Lebkuchen, reiche Hengste, rassige Liebhaber

Aus dem Leben der Wasserburger Neubürgerin Hiltrud Sander

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Fashion models. Sketch.Wasserburg – Sie kennen Hiltrud Sander nicht? Kein Wunder. Die Dame mittleren Alters ist Wasserburger Neubürgerin – erst seit ein paar Wochen da. Was für uns Stodara ganz selbstverständlich ist, muss die gute Frau aus Münster in Westfalen erstmal erkunden und lernen. Zum Beispiel: Dass es in Wasserburg Lebkuchen, reiche Hengste und rassige Liebhaber gibt. Immer freitags wird Frau Sander jetzt von ihrem Leben als Neu-Wasserburgerin berichten. Ihr neuester Bericht auf www.wasserburger-stimme.de:

Wussten Sie eigentlich, dass das, was wir essen, darüber entscheidet, wie gut wir im Bett… ach Schmarrn, ich meine natürlich, wie gut unser Gehirn arbeitet! Das Gehirn der Supermarkt-Verkäuferin an der Kasse des örtlichen Discounters arbeitete heute bestenfalls im Sparmodus. Sicherlich hatte die gute Frau heute noch keinen wertvollen Blumenkohl gegessen. Der wirkt sich nämlich besonders günstig auf die Kopfarbeit aus.

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„Duuu, warum verkauft Ihr denn Zigaretten, wo Rauchen kann tödlich sein draufsteht?“ Zum gefühlt fünfzigsten Mal fragt dieses neunmalkluge Grusel-Kind vor mir in der Schlange nun schon dieselbe Frage und erhält partout keine Antwort. Die Mutter des Kindes schaltet ebenfalls auf Durchzug und so wiederholt das nervige Gör sein Anliegen in der Endlosschleife. Ich spüre, wie ich langsam zum Mörder werde und meine Hand sich zur Faust ballt. Endlich! Die Kassiererin mit der Ausstrahlung des personifizierten Komas hebt gelangweilt den Blick und nuschelt ein lustloses „Woass i ned!“. Um die verspannte Situation ein wenig aufzulockern und das altkluge Gör auf andere Gedanken zu bringen, werfe ich ein überraschtes „Ach, schon Lebkuchen!“ in die Runde. Gestern noch Radi und Essigknödel im Biergarten und heute schon Lebkuchen mit Zuckerguss. Was ist denn mit dem Herbst, war da nicht was mit Halloween, Kürbis und Drachensteigen?

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Jäh unterbricht die Kassiererin mit dem ultrablonden Fransenhaarschnitt meine Gedanken: „Da kann ich Ihnen genau vier Gründe nennen, wieso das so ist: Erstens, die Kunden wünschen das! Zweitens, jetzt schmecken sie am besten. Und Drittens: An Weihnachten will sie eh keiner mehr!“ Wow, korrekt, das saß. Hiltrud, hinsetzen! Ich habe die offensichtlich gedankenlesende Lady aus ihrer Totenstarre erweckt. Scheiß Smalltalk aber auch immer… in Wahrheit ist es mir doch völlig egal, ob man den Menschen mit Spekulatius im Oktober die Vorfreude auf Weihnachten raubt und sie sich bereits vor dem ersten Advent mit Lebkuchen überfressen haben. „Bar oder mit Karte und gehört die Zeitung auch zu Ihnen?“ Unsanft laut holt mich die Kassiererin aus meinem Zimtsterntraum. Ähm, ja, natürlich bar….und ob die Zeitung zu mir gehört? Die Zeitung zu mir, ich zur Zeitung? Ich fühle mich ertappt. Auf meiner glühend roten Stirn steht in dicken Lettern: „Reicher Hengst mit Doktortitel gesucht“. Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Nervös hole ich das Geld aus meiner Börse, zahle hastig und flüchte an die frische Luft.

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Ob man es mir wohl angesehen hat, dass mir das Weltgeschehen egal ist und ich es nur auf die Kontaktanzeigen abgesehen habe? Tief durchatmen und Bodenhaftung gewinnen. Niemand vermutet hinter dem Kauf der Wasserburger Boulevardgazette die gierige Partnersuche. Schon immer träumte ich davon meinen Prinzen zu finden. Er sollte gut aussehend, freundlich, gebildet, vielseitig interessiert, humorvoll, sportlich, attraktiv, zärtlich und wohlhabend sein. In Wasserburg ist er mir bisher noch nicht in die Arme gefallen. Mit der umgekehrten Version könnte ich dienen. Gestern in der Sparkasse am Rathaus bin ich meinem potentiellen Traummann wie von Geisterhand gesteuert direkt in die Arme gerannt. Das zum Thema, Frauen wissen nicht, was sie wollen. Dieser Kundenberater war genau meine Kragenweite, sowas wie der männliche Hauptdarsteller in einem Rosamunde-Pilcher-Film. Schade nur, dass er sich für den (von mir bis ins kleinste Detail geplanten!) Zusammenstoß entschuldigte und – ohne mir nur einen Blick zu schenken – in seiner Beratungszelle verschwand.

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In den Kontaktanzeigen ist das anders. Nirgends gibt es so viele hochintelligente Traummänner, rassige Liebhaber mit Niveau und Akademiker mit Sinn für Romantik und Kultur. In der Realität fahren sie wahrscheinlich alle zum Campen an den Plattensee und kaufen auf Vorrat Strümpfe. Egal, ich lasse mich gerne vollsülzen und träume munter weiter. Mein Märchenprinz ist wohl vorübergehend verhindert. Aber denken Sie nicht auch, dass es an der Zeit ist, sich mit einem Kundenberater der Bank meines Vertrauens über eine sinnvolle Altersvorsorge zu unterhalten?

Ihre humorvolle, sportliche, attraktive & treue:

Hiltrud

 

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