„75 Prozent von Null ist Null”

Wasserburgs Theatermacher Jörg Herwegh: „Corona-Hilfe läuft an Kunstschaffenden vorbei"

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Die Bundesregierung plant Nothilfen für die vom Lockdown betroffene Branchen und will erstmals Umsatzeinbrüche ersetzen. Bis zu zehn Milliarden Euro sollen dafür bereitgestellt werden. Die Regelung für den aktuellen Lockdown, der am Montag beginnt und den ganzen November dauern soll, sieht vor, Firmen 75 Prozent des Umsatzes vom November 2019 zu erstatten. Eine Regelung, die für viele Kulturschaffende nicht greift und eine echte Nullnummer ist, wie Wasserburgs Theatermacher Jörg Herwegh weiß.

„Die meisten von uns haben in bestimmten Monaten Tourneen oder Vorstellungen. Unser Gewinn muss fast immer auf das ganze Jahr umgelegt werden. Ich hatte zum Beispiel  2019 einen tollen Open Air-Sommer. Im November habe ich ein neues Theaterstück geschrieben, das erfolgreich ab Dezember lief. Außerdem hab’ ich da die Spielfassung unseres Tourneetheaters ab 2020 entwickelt. Ich hatte also im November 2019 gut zu tun, hab’ aber mit diesen Vorleistungen keinen Cent eingenommen. 75 Prozent von Null bleibt Null”, so Herwegh.

Die geplanten Förderungen gingen zu einem großen Teil an der Realität der Kulturschaffenden vorbei. „Und das nach so vielen Monaten und Diskussionen. Wir sind von der Politik wirklich enttäuscht.”

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11 Kommentare zu “„75 Prozent von Null ist Null”

  1. Fragen über Fragen

    Nicht nur bei Herrn Herwegh ist das so. Was macht zB die neue Betreiberin der Schranne? Darf sie die Zahlen von der Vorbetreiberin nehmen?

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  2. Wie das bei der Schranne funtioniert kann ich beim besten Willen nicht sagen. Aber zumindest für Jörg und Kollegen gibt es einen leisen Hoffnungsschimmer. Helge Schneider hat einen offenen Brief an Olaf Scholz geschrieben, der genau diese Thematik beinhaltet. Wenn auch keine Reaktion vom Finanzminister selber kam, hat Wolfgang Schmidt, Staatssekretär im Finanzministerium, positiv geantwortet. Soll auch möglich sein, die 75% vom Jahresdurchschnitt zu erhalten. Also Kopf hoch!

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  3. Lieber Martin Wimmer, danke. Du hast recht.
    Ich kenne Helge Schneiders Post, man hat mir auch geantwortet, dass nun doch über das Jahreseinkommen ein Monatsmittel errechnet werden soll.
    Aber unser MP hat wiederholt vom Vorjahresmonat November als Bezug gesprochen.
    Wir machen so lange Dampf, bis wir Schwarz auf Weiss lesen, dass Helges Förderung wirklich erfüllt wird.
    Unsere Branche war kooperativ; brav und akkurat haben wir alle Auflagen erfüllt. Immer wieder haben wir den Verantwortlichen erklärt, wie verschieden die Existenzsituationen von fast 2 Millionen in der Veranstaltungsbranche arbeitenden Menschen sind.
    Immer wieder hören wir aber Aussagen von Politikern, die das nicht verstehen ( wollen?).
    Darum werden wir jetzt störrisch.

    Übrigens ein guter Hinweis, wie das im Fall der neuen Schrannenwirtin läuft. Interessiert mich auch.

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    1. Auf jeden Fall wünsch ich Dir und Euch allen viel Glück!

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  4. Die Politiker brauchen sich keine Gedanken um ihr Einkommen zu machen. Leute gebt nicht auf und kämpft weiter für euer Geld. Keiner kann was für diese Situation. Leiden müssen wir alle darunter

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  5. Also bei allem Respekt,
    Diese Diskussion wird aber schon sehr emotional, um es mal höflich zu sagen.
    Warum bleiben wir denn nicht alle im November zu Hause und bekommen dafür 75% von??? UMSATZ. Da würden sich so manche Branche freuen, die einen Rohertrag von kleiner 10% hat.
    Aber man muss sich ja nicht wundern, wenn die grosse Politik schon so schlampig mit Sprache und Fakten umgeht.
    Das Finanzamt kennt doch alles, was Kohle von uns Bürgern angeht im kleinsten Detail. Daraus wird sich dann DOCH, auch ohne grosses BÜRORKRATIEMONSTER, eine Zahl pro Betroffenen errechnen lassen, die den Lebensunterhalt ermöglicht.
    Darueberhinaus leben wir in einem Land, mit einer ausgeprägten, Sozialgestzgebung, die Leistungen innerhalb der “Solidargemeinschaft”, zum Zwecke der Grundsicherung, umverteilt.
    Weniger pathetisch heisst das H4.
    Ja, lieber Jörg Herwegh das ist nicht schoen, aber besser als in den meisten anderen Ländern.
    Gilt aber fuer alle ANDEREN Selbständigen auch, die ihr Erspartes aufgebraucht haben.
    Und fuer soz.Vers.Pflichtige auch nach 6Monaten, ganz gleich, ob sie 1 oder 30 Jahre in die Sozialversicherung eingezahlt haben.
    Dass nun Künstler, wie Helge Schneider, die doch wohl noch ein paar Euronen unterm Kopfkissen haben sollten, mit solchen Forderungen um die Ecke kommen, finde ich unverschämt und unsolidarisch.
    Hoffentlich drängeln sie sich dann, wenn der Deckel mal bezahlt werden muss, auch so ins Licht und führen dann mal gleich 75% ihrer Umsätze ab.

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    1. “Dass nun Künstler, wie Helge Schneider, die doch wohl noch ein paar Euronen unterm Kopfkissen haben sollten, mit solchen Forderungen um die Ecke kommen, finde ich unverschämt und unsolidarisch.” Mein Kommentar nur dazu: Kann es sein, dass sich ein bekannter Künstler seine Popularität nutzt um sich selbstlos und stellvertretend für KollegInnen einzusetzen die sonst ungehört bleiben? Ist zwar äusserst ungewöhnlich heutzutage, sollte jedoch in Betracht gezogen werden!

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  6. Finde es ja “witzig”, dass die Gewählten so gar nicht mitspielen wollen….
    Sollte einem bei der nächsten Wahl zu Denken geben….
    Und man am Ende zum “Bittsteller” degradiert wird…

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  7. Die Regelung macht durchaus Sinn: Sie soll Unternehmer unterstützen, die voraussichtlich (aufgrund der belegbaren Umsatzzahlen des letzten Jahres) im November einen Umsatzausfall haben werden. Wenn ein Unternehmer aus saisonalen oder anderweitigen Gründen ohnehin keinen Umsatz hat (etwa Eisdielen, Ausflugslokale usw.), macht irgendwie auch ein Ersatz nicht richtig Sinn. Für was soll er denn dann entschädigt werden? Im Gegenteil: Es wird m. E. sogar etwas ungerechter. Die absolut perfekte und gerechte Lösung wird man niemals finden können. Ich bin aber der Meinung, dass sich die staatlichen Unterstützungen hier in Deutschland im europäischen Vergleich durchaus sehen lassen können.

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    1. Sehr geehrter Manfred Braun,
      zu Ihrem Kommentar (den ich bei meiner vorherigen Antwort nicht sah) endgültig ein letzte Anmerkung von mir, da wir schon längst wieder planen, was für uns unter eventuellen Auflagen vielleicht im Dezember/Januar machbar sein könnte und ich das ewige Rumdiskutieren nicht mag…auch wenn es jetzt den Anschein hat. 😉

      Für den Kulturbereich liegen Sie falsch!

      Beispiel: im letzten November hatte das Theater Herwegh kaum Einnahmen, weil wir bei den Planungen vom längerfristig zu organisierendem Tourneetheater ausgehen.
      Im letzten November bereiteten wir ein Stück über Ludwig II. (lief erfolgreich Dezember/Januar in der Region) sowie den Tournee-Krimi “Tod auf dem Nil” vor, der am 23. Februar 20 auch Premiere hatte. Nach der zweiten Vorstellung beendete der erste Lockdown diese Tournee.

      Nach drei Monaten Betätigungsverbot durften wir ab 20. Juni stark eingeschränkt über den Sommer spielen. Nicht den Tournee-Krimi, nicht den geplanten “Shakespeare” im Haager Schlosshof, aber spezielle Kleinst-Programme.
      Wir waren glücklich, auch wenn wir nur um die 20 % der eigentlich für den Sommer 2020 kalkulierten Einnahmen erreichten.
      Keine Beschwerde von uns, kein Gejammere, nur trockene Bilanz.

      Wir durften im Oktober 20 unter strengsten Corona-Auflagen in Rheinland-Pfalz und NRW extra einstudierte Hygiene-Fassungen von “Tod auf dem Nil” spielen, was unsere Einnahme-Situation entlastete.

      Im jetzigen Novmber 20 waren eine Reihe von Vorstellungen des Tournee-Theaters mit festem Honorar vertraglich fixiert, u.a. Offenbach, Zweibrücken, Bad Homburg. Alles Corona-Fassungen.
      Da wg. zweitem Lockdown diese Vorstellungen ausfallen, gibt es wg. Nichterbringung auch kein Geld.

      Gerne würde unser Theater 75 % dieser nachweisbaren Einnahmen vom jetzigen November 2020 an staatlicher Hilfe annehmen.
      Fordern wir ABER gar nicht!
      Aber den Vorjahres-November, den Sie als gerecht bezeichnen, akzeptieren wir auch nicht.
      75 % eines über den Jahresumsatz 2019 errechneten Monatsmittels für 2019 liegen übrigens unter den 75 % des Novembers 2020.

      Ich rede nur für den Kulturbereich und erkenne nicht, was an unserer Kritik ungerecht gewesen sein sollte.
      Im übrigen wird das auch jetzt von der Politik so gesehen. Dafür allen Dank, die uns unterstützt haben. Gehört auch zur Demokratie, dass man sich im demokratischen Diskurs wehren darf.

      Und ich denke, Herr Braun, da sind wir beide uns einig, dass wir in Deutschland ein gut funktionierendes demokratisches Gemeinwesen haben.

      Das war’s jetzt von mir zu diesem Thema, weil wir nach dem ersten Schock aufstehen, uns den Mund abputzen und Ideen entwickeln, wie wir mit unserem kleinen Betrieb überleben.

      Über unsere Aktivitäten wird sicher die “Wasserburger Stimme” berichten. Wir freuen uns auch auf den Besuch unserer Website http://www.theater-herwegh.de, auf der wir bald von unseren reizvollen Trotz-Corona-Projekten berichten.

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  8. Liebe Annette Diouri,
    genauso ist es: Helge Schneider hat mit seinem typischen Humor seine Popularität eingesetzt, um auf eine Ungerechtigkeit hinzuweisen. Das findet nun Gehör.
    Daher sind ihm viele nicht prominente Kulturschaffende wie ich sehr dankbar.
    Im übrigen: Helge Schneider ist sicherlich gut im Geschäft. Dafür hat er lange Zeit hart gearbeitet, in der er nicht gut verdiente.
    Mit meinem Tournee-Ensemble gastieren wir seit einigen Jahren deutschlandweit mit bekannten TV-Namen (in diesem November wären z.B. vertraglich fest dotierte Vorstellungen im Saarland, Hessen oder NRW dabei gewesen, die nun wegfallen) und ich kann versichern, so locker scheffeln auch die prominenteren KünstlerInnen keine Millionen.
    Manche würden sich wundern, was von den tollen Umsätzen tatsächlich an Gewinn übrig bleibt.
    (Nur mal erwähnt: Von dem Honorar an meinen Theaterbetrieb zahle ich bei unserer jetzigen Tourneeproduktion die Gagen von 11 professionellen SchauspielerInnen. Unter anderem.)
    Helge hat keine unverschämte Forderung erhoben, sondern betont, dass zwischen den Projekten mit ihren jeweiligen Einnahmen eine längere Pause des kreativen Schaffens, Probens, Verhandelns und Organisierens meist ohne jede Einnahme liegt.

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