Einmalig: Ein Altar aus Glas in Attel

Erste offizielle Präsentation - Weihe durch Kardinal Marx

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Foto 2Attel – Die Kirche des ehemaligen Benediktinerklosters Attel – die heutige Pfarrkirche St. Michael – zählt zu den stattlichsten Bauten in der langen Reihe bedeutender Klosterkirchen am Inn. Jetzt hat sie einen in der ganzen Erzdiözese einmaligen Mittelpunkt: den ersten Altar aus Glas. Bei der feierlichen Weihe des neuen Volksaltars mit der erneuerten Anton Bayr-Orgel am kommenden Sonntag um 10 Uhr durch Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, wird ein wirkliches Feuer entzündet werden. Am Dienstagmittag fand die Enthüllung und erste Präsentation des Glas-Altars in der Kirche statt …

… im Beisein der jungen Künstlerin und Studentin Sina Wagner aus München, von der der Entwurf stammt, sowie im Beisein von Peter Reich, Kunstschmiede-Meister aus Schlosserberg bei Rettenbach, der mit viel Kompetenz und großer Erfahrung den Altar über die Mayer’sche Hofkunstanstalt fertigte. (Siehe auch unseren Kommentar unter ‚Des moanan mia‘ – Sehr mutig und schee …“)

Unser Foto oben zeigt von links bei der Präsentation heute: Dr. Alexander Heisig von der Abteilung Kunst im Erzbischöflichen Ordinariat, Bert Windhör, Projektleiter des Staatlichen Bauamtes, Orgelbaumeister Alois Linder aus Nußdorf, Dr. Norbert Jocher, Leiter der Abteilung Kunst des Erzbischöflichen Ordinariats, Pater Karl Wagner, Kunstschmied Peter Reich und Studentin Sina Wagner.

Foto 3Der neue Altar ist inspiriert vom Symbol des Wassers als Quelle des Lebens, aber auch von den Beschreibungen des himmlischen Jerusalem in der ‚Geheimen Offenbarung‘ des Johannes. Er ist als quaderförmiger, gläserner Körper gebildet, dessen Boden und Mensa aus gold glänzendem Tombak (Messinglegierung) bestehen, die durch fünf kreuzförmige Stützen als Sinnbild für die fünf Wundmale Jesu miteinander verbunden sind. Vergoldet wurden diese Stützen von der Restauratorin Doris Wolf aus Wasserburg.

Unter der mittleren, etwas größer dimensionierten Stütze („Herzwunde“) befindet sich das Reliquiengrab, in das mit der Altarweihe Reliquien der seligen Kaspar Stangassinger und Otto von Freising eingesetzt werden. Dafür wird am Sonntag das Feuer durch Weihrauch auf dem Altar entzündet.

Das metallene Gerüst des Altars wird allseitig von einem Mantel aus plastisch modelliertem Glas umschlossen. Die beachtliche Materialstärke und vor allem die Oberflächentextur mit von unten nach oben „züngelnden“ Strukturen suggerieren fließendes Wasser und verleihen dem Altarkörper kristallartigen Charakter. Gegenüber dem überaus bildhaften und symbolträchtigen Altar nehmen sich Ambo und Sedilien bewusst zurück.

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Orgelbaumeister Alois Linder aus Nußdorf (links) mit seinen Mitarbeitern Uli Skriwan (Mitte) und Michael Gartner, die die schönen Klänge der erneuerten Orgel vorstellten – nach einem Jahr intensivster  Arbeit daran und einer eigens dafür in der Kirche eingerichteten Werkstatt. Fotos: Renate Drax

Die liturgische Neuausstattung ist der letzte Baustein in der jüngsten Gesamtmaßnahme der Atteler Pfarrkirche. Er ist eingebettet in eine ebenfalls grundlegende Erneuerung der Beleuchtung und der Lautsprecheranlage und wird vervollständigt durch den Orgelneubau im historischen Prospekt des 18. Jahrhunderts (Alois Linder, Nussdorf). Die ehemalige Klosterkirche und heutige Pfarrkirche steht beispielhaft für das Miteinander von Tradition und Innovation als notwendige Voraussetzung, den pastoralen Anforderungen der Gegenwart gerecht zu werden.

Der großzügig dimensionierte Kirchenbau entstand in den Jahren 1713-15 und zeichnet sich durch eine reiche Stuckdekoration und eine ebenso qualitätvolle Altarausstattung aus dem 1. Viertel des 18. Jahrhunderts aus.

Foto 0Berühmtestes Bildwerk der Atteler Kirche ist die um 1760/70 entstandene „Immaculata“ von Ignaz Günther, eine kleinformatige Skulptur, die zu den herausragenden Bildwerken des süddeutschen Rokoko zählt und heute aus konservatorischen und sicherheitstechnischen Gründen im Diözesanmuseum Freising verwahrt wird. Nach vielen Jahrzehnten der Leerstelle im originalen Rokokoschrein konnte Ende 2012 ein neues Bildwerk der jungen Münchener Künstlerin Elke Härtel (* 1978), das sich in zeitgenössischer Weise mit Thema und Form der Güntherschen Figur auseinandersetzt, diesen kostbaren Platz einnehmen.

Dieser Akt bildete zugleich den Auftakt für die Feierlichkeiten zum 300. Jahrestag der Grundsteinlegung der Atteler Klosterkirche, die mit Altarweihe und Orgelweihe am Sonntag, 24. November, durch Reinhard Kardinal Marx nun ihren Höhepunkt erfahren. Wiederum ist es eine junge Münchener Künstlerin – Sina Wagner, 28 Jahre alt – die für die Neugestaltung der liturgischen Orte verantwortlich zeichnet.

Dr. Jocher: Nach Abschluss der aufwendigen baulichen Instandsetzung und Reinigung der Klosterkirche, die unter Leitung des Staatlichen Bauamts Rosenheim erfolgt war, wurde ab Herbst 2010 die Erneuerung der liturgischen Orte in Angriff genommen. Hierfür konnte die Bildhauerklasse von Prof. Hermann Pitz von der Akademie der Bildenden Künste München gewonnen werden. Zehn junge Studentinnen und Studenten widmeten sich in einem künstlerischen Ideenwettbewerb diesem Thema. Nach mehreren Diskussionsrunden und Überarbeitungsphasen sprachen sich die Gremien der Pfarrei und das Erzbischöfliche Ordinariat im Frühjahr 2012 einmütig für die Realisierung des Entwurfs von Sina Wagner aus.“

Eine Stellungnahme der Künstlerin

Foto 8Sina Wagner: „Ich hatte das Glück, mit den besten Werkstätten zusammenarbeiten zu dürfen und wurde in der Mayerschen Hofkunstanstalt und im Stahlwerk Reich sehr gut beraten. Die Ausführung wurde von diesen Werkstätten übernommen, wobei ich das Reliefnegativ aus Sand für die Glasoberflächen selbst bearbeitet habe. Die Floatglasscheiben wurden in einem Ofen so erhitzt, dass sich die Oberflächen in das von mir per Hand strukturierte und mit Trennmittel bestäubte Sandbett absenkten. Jedes Relief ist also ein Unikat und variiert je nach Stärke der Strukturierung, Verwendung von Trennmittel und Temperatur und Länge des Brandvorgangs. Die Metallkonstruktion, die technischen Details und eine Lösung, wie an Ende alles stimmig, stabil und logisch montiert werden konnte, habe ich zusammen mit Herrn Reich erarbeitet.

Foto 9Auch der Ambo, der „Tisch des Wortes“, und die Sedilien mit dem Priestersitz wurden im Stahlwerk in Pfaffing gefertigt. Der ebenfalls aus Tombak gearbeitete Ambo ist schlicht und doch präsent und erhält Bedeutung durch eine Steinstufe, indem diese den Priester in eine höhere, für die Gemeinde besser wahrnehmbare Position erhebt. „Ambo“ ist aus dem Altgriechischen abgeleitet und bedeutet so etwas wie „Gipfel“, „Stufe“ oder auch „erheben“. Die Sedilien sind aus Eichenholz und einer wertigen, mittig umlaufenden Strebe aus Tombak, welche beim Priestersitz massiver ausfällt, gemacht. Diese drei Orte der liturgischen Ausstattung staffeln sich im tiefen Altarraum und sind näher an die Gemeinde gerückt, so dass sie sowohl untereinander als auch im gesamten Raum ein stimmiges Bild ergeben und sinnvoll für die Liturgie genutzt werden können.

Diese Aufgabe war sehr lehrreich und interessant, und ich bin allen, die das Projekt ermöglicht und daran mitgewirkt haben, dankbar für diese Erfahrung.“

Über die erneuerte Orgel

Anton Bayr, einer der bedeutendsten Orgelbauer der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Bayern, erbaute die Attler Orgel 1769. Damals war diese Orgel eines der größten Instrumente in der Region. Leider ist von seinen zweimanualigen Instrumenten kein einziges mehr erhalten, lediglich einige Gehäuse und kleinere Orgeln (Weng/OÖ, Orgelmuseum Valley, Rosenheim Hl.Geist-Kirche) haben die Zeiten überdauert.

Die Attler Orgel wurde zunächst 1855 durch Max Maerz um einen Quintbaß 6´ erweitert. Nach mehreren Umbauten wurde die Orgel dann 1912/13 mit pneumatischer Traktur neu gebaut. Das ursprüngliche Orgelwerk wurde dabei zerstört, zum Glück blieben aber das Gehäuse und vier Register Metallpfeifen erhalten.

Foto 10Ziel des Orgelneubaues war es, ein Instrument im Sinne Anton Bayrs zu schaffen, das zwar die heute üblichen Tonumfänge aufweist, aber ganz in der Tradition der Orgeln Anton Bayrs erbaut ist. Es wurde also keine strenge Rekonstruktion erstellt, sondern ein Instrument im Geiste und in der Bauweise Anton Bayrs errichtet. Erhaltene Orgeln von Anton Bayr wurden studiert und genau untersucht, vor allem die Orgel in Marienberg bei Raitenhaslach gab Orgelbaumeister Linder wertvolle Anregungen.

Die neuen Klaviaturen und die Registerhebel wurden in die noch vorhandenen, originalen Ausschnitte im Gehäuse eingepasst. Veränderungen am Gehäuse wurden behutsam zurückgeführt. Beim Bau der Windladen, der Trakturen und der Pfeifen wurde dabei die Bauweise Anton Bayrs bis in kleinste Details (Klaviaturen, Windladen, Pulpeten, groß dimensionierte Wellenbäume, Registerhebel und Schwerter aus Eisen, Wellenbretter in Holzbauweise) nachgeahmt. Der Wind für die Pfeifen wird wieder über große Keilbälge bereitgestellt, durch eine ungleichstufige Temperierung wurde eine besonders charakteristische Klangfärbung erreicht.

 

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