Kochen, spülen, putzen, warten – und hoffen!

Studenten und Polizist aus Syrien in Not-WG im Container-Haus eins - Unser Besuch

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nader_4Seit etwas mehr als vier Wochen sind die Wohncontainer an der Krankenhausstraße in Bad Aibling bewohnt. Die Flüchtlinge, die bisher in den Turnhallen der Gymnasien Raubling und Bad Aibling leben mussten, haben sich hier so langsam eingerichtet. Die meisten sind jeweils in Vierer- oder Fünfer-Zimmern zusammen. So wie Nader (auf unserem Foto links) und seine Freunde – eine syrische Zwangs-Not-WG zu Fünft in ihrem Zimmer in Container-Haus eins. Wir waren zu Gast bei ihnen …

Sie haben sich ganz gut miteinander arrangiert. Die Aufgaben im Container haben sie klar verteilt – einkaufen, kochen, spülen, waschen, putzen. Auf die Genehmigung ihrer Asylanträge warten sie alle gemeinsam …

„Nein!” Nader will auf keinen Fall, dass ich beim Kochen helfe. „Das verbietet uns in Arabien die Gastfreundschaft.” Ein Gast, der zum ersten Mal auf Besuch ist, darf nichts tun. Also keine Kartoffeln schälen, sondern in der Küche daneben sitzen, zuschauen und reden.

Trotzdem hat Nader Hilfe. Abd AlHakem ist ebenfalls zum Kochen eingeteilt, und die Art und Weise wie er Gemüse schneidet, Salat macht und die Hühnerteile würzt, zeigt: Das macht er nicht zum ersten Mal! Stimmt: Abd AlHakem hat vor seiner Flucht aus Syrien in einem Restaurant gearbeitet. Damit wollte er sich sein Studium verdienen. Doch das musste er aufgeben, denn das Militär wollte ihn einziehen, er hätte im Bürgerkrieg kämpfen müssen. Also ergriff Abd AlHakem die Flucht, gemeinsam mit seinem Bruder Ahmed. Denn auf die eigenen Landsleute schießen, das wollte keiner der beiden.

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Auch Nader nicht. Der 21-jährige Informatik-Student aus Damaskus entzog sich ebenfalls der Armee. Sein Vater gab ihm Geld, damit er fliehen konnte. Erst einmal in die Türkei. Dort merkte er ziemlich schnell, dass er in dem Land so schnell keine Chance hat, sein Studium fortzusetzen.

Also auf nach Deutschland. Hier landete er über Lager in Düsseldorf und München schließlich in Bad Aibling. Für Nader ist das ein Segen. „Die Menschen sind sehr nett hier, sehr respektvoll”, sagt er.

Das Zimmer hier in Haus eins der Wohncontainer teilt sich Nader mit den beiden Brüdern Abd AlHakem und Ahmed, mit Ayad (20) und mit Alzour (25). Ayad war auch Student, als die Armee ihre Fühler nach ihm ausstreckte. Die Befehlshaber zerrissen seine Papiere und alle Studien-Nachweise, so als ob er nie zum Studieren angefangen hätte. Ayad blieb nichts anderes als die Flucht.

nader_3Alzour war bis zu seiner Flucht Polizist. Dann eroberte die IS seine Stadt, was für Alzour so etwas wie ein Todesurteil war. Er musste so schnell wie möglich fliehen.

So unterschiedlich die fünf Männer in der Not-WG auch sind, das gemeinsame Schicksal eint sie, ebenso wie die Hoffnung auf so etwas wie Zukunft.

Deshalb wollen Nader und seine vier Mitbewohner so schnell wie möglich deutsch lernen. Nächste Woche nach den Herbstferien geht es los. Ein paar Worte wie „Guten Tag”, „bitte” oder „danke” kommen ihnen schon ganz gut über die Lippen. Und noch viel mehr deutsche Worte können sie schon verstehen.

Wir sitzen inzwischen am Tisch in ihrem Gemeinschaftszimmer, wo noch ein kleines Tischchen angebaut wird und eine längere Essenstafel entsteht. Nein, auch beim Tisch-decken ist mir es nicht erlaubt, zu helfen. Schließlich bin ich ja Gast. Danish Raza schaut vorbei, ein junger Mann aus Pakistan, der ein paar Zimmer weiter wohnt. Er soll zum Essen bleiben, er hat sich mit den fünf Syrern hier angefreundet.

Man spürt und sieht es: Die Atmosphäre in Haus eins ist im Großen und Ganzen ganz gut. Man geht freundlich und sehr respektvoll miteinander um. Hier wohnen vor allem Syrer, Äthiopier und Pakistani. Wen man mag, den lädt man zum Essen ein, wen man nicht so mag, dem geht man eben aus dem Weg.

Nader erzählt vom Alltag im Container. „Wir sind an vielen Tagen in Rosenheim”, sagt er. „Dort beobachten wir die Menschen. Wie sie reden, miteinander umgehen und sich verhalten. Denn wir wollen dieses Land und seine Leute so schnell wie möglich verstehen lernen.”

Am liebsten natürlich als arbeitende Person. Doch das dauert wohl noch einige Zeit. Dass sie in Deutschland länger bleiben dürfen, ist ziemlich wahrscheinlich. Nahezu alle Syrer bekommen hier Asyl. Doch die Gerichte sind heillos überlastet mit den Anträgen, die sich auf ihren Bürotischen stapeln.

Also müssen die Syrer aus Haus eins noch warten. Und warten. Das zehrt an den Nerven, doch beklagen will sich niemand. Wichtig ist ihnen, dass sie jetzt in Frieden leben können. Alles andere wird sich richten.

Heute haben sie viel Geld ausgegeben für das Essen – und für den besonderen Besuch, wie sie sagen. Als das Essen fertig ist, stellt Abd AlHakem Fladenbrot, Reis, Gemüse, Kartoffeln, Salat und Geflügelteile auf den Tisch. „Entschuldigung, dass es nicht so viel Fleisch ist, aber wir müssen sparen”, sagt Nader. Es ist viel zu viel Fleisch. Die fünf Syrer essen am liebsten gemeinsam in ihrem Zimmer, obwohl es in der großen Gemeinschaftsküche genügend Platz und Esstische hätte. „Hier stören wir niemanden, hier stört auch uns niemand”, erklären sie. So bleibt auch der Frieden im Haus am besten gewahrt.

nader_5Nach dem Essen braucht es keine Worte. Ahmed, Ayad und Alzour räumen den Tisch ab und spülen das Geschirr in der Küche. Es ist ihr Job in der WG. Tisch abwischen und Zimmer putzen ist dann wieder Gemeinschaftsaufgabe. Das funktioniert perfekt – die Fünf sind ein eingespieltes Team. Jeder hilft mit, jeder bringt sich mit ein. Auch in der Waschküche sind die Syrer eine Einheit. Wer Wäsche waschen will, nimmt die Klamotten der Zimmerkollegen mit, die Kleidung wird stets zusammen gewaschen. So nutzt man die Waschmaschinen-Kapazitäten optimal aus.

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Es dauert nicht lange, da bringen die drei Spüler das saubere Geschirr wieder zurück ins Zimmer. Nader hat inzwischen Tee gekocht. Alle nippen schweigend am Tisch versammelt an ihren Tassen. Der Abend beginnt. „Was macht ihr jetzt noch?”, frage ich. Nader lächelt etwas verlegen. „Nun, Ausgehen können wir uns nicht leisten. Wir sitzen meistens hier zusammen und reden.” Über das Erlebte, über die Familie, über die Zukunft und über die Hoffnung, sich endlich in Frieden entfalten zu können. Und irgendwann vielleicht weiter studieren zu dürfen …

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