„Fletzi“ hatte sich einst den Arm gebrochen

Kleine und große Details zu den Ausgrabungen in Wasserburg

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OLYMPUS DIGITAL CAMERAWasserburg – Die Geschichte Wasserburgs muss definitiv neu geschrieben werden. Auch wenn sich die beiden Fachleute sehr vorsichtig darüber äußerten am Mittwochabend im Rathaus. Fakt ist: Ganz eindeutig weisen die gefundenen Mauerstücke bis auf die Mitte des 9. Jahrhunderts hin und nicht erst auf das 11. – wie vor den Ausgrabungen noch angenommen. Macht ja schon ein paar Jahre Unterschied. Und auch unser Fletzi“ war nicht allein unterwegs, denn auf dem Fletzinger-Areal wurden auch noch andere Menschenknochen gefunden, hieß es bei dem Info-Abend.

Bürgermeister Michael Kölbl hatte zu einem öffentlichen Vortrag mit Gwendolyn Schmidt, der Grabungsleiterin, und Dr. Martin Pietsch (Landesamt für Denkmalpflege) in den Rathaussaal eingeladen – und sehr viele kamen. Siehe auch unseren Kommentar unter Des moanan mia – „Vazaubern gät aba scho anders!“

Das Thema: Die Stadt aus archäologischer Sicht – oder genauer die Ausgrabung auf dem Fletzingerareal.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEin sehr großer Mann für damalige Verhältnisse war unser Fletzi – und richtig kräftig gebaut. Das Skelett, das auf dem Areal gefunden wurde (wir berichteten damals exklusiv) war und ist im Prinzip eine Sensation. Die Fundstelle ein Bestattungsraum, ohne Sarg – der Mensch vermutlich in Tüchern gewickelt, den Kopf auf einem Stein aus dem 9. Jahrhundert gelagert. Die Bestattung sei erst gewesen, als die bewusste Mauer (wir berichteten mehrmals) bereits eingestürzt war, so die Mutmaßung. Die Mauer wiederum sei eine der ältesten vermörtelten Mauern, die je in dieser Region gefunden worden sei.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEs sei eine reguläre christliche Bestattung gewesen auf dem jetzigen Fletzinger-Areal, schlussfolgerte Frau Schmidt. Der Mann – mit 1,80 Meter ein Riese für damalige Verhältnisse – war etwa 35 bis 40 Jahre alt – mit sehr kräftigem Knochenbau und wohl auch sehr muskulär. Die Wirbelsäule lasse auf körperliche Arbeit schließen. Fletzi hatte sich irgendwann in seinem Leben einmal den Arm gebrochen, so die Grabungsleiterin. Der Bruch sei jedoch gut verheilt, was bereits auf eine gute Kranken-Versorgung schließen lasse. Auch sei er eher gut situiert gewesen, vermutet man. Auf die Frage von Hans Postler, wann denn der Fletzi wieder nach Wasserburg zurückkomme, meinte Frau Schmidt, das werde noch dauern – da müsse Wasserburg noch geduldig warten. Denn jetzt sei das Skelett in der archäologischen Staatssammlung zur Untersuchung.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWelche Rolle spielte die mittelalterliche Vorgängersiedlung von Wasserburg im 9. Jahrhundert? Um diese zentrale Frage drehten sich dann auch die Fragen der interessierten Besucher am Ende des Vortrags. Es ging um das Thema Salz und um die Besiedelung grundsätzlich. Gibt es hier möglicherweise eine Verbindung zu dem damaligen Geschlecht der Grafen von Sempt-Ebersberg, eines der reichsten und mächtigsten bayerischen Adelsgeschlechter im Mittelalter? Dies alles werde aktuell von Fachleuten geklärt, hieß es dann immer wieder. Interessant in diesem Zusammenhang sei vor allem der Fund von Kalkmörtel aus diesem alten Mauerteil. In der damaligen Zeit sei das absolut keine Selbstverständlichkeit gewesen. Es sei auch teuer gewesen und nur in Ebersberg habe man in den 70er Jahren etwas ähnliches gefunden. Deshalb die Vermutung zu der Grafen von Sempt-Ebersberg Familie. Auch die Schlussfolgerung, es könnte sich an dieser Stelle um einen Klosterbau gehandelt haben, wurde erneut genannt.

„Am besten ganz Wasserburg ausgraben“

Gwendolyn Schmidt distanzierte sich – zur Überraschung der Besucher – davon, die Zeit Mitte des neunten Jahrhunderts als den Beginn Wasserburgs am heutigen Abend zu bezeichnen. Und Dr. Pietsch half ihr: Da müsste man schon auch noch im Zentrum graben und unter der Burg oder gleich am besten ganz Wasserburg ausgraben. Schmidt sah eine Unterbrechung der Besiedelung ab diesem 9. Jahrhundert und wehrte sich vehement dagegen, die Mauerteile als Stadtmauerteile bezeichnen zu lassen. Zu einer Stadt gehöre auch Bürgertum und davon sei man in dieser Zeit weit entfernt gewesen. Siedlungsmauer gefiel ihr aber dann auch nicht als Begriff. Und der Wasserburger – eher liebevolle – Kosename für das uralte Skelett – Fletzi – der gefalle ihr auch nicht, sagte sie am Mikro.

Die Untersuchungen zu einem Bezug der Ebersberger würden laufen. Es werde sogar DNS-Untersuchungen (englisch: DNA) am Skelett geben.

„Diese Dinge in Zukunft bitte anders angehen!“

Mit Hilfe von Bildern auf einer großen Leinwand hatte Frau Schmidt anschaulich dargelegt, wie die Ausgrabungen vor sich gegangen waren, wie die einzelnen Schichten des Bodens zusehens an Bedeutung gewannen. Sie war der Meinung, alle im Team hätten ihre Arbeit sehr gut gemacht. Dieses Zeugnis stellte sie der Stadt nicht gerade aus. Ihr großer Wunsch sei, dass man in Wasserburg künftig viel achtsamer mit archäologischen Dingen umgehen möge. Es sei so sehr bedauerlich, dass man bis zum Jahr 2013 warten habe müssen. Vor allem müsse Wasserburg auch einen viel größeren Wert in Zukunft auf die Archäologie im baulichen Bestand“ legen, forderte sie. Ihr Schlussappell: Möge Wasserburg die Dinge in Zukunft anders angehen.

Auf die Frage einer jungen Besucherin, wo die zweite Hand vom Fletzi hin gekommen sei, antwortete Gwendolyn Schmidt: Die habe eine Maus verzogen. Einige Knochenteile habe man dann wieder gefunden, aber eben nicht mehr die ganze Hand …OLYMPUS DIGITAL CAMERA

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