Wohltätigkeit schon vor 300 Jahren

Zur Arbeit der Wasserburger Reichalmosen-Stiftung - Archivalie des Monats

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Die Weihnachtszeit wird in unseren Tagen gern von wohltätigen Organisationen genutzt, um für ihre Zwecke zu werben. Dass die Sorge für die Schwächsten um diese Zeit in der Gesellschaft schon vor 300 Jahren besonders ausgeprägt war, zeigt ein Blick in das Rechnungsbuch der Reichalmosen-Stiftung von 1700. Die Stiftung kümmerte sich bereits seit mindestens 1529 um die ärmsten der etwa 1000 Bewohner Wasserburgs, die sich ihren Lebensunterhalt erbetteln mussten. Die Hauptaufgabe der Stiftung war es, sie mit wöchentlichen Geldzahlungen zu unterstützen.

Wer in den Genuss der Unterstützung kam, wurde vom Rat der Stadt bestimmt, der auch die Höhe der wöchentlichen Zahlungen nach individuellem Bedarf festlegte. Gelegentlich zahlte die Stiftung Bedürftigen auch Behandlungskosten im Krankheitsfall oder vergab einmalige Unterstützungszahlungen an Arme, die nicht zu den regelmäßigen Empfängern gehörten.

Zur Finanzierung hatten sich im 16. und 17. Jahrhundert gleich mehrere regelmäßig fließende Quellen entwickelt: der Stiftung gehörende Opferstöcke, die monatlich gelehrt wurden, allsonntäglich eine Kollektensammlung in der Jakobskirche und ebenfalls wöchentlich Sammlungen bei den Bürgern in der Stadt.

Schließlich hatte die Stiftung Überschüsse früherer Jahre als Kredite vergeben – eine Bank gab es in Wasserburg noch nicht. Die jährlichen Zinsen trugen einen über die Jahrzehnte zunehmend größeren Teil zur Finanzierung bei. Dennoch blieb das Leben der Wasserburger Armen schwierig. Bettelei gehörte hier wie überall im vorindustriellen Europa zum Straßenbild.

Neben den beschriebenen regelmäßigen Einnahmequellen und Aufgaben gab es innerhalb der Stiftung eine besondere Einrichtung: in den Wirts- und Brauhäusern sowie vielen Bürgerhäusern der Stadt standen das ganze Jahr über Sammelbüchsen, die dem Reichen-Almosen gehörten.

Einmal im Jahr – vermutlich im Dezember – gingen die beiden Verwalter der Stiftung mit einem Schlosser, der dafür ein Deputat bezahlt kam, durch die Stadt, um die Büchsen zu öffnen und zu leeren. Das eingenommene Geld floss nicht in die Hauptkasse, sondern diente komplett einem Sonderzweck: in der Woche nach dem Thomastag, dem 21. Dezember, also der Weihnachtswoche, wurde es zusätzlich zur üblichen Summe unter den Bedürftigen verteilt, die die Stiftung unterstützte.

Archivalie des Monats: Rechnung der Reichalmosen-Stiftung aus dem Jahr 1700.  Einband, Rechts: Ausgabenrubrik Sonderalmosen vor Weihnachten (rechte Seite), Stadtarchiv Wasserburg, I2c1635.

Die Stiftungsrechnung von 1700 führt dazu in etwas trockener Verwaltungssprache aus, dass denen Armmen sich bei dieser Verwalthung befündlichen Persohnen, die in der Anzahl 36 gewesen, iedem 46 Kreuzer […] ausgetheilt worden. Diese dürren Worte verbergen, was dieses Almosen für die Betroffenen bedeutetet haben muss: das Weihnachtsfest als vermutlich einzige Zeit im Jahr finanziell sorgenfrei begehen zu können. Denn die in diesem Jahr zusammen gekommenen 46 Kreuzer pro Person machten ein Vielfaches der üblichen Unterstützungen aus, die in den meisten Fällen nur sechs oder acht Kreuzer betrug. Unter den 36 Personen waren übrigens 28 Frauen. Diese durften in der Ständegesellschaft nur wenige Berufe wie Hebamme, Köchin oder Magd ausüben. Sie hatten daher nur eingeschränkte Möglichkeiten, sich ihren eigenen Lebensunterhalt zu sichern, wenn sie keinen Ehemann hatten, der sie versorgte. Heiraten konnte jedoch in der Regel nur, wer genügend Vermögen mitbrachte, um Kinder ernähren zu können. Frauen mussten zumindest eine Aussteuer mitbringen. Die spärlichen Quellen darüber deuten darauf hin, dass fast alle bedürftigen Frauen entweder Witwen oder ledig waren.

In der Stiftungsrechnung heißt es an gleicher Stelle, dass die weihnachtliche Auszahlung so schon von unfürdencklichen Jahren her beschehen sei. Ein Abgleich mit früheren Rechnungen zeigt jedoch erstaunlicherweise, dass dies nicht der Fall gewesen ist (es sei denn, die Rechnungen wären systematisch gefälscht worden). Noch 1695 ist die ‚Weihnachtsgabe‘ nicht zu finden. Offensichtlich handelte es sich um eine Neuerung an der Wende zum 18. Jahrhundert, die in den Rechnungen ungewöhnlicher weise verschleiert wurde. Die Sammelbüchsen (Pixen) in den Bürgerhäusern haben dagegen tatsächlich eine sehr lange Tradition. Die ersten fünf davon wurden bereits 1533 auf Ratsbefehl aufgestellt und quartalsweise gelehrt. Ihr Ertrag floss jedoch zur allgemeinen Kasse. Schon 1581 war ihre Zahl auf 57 angewachsen, die nur noch im jährlichen Rhythmus geleert wurden, und das Rechnungsbuch von 1700 verzeichnet schließlich 90 Sammelbüchsen mit dem Namen des Hausbesitzers, die die Verwalter auszuleeren hatten.

Das Sonderalmosen zu Weihnachten hielt sich trotz schwieriger Zeiten. In den 1730-er und 1740-er Jahren geriet die Reichalmosenstiftung – wie auch die meisten anderen örtlichen wohltätigen Stiftungen – in finanzielle Schieflage, vor allem weil immer mehr Schuldner ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten. Wasserburgs wirtschaftliche Lage stagnierte im 18. Jahrhundert ohnehin, und in den 1730-er Jahren erhob der bayrische Staat hohe Sondersteuern, um die Armee zu unterhalten, was die Bürgerschaft offenbar hart traf. Der Rat der Stadt beschloss deshalb, die Einnahmen aus den Sammelbüchsen der Gesamtkasse zuzuschlagen und für die wöchentlichen Almosen mit zu verwenden. Dennoch blieb zumindest eine reduzierte Sonderauszahlung erhalten, wie die Rechnung von 1739 ausweist, laut der denen in Vorstehender Rubrik erster Wochen „specificierten Armen leithen auf die heyl. Weihnachts Zeit“ doppeltes Allmosen gereicht worden war.

Der Fund belegt, dass das Weihnachtsfest in Wasserburg zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine Ausnahmestellung im Jahreskalender einnahm, da die Stiftungsverwaltung selbst zur Neuschaffung eines Sonderalmosens schritt, ohne dass es einen besonderen Stifter brauchte. Das Sonderalmosen war anscheinend so wichtig, dass es auch unter widrigen Bedingungen im Rahmen der Möglichkeiten fortgeführt wurde.  Christoph Nonnast

 

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