer gestanden und war nun vom Rat den Soldaten zugeteilt worden. Eine Umfunktionierung in ein Krankenhaus erfolgte der Rechnung zufolge während der Seuchenzeit 1705/06, die möglicherweise auch die Ursache für die Gründung gewesen ist.

Das Krankenhaus behandelte nicht nur Soldaten, sondern auch arme Wasserburger Bewohner. Das wird daran erkennbar, dass schon 1707 Ursula Laibinger testamentarisch jährlich zehn Gulden zur Unterstützung des Krankenhauses stiftete.

Hätte das Krankenhaus allein zur Versorgung der fremden Soldaten gedient, hätte es kaum eine solche Förderung erhalten. Der Rest der umfangreichen sogenannten Laibinger-Stiftung, die das Haus der kinderlos verstorbenen Bürgerin und mehrere Bauernhöfe im Umland umfasste, die via Leibgeding bewirtschaftet wurden, kam in Form diverser Jahrtage der Pfarr- und Frauenkirchenstiftung zugute, weitere zehn Gulden sollten jährlich ans Kloster Attel gehen.

Über das Krankenhaus in dieser frühen Phase ist kaum etwas zu erfahren. Weder fielen Kosten für Personal an, noch scheinen besondere Materialien für den Unterhalt fällig geworden zu sein, oder sie wurden aus einer anderen Quelle als dem Reichen Almosen gezahlt, dessen Haus zur Krankenversorgung genutzt wurde.

Das Gnädlerhaus lässt sich zumindest einigermaßen lokalisieren: In einer Urkunde aus der Zeit, bevor es in den Besitz der Stiftung überging, wird es als egkhbehausung im Salzsenderviertl bezeichnet. Die Einrichtung scheint aber nicht länger bestanden zu haben, als die österreichische Besatzung dauerte.

Schon 1717 war zumindest ein Teil des Hauses wieder vermietet, und noch 1730 war es ebenso. Im Jahr 1733 wurde jedoch ein neuer Versuch unternommen. Mit Jahresbeginn wurde ein Krankenwärter angestellt und bald finden sich auch Ausgaben für die Bewirtschaftung des Gebäudes in den Rechnungen des Reichen Almosens, nämlich für Holz und Licht.

Ausgaben für einen Arzt oder Bader fehlen dagegen. Die Kranken wurden also lediglich untergebracht und mussten Behandlungen vermutlich selbst zahlen. Wie es zu dieser Zeit im Krankenhaus aussah, vermittelt ein Inventar, das der Rechnung des Reichen Almosens von 1739 angehängt ist: Es gab eine Stube im Erdgeschoss (herunter stuben), in der sich Tisch, Betstuhl, zwei Sessel, ein Leinstuhl und zwei Kunstwerke befanden, nämlich ein Kruzifix mit der schmerzhaften Mutter Gottes und ein Gemälde der Geißelung Christi.

Daneben gab es eine Küche mit etwas Kochgerät und in einer feder-cammer lagerten reichlich ein Dutzend Betten, Laken, Kissen und Bettzeuge sowie einige Strohsäcke und Decken. Dazu kamen für die Aufbahrung bei Todesfällen relevante Gegenstände: zwei Tischtücher, ein Kruzifix, Figuren der Jungfrau Maria und des heiligen Johannes, ein Sterbekreuz und zwei Leuchter.

Außerdem listete das Inventar einen Tisch, ein weiteres Kruzifix, zwei Pauken und zwei Laternen in einer soldaten-stube auf. Wie in den Pfründnerhäusern brachten die Kranken jedoch wohl oft ihr eigenes Bett mit, wie zwei beim Verwalter lagernde Betten von verstorbenen Kranken beweisen. Ob auch dieses Krankenhaus im Gnädlerhaus eingerichtet worden war, ist den Rechnungen nicht zu entnehmen. Der weitere Verlauf spricht jedoch dagegen.

Der neuerliche Krieg in den 1740er Jahren setzte auch der zweiten Krankenhausgründung ein Ende. Erneut mussten Soldaten einquartiert werden, und angesichts der verheerenden Finanzlage des Reichen Almosens – auch die Laibinger-Stiftung konnte ihre zehn Gulden Unterstützung für das Krankenhaus in den Kriegsjahren und einige Zeit danach nicht aufbringen – wurde die inzwischen tätige Krankenwärterin 1745 entlassen. Nach Abzug der Soldaten stand das Haus 1748 leer.

Auch von diesem Misserfolg ließ sich die Stadt jedoch nicht entmutigen und nahm nach einigen Jahren einen dritten, diesmal dauerhaft erfolgreichen Anlauf. In der Rechnung des Reichen Almosens, das erneut als Betreiber des Krankenhauses fungierte, sind für 1753 bereits wieder Holzeinkäufe für das Krankenhaus verzeichnet.

Es wurde offenbar im gleichen Haus wie zuvor eingerichtet, einem umfunktionierten Wohnhaus, das dafür nicht besonders umgebaut wurde. Es lag im Hag unweit des Bruderhauses. Heute trägt das Grundstück die Hausnummer Untere Innstraße 2.

Um das Gnädlerhaus handelte es sich sicher nicht mehr, denn das Gebiet nördlich der Stadtmauer gehörte nicht zum Salzsenderviertel. Eine Instandsetzung erhielt das Krankenhaus 1754: Ein Zimmermann reparierte zwei Betten und fertigte zwei neue. Acht von den Soldaten, die das Krankenhaus in den 1740er Jahren zuletzt bewohnt hatten, zurückgelassene Betten waren dagegen nicht mehr nutzbar, wohl aber drei Tische. Weitere Ausgaben gab es für Brennholz, Leinöl für Lampen und das dreimalige Waschen von Bettzeug.

Außerdem erhielt ein Bader 15 Gulden für Behandlungen. Die Bezahlung von medizinischen Behandlungen im Krankenhaus durch die Stiftung war neu. Allerdings wurde dafür nicht der studierte Stadtarzt herangezogen, sondern einer der billigeren Bader, die keine schweren Krankheiten behandeln konnten.

Seine für das 18. Jahrhundert endgültige Gestalt erhielt das Krankenhaus weitere zwei Jahre später, als erneut eine Wärterin für die Kranken eingestellt wurde. Über deren genaue Aufgaben ist nichts bekannt. Da das Inventar von 1739 eine Küche erwähnt, ist anzunehmen, dass die Verpflegung der Kranken zu ihren Aufgaben gehörte, außerdem sind pflegerische Tätigkeiten zu vermuten, deren Umfang allerdings unklar bleibt.

Damit verfügte Wasserburg erstmals über einen Ort, an dem Mittellose medizinische Behandlung finden konnten. Dass es sich um ein karges medizinisches und pflegerisches Angebot gehandelt haben muss, tut diesem Fortschritt keinen Abbruch. Allerdings gelang die Etablierung der Einrichtung nicht durch eine eigene neue Stiftung, sondern ging auf Kosten des ohnehin schon geschwächten Reichen Almosens, das dafür seine Hilfszahlungen entsprechend schmälern musste.

 


Archivalie des Monats: Rechnungsband Reiches Almosen 1754
(StadtA Wasserburg a. Inn, I2c1767).

Dr. Christoph Nonnast

Foto oben: Matthias Haupt

Tipp zum Weiterlesen/der Text dieser Ausgabe der Archivalie des Monats ist der neuesten Buchveröffentlichung des Stadtarchivs entnommen:

Nonnast, Christoph, Armenwesen und wohltätige Stiftungen in Wasserburg am Inn, 1300-1800, Herausgeber: Stadt Wasserburg a. Inn, Stadtarchiv, Veröffentlichungen des Stadtarchivs, Nr. 6, Wasserburg 2018. (ISBN 978-3-947027-02-6). Broschur, 168 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen, 13,20€. Erhältlich im Stadtarchiv und im Wasserburger Buchhandel.

Zum Inhalt:
Die aufstrebenden Städte des späten Mittelalters erzeugten bis dahin ungekannten Wohlstand, aber auch vermehrt arme und entwurzelte Menschen. Zur Abhilfe gründeten Bürger und Räte wohltätige Stiftungen. Zugleich waren Arme zunehmend Ziel obrigkeitlicher Regulierung. In der wohlhabenden Handelsstadt Wasserburg gab es neben dem bekannten Heilig-Geist-Spital jahrhundertelang eine ganze Reihe weiterer wohltätiger Stiftungen.

Sie waren spezialisiert und ergänzten sich in ihrer Arbeit: Vollversorgung im Spital, regelmäßige Unterstützungszahlungen, Tuchspenden, Aussteuerfonds, Stipendienplätze und kostenlose Krankenbehandlung gehörten zu den vorhandenen Angeboten, die dennoch nicht genügten, die Bettelei in der Stadt überflüssig zu machen, allen Verboten zum Trotz. Die Tätigkeiten der Stiftungen verraten viel über die sozialen Nöte in fast 500 Jahren Stadtgeschichte.

Ebenso über die Bemühungen und Missbräuche des Rats, der die Stiftungen verwaltete, und die des bayerischen Staats, der ebenfalls mit Vorschriften und Kontrollen seine Vorstellungen eines effizienten Armenwesens durchzusetzen versuchte. Nicht zuletzt spiegeln die Stiftungsrechnungen die ökonomischen Höhen und Tiefen der Stadtgeschichte und Wasserburgs Niedergang von einer bedeutenden Handels- zur darbenden Landstadt im 18. Jahrhundert.

Hier noch ein Hinweis zur zugehörigen Publikation Armenwesen der Stadt

http://www.wasserburg.de/index.php?id=976?&no_cache=1&publish[id]=908161&publish[start]=

 

 

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