„Danke für Ihre klugen Beiträge“

Riesenandrang gestern beim Infoabend zum Thema Asyl in Edling - Berührende Momente

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10Bis ins Freie standen gestern die Bürger in Edling, so voll besetzt war die Aula der Schule beim großen Infoabend zum Thema Asyl. Für viele gab es nur mehr Stehplätze und manche setzten sich kurzerhand auf den Boden. „Danke für diesen Abend“, sagte am Ende Dr. Manuel Diller vom Landratsamt, dem ja eigentlich als Hauptredner die Gemeinde für seinen Besuch sehr dankte. „Danke für Ihre klugen Beiträge“ aber sagte der Mann, der seit Monaten im Mittelpunkt der kompletten Koordination der Flüchtlingsfragen steht. Eine Stecknadel hätte man fallen hören können, als dieser Mann am Mikro sprach: Edlings Pfarrer Ibalayam Hippolyte (Foto unten) …

Fotos: Renate Drax

8Es war der berührendste Moment gestern am Abend – mit Blick auf die neu ankommenden Flüchtlinge in Edling: 19 wohnen privat in der Nußbaumstraße, ab dieser Woche zehn weitere Flüchtlinge privat in der Lärchenstraße und voraussichtlich ab Mitte Dezember – auf jeden Fall vor Weihnachten – kommen 48 Menschen, die bei Hochhaus neben der Firma Selecta in einem Container-Modul untergebracht werden (wir berichteten mehrmals).

Weil so viele Menschen sich so große Sorgen machen und so viele Ängste haben in der Begegnung, in der Erwartung des Fremden in der Gemeinde, meldete sich der Geistliche Ibalayam Hippolyte – selbst mit Migrationshintergrund, wie er sagte „leicht zu erkennen“ – zu Wort gegen Ende der Veranstaltung. „Bitte vergessen Sie nicht, Angst haben auch die Menschen, die hierher zu uns kommen. Sie wissen nicht, wie werden wir hier aufgenommen.“

Deshalb sei sein größter Wunsch, offen auf die neuen Mitbürger zuzugehen. Es gehe um die Toleranz. Das sei für alle eine Herausforderung. Aber Toleranz beginne in den eigenen Familien. Daheim, in den Schulen. Starker Applaus begleiteten die Worte des Edlinger Pfarrers.

4Fragen hatten die Bürger viele, sehr sachlich verlief dabei die Diskussion in der Edlinger Aula. Auch und vor allem Bürgermeister Matthias Schnetzer war sehr froh darüber. Durch seinen Appell an eine offene Gemeinschaft, an eine die zusammen hält, könne Edling alles, was auf es zukomme, bewältigen. Es gehe mehr denn je um die Gemeinschaft. Froh ist er, dass er in Facharzt Dr. Stefan Schweitzer (unser Foto rechts) einen großartigen Sprecher und Koordinator des Helferkreises Asyl in Edling gefunden habe. Dieser berichtete am Rednerpult vom derzeitigen Stand der Planungen, bei denen 35 Bürger bereits mit anpacken oder anpacken wollen. Viel habe man sich vorgenommen, so unter anderem auch einen wöchentlichen, offenen Treff zum gegenseitigen Kennenlernen.

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Der Haupt-Koordinator im Landkreis, bei dem alle Fäden seit Monaten zusammenlaufen: Dr. Manuel Diller, der vor allem eines ausstrahlt – Kompetenz. Und beruhigende Ruhe.

Am Abend gestern lagen zudem noch Listen aus, um sich für engagierte Hilfe eintragen zu können. Im Großen und Ganzen gehe es um sechs Arbeitsgruppen, die sich für die bis zum Jahresende in Edling lebenden 80 neuen Mitbürger kümmern werden. Die eigenen sozial schwachen Menschen würden dabei nicht vergessen, sagte Dr. Schweitzer. Er und das ganze Team seien dankbar für jede helfende Hand!

Welche Routen nehmen die Flüchtlinge, was sind das für Menschen, die da kommen, welchen Gesundheitsstatus haben sie, welche Traumatas, welche Wünsche und Träume, wie überhaupt sind die genauen Abläufe für den Landkreis – und vor allem: Wie geht er, der Weg? Nach den Ausführungen von Dr. Manuel Diller vom Landratsamt (wir berichteten bereits mehrmals bei anderen Infoabenden der Gemeinden) über die aktuelle Lage in der ganzen Region, sprach auch …

3… Lothar Thaler als Ehrenamtskoordinator des Landkreises (Foto rechts). Er bot dem Helferkreis gerne seine Unterstützung an. Mit dem kleinen Tipp: „Fragen Sie sich einfach, was kann ich tun, ich ganz persönlich?“ Sehr habe ihm ein Slogan einer Rosenheimer Schule gefallen: Vielfalt statt Einfalt. In diesem Sinne appellierte auch er an die Gemeinschaft in Edling!

Matthias Schnetzer (Foto unten mitten in der Bürgerschaft stehend) griff die Redewendung von Dr. Diller auf, dass der Landkreis schon mit dem Rücken in der Wand stehe – und man wisse nicht, wann diese Wand breche.

Doch für jede Gemeinde gehe es jetzt nur um Fakten, man könne das nicht oft genug betonen. Die Menschen sind da und kommen zu uns!“ so Schnetzer. Das sei die Realität. Nichts anderes, absolut nichts anderes. Und eines sei auch ganz sicher: Es werde nicht an einem 31. Dezember 2015 aufhören – es gehe weiter im nächsten Jahr. Man könne noch gar nicht abschätzen, vor welchen Herausforderungen wir alle noch stehen …

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Aber eines dürften die Bürger bei aller Politik-Verdrossenheit nicht vergessen: Es sei keine Entwicklung im Land, die sich langsam gesteigert habe, auf die man hätte tatsächlich in diesem Extrem-Ausmaß vorbereitet sein können – es sei eine geradezu ’schockartige Entwicklung‘ auf Deutschland zu gekommen. Und würde es in Europa so viel Solidarität geben, wie es ein Landkreis mit 46 Gemeinden vormache, würden alle europäischen Länder eine gerechte Verteilung akzeptieren, da wäre schon sehr vielen Menschen geholfen. Aber in den Augen Schnetzers ist es beschämend, was da zur Zeit zum Teil in Europa geschehe – wenn man die Bilder in den Medien sehe.

5Auf eine Wortmeldung der Bürger, wie die Situation um gemeindliche Turnhallen als Notunterkunft aussehe, und dass doch die Edlinger Halle für die Edlinger Kinder neu gebaut worden wäre, entgegnete Dr. Diller, dass man natürlich nicht einfach vom Landkreis aus gemeindliche Turnhallen beschlagnahmen werde. Aber die landkreiseigenen würden nun zum Ende des Jahres ausgehen – alle belegt sein als Notunterkünfte – bis auf das Gymnasium in Wasserburg. Aber um eine Obdachlosigkeit der Menschen im Winter zu verhindern, wenn so ein Fall eintreten sollte, was niemand zum jetzigen Zeitpunkt wisse, dann müsse doch der Landkreis irgendwie reagieren. An anderen Info-Abenden hatte Dr. Diller hier Traglufthallen zur Sprache gebracht (wir berichteten), an die der Landkreis derzeit denke – in Edling sprach er das Thema nicht an gestern.

So manche Eltern unter den Besuchern in der Edlinger Aula redeten sehr offen über ihre Ängste – vor allem um ihre Töchter. Schließlich würden ja doch in erster Linie sehr viele junge Männer ‚im besten Alter‘ ins Land kommen – und vielleicht auch nach Edling. So forderte ein Anwohner der zum Container-Modul unmittelbaren Nachbar-Wohnsiedlung Hochhaus, man möge doch bitte eine bessere Beleuchtung an der Straße installieren, man würde die Kinder auf ihren Wegen zum Schulbus sicherer fühlen. Dr. Diller vom Landratsamt sah diese Idee sehr positiv und sagte, ein Container-Modul koste den Landkreis so viel Geld, da komme es wohl nicht auf eine Lampe drauf an. Man werde sich kümmern.

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Sie sprach als Lehrerin aus Erfahrung, dass Kinder eher sehr unkompliziert mit dem Fremden umgehen würden …

Grundsätzlich appellierte ein Bürger daran, die Sorgen doch bitte zu verstehen. So Aussagen wie ‚das kann ich nicht nachvollziehen, was Sie für Ängste haben‘ könne er wiederum gar nicht verstehen. Schließlich werde ja von den Bürgern auch erwartet, dass sie sich in die neuen Situationen und in die neuen Mitbürger hinein versetzen gedanklich.

Die Fragen zur Kriminalität der Flüchtlinge im Land schloss Dr. Diller mit der Bemerkung: Derzeit sei es so, dass die Molotowcocktails in die Container hinein geworfen würden – und nicht heraus!

Wie es denn in Zukunft mit den Schulbussen ausschaue, die ohnehin schon völlig überfüllt seien – wenn dann auch noch viele neue Kinder kommen würden? So die Frage eines weiteren Edlingers. Dr. Diller konnte da beruhigen, Edling werde nicht wirklich viele Kinder zugeteilt bekommen. Denn prozentual mache es nicht so viel aus und ein paar Kinder, das werden die Schule, jeder Kindergarten und auch ein Bus bestimmt verkraften. Ganz grundsätzlich gingen ja die Schülerzahlen im Landkreis eher nach unten überall …

9Während draußen die Polizei vor Ort war gestern in Edling, kam am Ende noch die Frage auf, wie der Bürgermeister in Edling nun mit dieser sogenannten ‚Bürgerwehr‘ (wir berichteten) umgehen werde? Schnetzer sagte, er möchte dieser Gruppierung keine Plattform geben, weil sie anonym agiere. Deshalb habe er das Thema auch nicht angesprochen. Es sei halt traurig, dass der oder die, die dahinterstecken, sich nicht öffentlich zu erkennen geben, nicht sagen, was sie genau wollen von ihm, von Edling – und sich einfach nicht outen.

Besonders schön war daraufhin, dass sich der Mann, der nun aktuell in der Lärchenstraße in Edling Wohnraum für zehn Menschen zur Verfügung gestellt hat, sich vor alle anwesenden Bürger vorne hinstellte, und sich persönlich vorstellte – seine Überlegungen, seine Wünsche und Hoffnungen äußerte. Ein weiterer sehr berührender Moment der Veranstaltung.

Zum Abschluss gab Dr. Diller noch das den Edllingern mit auf den Heimweg: In Frasdorf, einer Landkreis-Gemeinde direkt an der lauten Autobahn, habe ein Flüchtling zu ihm gesagt, ‚es ist so schön ruhig hier!‘ Auf die Frage, warum er das sage, wo doch Tausende von Autos so laut seien – da meinte der junge Mann, es ist ruhig, weil nachts nicht geschossen wird …

Renate Drax

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