Die Weihnachtsgeschichte 2014

Es war an einem kalten Tag im Dezember….

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Weihnachtbaum im Winterwald… durch die hereinbrechende Nacht und die tief verschneite Landschaft stapfte eine düster aussehende Gestalt auf einem Feldweg in Richtung Wald dahin. Den breitkrempigen Hut hatte jener Wanderer tief ins Gesicht gezogen. Verwegen sah er  aus und diese Erscheinung wurde verstärkt durch eine lange Rute, die der Mann in der Hand trug und einem groben Leinensack, der schlaff über seiner breiten Schulter hing. Im Takt seiner Schritte klirrte eine Kette, die er am Gürtel hängen hatte. 

Knecht Ruprecht blieb unvermittelt stehen und blickte in die Richtung aus der er gekommen war. Das Dorf hatte er schon lange hinter sich gelassen, aber noch von hier aus sah man die warmen Lichter, die unter dicken Schneehauben hervorblinzelten. Ein Haus stach besonders heraus, ein fast zauberhafter Glanz lag über ihm wie eine schützende Hand.

Dort, im Pfarrhaus, war St. Nikolaus zu Gast. Wie stets war ihm ein warmer Platz am Kamin sicher, während Ruprecht sich sein Lager im Wald suchen musste. „Ich werde langsam zu alt für meinen Beruf“ seufzte er in sich hinein. Früher hatte er nie einen Gedanken daran verschwendet, dass seine Nacht kalt und einsam sein würde. Sein Vater und dessen Vater und auch schon dessen Ururgroßvater waren an Nikolaus` Seite gewandert – eine große Ehre fürwahr!  In seinen Anfangszeiten als rechte Hand von Nikolaus hatte er noch etwas Mühe gehabt, die nötige Strenge walten zu lassen. So manches Mal war er zu nachsichtig mit den Kindern, sodass Nikolaus  – wie nur er es konnte – die linke Augenbraue nach oben zog und ihm mit einem Blick zu verstehen gab, dass es in diesem Fall keine Nachsicht geben konnte. Ruprecht dachte damals allzuoft: „Mei, das sind halt junge Buben, aber doch auch nicht soooo schlechte…!“, aber nicht nur die Eltern, nein selbst die Kinder, stellte er bald mit Erstaunen fest, erwarteten von ihm, dass er ein strenger Knecht war, der schon mal die Rute sprechen ließ und den ein oder anderen frechen Kerl für ein kurzes Stück in den muffelig riechenden Sack steckte! So kam es mit dahinschreitender  Zeit und Erfahrung, dass er ein ganz passabler Kramperl wurde, der sich auch nicht mehr viel Gedanken machte oder gar Mitleid kannte, denn – weiß Gott! – , ihm waren schon einige Früchtchen untergekommen, die seine und auch  Nikolaus‘ ganze Strenge bitter nötig hatten!

Ruprecht setzte noch einen Seufzer hinzu und wandte sich von den viel zu vielen Grübeleien ab und dem Weg zum Walde wieder  zu. Mit geübtem Blick fand er dort nach geraumer Zeit eine geeignete Lagerstätte, die ihn vor dem eisigen und kalten Wind schützte. Aus seinem Sack holte er, was die Menschen ihm und Nikolaus auf dem Weg durch die Dörfer an Essen zugesteckt hatten, und bald knisterte auch ein kleines Feuer, das ihm etwas Wärme schenkte – heute war Knecht Ruprecht aber ganz besonders kalt – so von innen heraus, wie er erstaunt feststellte. Gerade als ihm aber seine Augenlider trotzdem schwer werden wollten, bemerkte er aus dem Blickwinkel, dass sich hinter ihm etwas tat. Sofort war er hellwach. „Halt! Wer da?“ rief er laut mit seiner tiefen, rauen Stimme, die schon so manchen auf der Stelle zu einer Salzsäule erstarren hatte lassen. Gleichzeitig sprang Ruprecht mit einer Geschmeidigkeit, die man ihm auf den ersten Blick gar nicht zutraute, auf die Beine, um den ungebetenen Gast nötigenfalls den Weg zu verstellen – sollte der es wagen, vor ihm davonzulaufen, ohne Rede und Antwort zu stehen. Erst geschah …. nichts! Es schien, als würde der Wald die Luft anhalten; sogar die Baumwipfel schienen sich nicht mehr zu trauen, mit dem Wind zu tanzen und die Flammen des Lagerfeuers flackerten nicht mehr, sondern streckten ihre heißen Zungen starr nach oben.

Gaanz langsam zeigte sich aus dem Gebüsch, aus dem das Geräusch gekommen war, erst ein fast schwarzes langes Ohr, das steil nach oben ragte und dann ein zweites, das wie ein schlappes Etwas herabhing, sodass es den Eindruck vermittelte, das kleine dunkle Wollknäuel, das nun ganz hervorgekrochen war, würde vor  Angst und Verlegenheit daran lutschen.

Als Ruprecht das kleine verängstigte Tierchen da so sitzen sah, das seinen ganzen Mut zusammen genommen haben musste, um hervorzukommen, musste er über sich selbst lachen (etwas, das er schon wirklich lange nicht mehr getan hatte) „Na, wer ist jetzt da der Angsthase von uns beiden?“ tönte seine Stimme.

Der kleine Langlöffel zitterte, je länger der Kramperl lachte, mehr und mehr – das Herz des kleinen Hasen schlug ihm so heftig gegen die Brust, dass er meinte es müsse zerspringen. Alles, was ihn seine Mutter gelehrt hatte, fiel ihm ein: „Weglaufen, tot stellen, erst Haken schlagen oder danach? – Ja Himmel! Was denn nun zuerst?!!“ Dieser bärtige Jäger freute sich offenbar sehr, dass ihm so ein dummer kleiner Hase fast schon von alleine in das Feuerchen zum Braten sprang…. „Ach Mama, wo bist du bloß?“  Flach auf den Boden gelegt, die Ohren eng an das kleine Hasenköpfchen gepresst, wartete und wartete er auf das, was passieren würde….

Es dauerte wirklich einige Zeit, bis Ruprecht sich beruhigte. Er wischte sich einige Lachtränen aus den Augenwinkeln. „Wenn sich das herumspricht, – herrje – ich werde wirklich alt, erschrecke vor einem Langohr! Verrate mich bloß nicht bei den Menschen im Dorf, mein kleiner Wuschelhase!“

Hatte er wirklich „mein kleiner Wuschelhase“ gesagt? Langlöffel hob leicht den Kopf, klappte das linke Ohr wieder nach oben und sah diesen merkwürdigen Jäger schief an. Überhaupt, wo war sein Gewehr, er hatte wahrlich lange genug im Rücken dieses Menschen ausharren müssen, um zu beobachten, dass er keine dieser langen Büchsen bei sich hatte – vor denen er und seine Familie sich stetig in Acht nehmen müssen.

„Na komm, schau nicht so – ich fress dich schon nicht!“  Nun wusste der Hase gar nicht so recht, was er darauf antworten sollte und er starrte nur auf das Feuer, das sich langsam wieder in Bewegung gesetzt hatte und vor sich hin loderte.

Wie er den Langlöffel so beobachtete, spürte Knecht Ruprecht, dass der kleine Hase seine Worte wohl sehr wörtlich nahm und ihm tat sein unbedachter Satz sofort leid; auch ein Gefühl, das er schon fast vergessen hatte. „Ich bin kein Jäger, falls du das glaubst“,  sagte er, so sanft er das mit seiner Kramperlstimme konnte. „Sag mal, was treibst du denn hier so alleine, hm?“

Stotternd fing der kleine Hase an:„ …Ich , äh tja, ich hab mich hier versteckt.  Viele Jäger waren im Wald auf unserer Lichtung, viel mehr als im letzten Jahr, sagt auch mein großer Bruder, es hat geknallt und gekracht, es hat gar nicht mehr aufgehört und und….“. Das schnelle Stimmchen wurde immer leiser, Kramperl musste seinen Hut vom Kopf nehmen und sich bücken, um die Worte zu verstehen. Was er aber noch viel deutlicher hörte, waren die kleinen Hasentränen.  Ja, Tränen kann man hören. Das wissen viele nicht, aber er  hatte schon viele Tränen gehört. Trotzige, wütende, bettelnde. In allen Sprachen dieser Welt hatte er sie vernommen und verstanden.  Aber noch nie hatte er so traurige Tränen gehört.

Er räusperte sich verlegen und weil ihm nichts Besseres einfiel, fragte er laut „ Hast Du Hunger?“   und gleichzeitig dachte er für sich  „Herr, wie ungeschickt ich in solchen Dingen bin. Wenn nur der hl. Nikolaus da wäre, – der wüsste, was in so einem Fall zu tun ist.“

Zu seinem Erstaunen klappte der kleine Hase aber augenblicklich seine beiden Löffel in voller Länge (und die war wirklich beachtlich), nach oben und sagte laut „Und wie!!“  Ruprecht grinste, „Na, dann kann ich dir helfen,“ und er öffnete den Sack, auf dessen Boden sich noch Nüsse, einige Äpfel und sogar eine Karotte fanden.

So kam es, dass ein kleiner schwarzer Hase und ein großer wild aussehender, einsamer Kramperl in einer kalten Winternacht gemeinsam am Lagerfeuer saßen. Wuschel (wie ihn Ruprecht schon heimlich getauft hatte) erzählte von den Jägern, die zuhauf und immer wilder und unbarmherziger den Wald bejagten. Dass es hier immer stiller würde und viele Tiere auf Nimmerwiedersehen verschwanden – Junge wie Alte, Mütter wie Kinder.

Ruprecht erzählte, weil der kleine Wuschel keine Ruhe gab, von seiner alljährlichen Reise mit dem Nikolaus; erzählte vom Christkind, von Christbäumen und von den vielen bunten Lichtern und Kugeln. Der kleine Hase hatte noch nie davon gehört und wollte immer noch mehr Geschichten hören.

„Und Du steckst wirklich böse Kinder in den Sack?“, fragte er ungläubig. Davon wollte Ruprecht aber nicht mehr erzählen und gähnte statt dessen herzhaft und legte sich auf seine Decke. Wuschel wusste nicht recht, was er tun sollte – eigentlich war er unendlich müde und erschöpft. Die Karotte war so lecker gewesen und er hatte sich fast überfressen daran, aber er hatte keine Ahnung, wo er schlafen sollte.

Die Flammen des Feuers hatten sich mittlerweile auch niedergelegt und nur noch ein roter Schimmer zeigte, dass noch etwas Leben in ihnen war, aber sie wärmten kaum mehr. Die nächtliche Einsamkeit legte sich wie eine übergroße Decke auf das kleine Hasenherz und ihm fielen, ohne dass er sich noch weiter wehren konnte, die Augenlider zu. Ruprecht rückte vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken, näher an Wuschel heran, vor dessen Nase noch ein klitzekleines Stück Karotte lag, deckte ihn vorsichtig zu und kraulte ganz sanft das weiche, fast  pechschwarze Fell. Er lauscht noch lange den Tränen von Wuschel nach, die ihm von dessen ganzen Sorgen und Ängsten, die er sich um seine Familie machte, erzählten. So lange, bis Kramperl selbst die Augen zufielen. Zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren träumte Knecht Ruprecht von einem eigenen Zuhause, von Wärme, von Freunden und vom Ende einer langen Reise, die ihn durch die ganze Welt geführt hatte. Ein Ende der vielen einsamen Monate, die zwischen diesen Reisen lagen und die er überall und nirgends verbrachte…..

Es war noch früh am Morgen, als ein Rudel Rehe ganz nah am Lagerplatz unserer beiden Freunde durchs Gebüsch brach. Das kleine Langohr, das bis dahin tief und fest und wunderbar kuschelig warm eingehüllt geschlafen hatte, schreckte hoch und gab einen lauten Klopfer zum Besten. Damit war es auch um Ruprechts Schlaf geschehen, der bei weitem nicht mehr so schreckhaft wie noch Tags davor reagierte. Er öffnete erst langsam das eine Auge und dann das andere und brummte leise „Was ist denn das schon wieder für ein Lärm hier mit dir?“

„Ooohh – tut mir leid“, flüsterte Wuschel, der den Kopf verdreht,  gespannt hinter sich blickte. „Ich dachte die Jäger kommen schon wieder!“ „Oh!“, sagt der kleine Hase, nach vorwärts  und in Ruprechts Antlitz schauend. Er stutzte kurz, als er Ruprecht näher betrachtete. „Du schaust aber wüst aus!“ Jetzt wo der Tag und die ersten Sonnenstrahlen durch die Bäume fielen, sah Nikolaus‘ Knecht in der Tat noch wilder aus als bei schwachem Feuerschein. „Warum hast du denn so einen…. Puschel im Gesicht? Und Dein Fell am Kopf ist furchtbar lang und struppig!“

„Naja, das muss so sein, denn sonst hat ja niemand Angst vor mir!“ gab Ruprecht zur Antwort, während er aus dem Sack einen Apfel holte, ihn kurz mit seinem groben Umhang polierte und ihn Wuschel vor seine Nase setzte. Das Näschen begann im selben Moment aufgeregt auf und ab zu hüpfen, sodass Krampus schon wieder lachen musste. „Du bist mir vielleicht ein lustiges Kerlchen.“

„Findest du es denn schön, wenn man vor dir Angst hat?“ fragte der Kleine, während er immer noch intensiv an dem knackigen Apfel schnüffelte.  Darüber hatte sich Ruprecht nun wahrlich noch nie Gedanken gemacht – und während er noch nach einer Antwort suchte, hoppelte unvermittelt Klein Wuschel an ihm vorbei. „Muss mal“, gab der dem verdutzen Krampus zu verstehen.

Der Langlöffel war noch nicht lange verschwunden, da gab es einen riesen Tumult. Krampus hörte Hunde bellen, Männer schreien und es gab einen lauten Knall, der Ruprecht von einer Sekunde zur anderen hellwach machte. Angst kannte der Knecht des heiligen Mannes nicht wirklich. Im Aufspringen schnappte er sich im Reflex seine Rute und rannte in die Richtung, in die Wuschel verschwunden war. Mit demselben Schrei, mit dem er nachts davor selbst die Baumwipfel zum Schweigen gebracht hatte, stürzte er in die zweifelhafte Jagdgesellschaft.  Der Anblick war selbst für einen hartgesottenen Kramperl unerträglich. Zwei Hunde standen breitbeinig und keifend vor Langohr, der wie tot am Boden lag. Vier wüste Jäger richteten ihr Gewehr auf das dunkle Wollknäul und lachten.

Als Ruprecht auf der Bildfläche erschien, klappte den Hunden der Kiefer herunter, der Geifer blieb ihnen im Maul stecken, sodass sie würgten und anfingen zu winseln. Die Jäger, die nicht fassen konnten, was da vor ihren Augen passierte, fingen an zu schimpfen und zu fluchen – Lieber Herr im Himmel – Nikolaus hätte das nicht hören dürfen!  Ein Jäger zog trotz des Anblicks dieses mutigen und wüsten Mannes  wagemutig den Hahn seiner Flinte durch, deren Spitze noch immer auf Wuschel gerichtet war, als im selben Augenblich den Banditen der Schlag der Rute traf. Tat schon eine gewöhnliche Rute weh, so war der Schmerz dieser Rute, die den Segen Nikolaus` hatte, unbeschreiblich. Flucht! Das war wohl alles, was den andere Kumpanen einfiel, als sie ihren jammernden Freund da liegen sahen, aber Krampus holte sich einen nach den anderen und versohlte jedem dermaßen die Kehrseite, dass sie alle wohl bis zum Frühjahr auf dem Bauch schlafen würden müssen.

Sie liefen Haken schlagend wie die Hasen, die sie sonst ohne Gnade jagten, aus dem Wald. Ruprecht ließ sie ziehen und schickte ihnen, allein mit dem Rasseln seiner Kette, die Hunde hinterher.

Besorgt hockte sich Ruprecht nun vor dem Wollknäuel nieder, das immer noch unbewegt an derselben Stelle lag.

„Kleiner Wuschel,“ sagte er und sprach zum ersten Mal den Namen aus. „Bitte, bitte nicht sterben! Ich hätte besser auf dich aufpassen müssen, du bist doch nun so ein kleiner Hasenbengel!“ Eine kleine Träne bildete sich in den Augenwinkeln und sie rann und brannte über die Wangen, bis sie sich endlich in seinem „Puschel“, wie ihn der kleine Hase genannt hatte, verfing und dort vertrocknete.

„Mann, denen hast du`s aber gegeben! Wenn meine Mama das hätte sehen können, oder meine Brüder! Du musst sie unbedingt kennenlernen!“ Wuschel  sprang unvermittelt auf und streckte sich auf seinen vier Läufen hoch in die Luft, sodass er fast wie ein Balletttänzer aussah.

„Hast Du gesehen, wie dem einen Jäger die Hose geplatzt ist?!“ Er hockte sich wieder auf seine Hinterläufe und sah Krampus bewundernd an. „Du bist der beste Jägersjäger, den ich je gesehen habe!“

„Mein liebes Langohr – du bist fürwahr der beste Schauspieler, den ICH je gesehen habe“, rief Ruprecht erleichtert. – „Ich dachte schon, ich sei zu spät gekommen! Aber das, das mein kleiner Freund waren keine richtigen Jäger, das waren Wilderer, die auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen. Habt Ihr denn keinen Förster im Wald, der nach dem Rechten sieht?“

„Der ist vor zwei Wintern weggegangen und seitdem passt niemand mehr auf und jetzt machen alle, was sie wollen, sagen meine Brüder“, anwortete der kleine Hase. „Ich würde sie so gerne finden und bei ihnen sein….“. Wuschel wurde mit einem Mal wieder sehr traurig.

„Na, das geht auch nicht, dass du hier alleine herumläufst. – Sieht man ja, was dann passiert“, brummte Ruprecht und wusste aber selbst nicht genau, wie er helfen konnte. „Ich, ich weiß, wo meine Familie sich vielleicht versteckt hält, aber alleine komm ich da sicher nicht heil an. Aber wenn du, du…“. Die Hasenstimme überschlug sich fast vor Aufregung. „ Dann und wenn, dann kannst du, und ich komm…“. Die Ohren schwangen im Wortlaut von links nach rechts, nach oben und nach unten und zwischendurch klopften die Hinterläufe, so laut sie konnten.

„Na mal ruhig, ich hab ja auch noch was zu tun! Ich kann doch nicht den heiligen Nikolaus alleine ziehen lassen. Weihnachten steht noch bevor und und….“. Der kleine Hase sah Krampus stumm an und man konnte in seinen großen, dunklen Augen die sanfte Hoffnung, die darin gewachsen war, wieder weghoppeln sehen. Das brach nun Ruprecht fast das Herz….“Nun gut – ich rede mal mit ihm, immerhin ist er ein gelehrter, weiser Mann und und…“. So schnell konnte Krampus gar nicht schauen, da sprang der kleine Hase ihm aus dem Stand in die Arme. – „Du bist der liebste Kramperl, den man sich wünschen kann“, rief er, was ja nun gar nicht zusammenpasste, aber das konnte der kleine Hase nicht wissen – oder es spielte einfach keine Rolle. „Weißt du, wie lieb ich dich habe?“, nuschelte der kleine Hase in Krampus‘ Puschel. „Na was? Du kennst dieses Buch und kannst auch noch lesen?“ fragte Ruprecht erstaunt.  Der Hase wusste nichts von einem Buch und verstand nicht, was sein großer Freund meinte und sprach einfach weiter: „Ich hab dich so lieb…“  „Ich weiß schon“, fiel ihm Ruprecht ins Wort, „so lang wie deine Ohren sind, oder so hoch wie du hüpfen kannst!“

„Aber nein“, erwiderte der Kleine.  „Wie kommst du denn auf so was? Das ist doch viel zu wenig lang und hoch!“ Er grübelte kurz – sah hinter Krampus und meinte dann ganz ernst „Ich habe dich so lieb, wie deine Rute lang und kräftig ist!“ Krampus musste herzhaft lachen über diesen Vergleich und meinte, er wüsste nicht, was dies überbieten könne und er habe ihn ebenso lieb!

„Nun gut, dann werd ich wohl den hl. Nikolaus besuchen und mit ihm reden müssen!“ So forsch wie er das sagte, fühlte sich Ruprecht allerdings keineswegs. Wie sollte und konnte er Nikolaus so kurz vor Weihnachten alleine lassen mit all den Geschenken, mit den vielen Aufträgen, die er als Knecht zu erfüllen hatte?  In zwei bis drei Wochen , ja, da wäre er wieder frei für einige Zeit, aber so lange konnte er den kleinen Hasen nicht sich selbst überlassen. Aber er ist der heilige Nikolaus und ich habe keine Geheimnisse vor ihm; er wird wissen was zu tun ist. „Er ist ein weiser Mann“, sprach Ruprecht mehr zu sich selbst. „Darf ich ihn kennenlernen, oh ja, ich will ihn sehen!“, piepste aufgeregt der kleine Wuschel. „Na, wie soll denn das gehen? Soll ich dich in meinen Sack stecken, oder wie?“, gab Ruprecht zur Antwort. „Das ist eine prima Idee, ein paar Nüsse sind auch noch drin!“, erwiderte Wuschel. Gegen so eine Schlagfertigkeit wusste Ruprecht nichts zu erwidern und erst recht wusste er nicht, was er sonst hätte mit Wuschel machen sollen. Keine Stunde wollte er seinen kleinen Freund ohne Schutz lassen.

So kam es, dass ein kleiner schwarzer Hase und großer wild aussehender Kramperl am hellichten Tag durch die verschneite Landschaft Richtung Dorf marschierten. Das heißt, zuerst trug Ruprecht ihn in seinen Händen, in die der kleine Hase sich problemlos hineinkuscheln konnte, sodass nur noch seine Löffel oben herausschauten. Kurz bevor sie die ersten Häuser erreichten, setzte Ruprecht Wuschel aber dann doch in den Sack, – den er etwas ausgepolstert hatte. „Iiih, hier müffelt es aber“, kam es gedämpft aus dem Sack. „Ich hab dir extra ein Loch hineingemacht, das muss reichen und nun still!“

Kinder stoben auseinander, als um diese ungewohnte Zeit der Knecht des heiligen Nikolaus die Straße passierte. Nasen drückten sich an Fensterscheiben platt und die Männer der Hufschmiede, die gleich neben dem Pfarrhaus arbeiteten, hoben respektvoll grüßend die Hand. Als sie vorüber waren, konnte der kleine Hase aus seinem Loch heraus beobachten, wie die Männer ihnen, naja eigentlich wohl Knecht Ruprecht, fragend hinterdrein blickten.

Ruprecht stieg mit seinen schweren Stiefeln die Treppe zum Pfarrhaus empor und überlegte, (eigentlich tat er das schon, seitdem er losmarschiert war),  – was er dem Nikolaus sagen sollte. Er hob gerade die Hand, um anzuklopfen, als die Türe auch schon geöffnet wurde.

„Knecht Ruprecht, du? Der heilige Nikolaus hat mich zur Tür geschickt. Er meinte, es käme Besuch, aber ich hatte es nicht klopfen hören.“ Mit diesen Worten empfing der Pfarrer den Knecht. Ruprecht war es nicht gewohnt, in das Pfarrhaus hineinzugehen, nahm verlegen den Hut vom Kopf, was ihn nicht unbedingt weniger wild aussehen ließ und wartete darauf, was passieren würde.

Wuschel sah derweil aus seinem Loch heraus, wie die Nachbarsfrauen zusammenliefen und tuschelten. Mit ihren Hauben sahen sie so aus, wie die alte Schneeeule, die auf der großen Fichte wohnte. Die Frauen drehten auch den Kopf ebenso in alle Richtungen. Das sah so witzig aus, dass Wuschel anfing, nach Hasenmanier zu kichern. Was sich durch den Sack recht merkwürdig anhörte. Ruprecht versetzte seinem Sack einen leichten Schups und es wurde wieder still. Gott sei Dank hatte der Pfarrer nichts gehört – wie die meisten Pfarrer schien auch dieser hier etwas schwerhörig zu sein.

„Nun komm doch herein, mein lieber Knecht Ruprecht!“ Die warme, volle Stimme des heiligen Nikolaus war ganz nah. Er war hinter den Pfarrer getreten. „Mein lieber Freund, darf ich wohl für eine kurze Unterredung Euer Wohnzimmer benutzen?“, wandte sich der Nikolaus an seinen Gastgeber.  Mit einem leichten Kopfnicken bat der Pfarrer seine ungewöhnlichen Gäste in die Nebenstube und zog sich zurück. Ruprecht senkte ehrfurchtsvoll, aber mit Freude, den Kopf vor seinem Herrn. Dann legte er, so beiläufig er es vermochte, vorsichtig seinen Sack auf einem Stuhl ab.

„Lieber heiliger Nikolaus“, fing Ruprecht unsicher an. „Lieber Ruprecht!“,  fiel im Nikolaus laut und bestimmt ins Wort – was sonst gar nicht seine Art war. Respektvoll schwieg Ruprecht. „Ich weiß zwar nicht genau, was dich zu mir führt, aber es trifft sich gut, dass du da bist!“. Nikolaus machte eine kleine Pause und zwirbelte seinen wunderschönen schneeweißen langen Puschel – wie später Wuschel erzählen würde. „Weißt du, der Pfarrer hat mir erzählt, dass viel Unfrieden herrscht hier in dieser Gegend und er nicht weiß, wie er dem Herr werden soll….“. Nikolaus fing an, auf und ab zu marschieren und Wuschel, dem der hl.Nikolaus immer wieder aus seinem beschränkten Blickfeld heraus entschwand, versuchte das Loch im Sack größer zu beißen.

Als Nikolaus ihnen gerade den Rücken zudrehte, rüttelte Ruprecht etwas an dem Stuhl, um Wuschel zur Ruhe zu bringen, was Wuschel mit einem entrüsteten Klopfer beantwortete.

„Mir scheint“, lächelte Nikolaus leicht in seinen Puschel hinein, „es gibt Wichtigeres für dich zu tun, als mir die Päckchen hinterherzutragen und Kinder in den Sack zu stecken.“ Knecht Ruprecht wurde rot und musste sich erst räuspern, bevor er seine Stimme wiederfand. „Mein Herr, ich weiß, dass dies eine sehr ehrenvolle und wichtige Aufgabe ist und ich bin stolz darauf, an Eurer Seite zu dienen!“„Fürwahr, fürwahr, mein lieber Ruprecht, und diese Aufgabe hat nie ein Ende. Jahr für Jahr! Du hast viel gelernt bei mir, ich weiß auch, dass dein Erfahrungsschatz nun groß genug ist, andere Wege zu gehen! Widersprich nicht!“, fuhr der heilige Niklaus fort, als Ruprecht ansetzen wollte, ihm zu antworten. Wollte ihn Nikolaus nicht mehr? Hatte er etwas falsch gemacht??

„Du siehst das falsch, mein Freund“, redete Nikolaus ruhig weiter, als ob Ruprecht tatsächlich etwas gesagt hätte. „Ich brauche dich hier und du hast genug Erfahrung im Umgang mit den Menschen gesammelt! Im Dorf gibt es ein leer stehendes Haus, oben am Waldrand. Gib acht auf das Dorf und den Wald , dort treiben Wilderer ihr Unwesen. Du bist hier mehr von Nutzen, als mir meine Pakete zu tragen und Kinder zu erschrecken. Auch der liebe Herrgott dort oben ist dieser Meinung. Deswegen ist es beschlossene Sache!“

Knecht Ruprecht wurde heiß und kalt bei den Worten. Kummer und Freude wechselten sich ab und er drehte den Hut immer schneller und schneller in seinen Händen.  Nikolaus trat nun ganz nahe vor Ruprecht hin. Der kniete sich auf der Stelle vor seinen Herrn. „Steh auf mein Freund“, sagte Nikolaus mit einer Wärme in der Stimme, die alle Bekümmertheit wegschmelzen ließ. „Du bist nicht länger ein Knecht, du bist dein eigener freier Herr. Du bist mein Freund und in dieser Freundschaft ebenbürtig mit mir. Du hast mir unendlich gute Dienste geleistet und ich kann nur hoffen, dass die Rasselbande an Kramperln, die sich mir hier angetragen haben, sich irgendwann ähnlich geschickt anstellen wie du!“

„Ich höre hier ein paar Tränen mehr, als du in den Augen hast, mein Freund“,  meinte Nikolaus  „Und nun geh, wir haben beide viel zu tun! – Und vergiss deinen Sack nicht – er ist schon so schäbig und löchrig, da muss ich für die Kramperl neue besorgen. Die Rute lass ich dir, die wirst du noch brauchen und meine neuen, jungen, stürmischen Knechte sollen erst mal lernen, mit so einer umzugehen. Und….. du könntest dir jetzt auch ohne weiteres deinen Puschel wegrasieren, den brauchst du nicht mehr!“ Mit diesen Worten drehte Nikolaus sich um zur Tür, und als er sie hinter sich schloss, hörte man ihn so laut lachen, dass es durch das ganze Dorf schallte.

Und so kam es, dass mit Ruprecht der Frieden in den Wald einzog und ein kleiner, glücklicher Hase seiner Familie am Heiligen Abend eine Nikolausgeschichte erzählen konnte.

Von unserer Leserin Miriam R. …

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Ein Gedanke zu „Die Weihnachtsgeschichte 2014

  1. Daniela Appel - Wieland

    Eine ganz zauberhafte und herzerwärmende Weihnachtsgeschichte – zeitlos und doch mit vielen frischen Elementen !

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