„Sehet, das ist Ödipus!“

„Sehet, das ist Ödipus!“

„König Ödipus“ ist eigentlich das Musterbeispiel der klassischen Tragödie. Es gibt ein Orakel aus Delphi, das Furchtbares weissagt. König Laios von Theben werde einen Sohn von seiner Frau Iokaste bekommen und dieser Sohn werde ihn, den König, töten und dann seine Frau heiraten. Also tut Laios alles, damit sich das Orakel nicht bewahrheiten wird. Er sorgt dafür, dass der Sohn im Gebirge, weit entfernt von Theben, ausgesetzt wird. Doch durch einen Zufall wächst Ödipus in Korinth auf und wird von dortigen Königspaar adoptiert. Am Theater Wasserburg hatte die Tragödie jetzt Premiere.

Als Ödipus erwachsen wird, erfährt er, dass er nicht der Sohn seiner Stiefeltern sei und befragt seinerseits das Orakel in Delphi. Es prophezeit ihm das Gleiche, was es bereits König Laios offenbarte. Und nun versucht Ödipus seinerseits dem Schicksal zu entgehen und flieht vor seinen Stiefeltern. Er will nach Theben und trifft an einer Wegkreuzung, ohne es zu wissen, auf seinen Vater Laios, es kommt zum Streit und Ödipus tötet ihn. 

Anschließend zieht Ödipus nach Theben ein, wo große Trauer herrscht, weil der König tot ist. Und Ödipus verliebt sich in Iokaste, ohne zu ahnen, dass es sich um seine Mutter handelt. Das Bemühen, das Orakel zu vermeiden, scheitert auf tragische Weise und führt zu seiner Erfüllung.

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Annett Segerer hat in ihrer Inszenierung dieses Stückes zweierlei getan. Zum einen hat sie die originalen Dialoge teilweise belassen. Sie hat auch die Darstellerin des Chores (Rosalie Schlagheck) in ein Gewand der griechischen Antike gesteckt. Das weiße Gewand soll auch gleichzeititg die Unschuld symbolisieren, die man der Stimme des Volkes zuweisen möchte.

Doch schon vom Anbeginn des Spiels erweist sich das weiße Gewand als Tücke. Denn Rosalie Schlagheck verschmiert ihr Gewand blutig, sodass sie selbst aus dem Mund blutet und ihr Gewand zahlreiche Blutflecken aufweist. Die Symbolik von Schuld und Unschuld wird hier manifest.

Lea Luisa Schönhuber spielt höchst eindrucksvoll den Seher Teiresias. Er weiß wesentlich mehr als alle anderen und das wird im Theater Wasserburg durch die Bedienung eines Computers dokumentiert. Moderne Datenverarbeitung übernimmt die Aufgabe des „Sehers“, eine gelungene Kritik am in der Moderne immer wieder auftretenden Glauben an die elektronischen Medien.

Carsten Klemm gefällt in der Rolle des Kreon, jenes ruhigen Bürokraten, der Ödipus einst beerben möchte. Iokaste, wunderbar dargestellt von Susan Hecker, und der brillant spielende Hilmar Henjes als Ödipus komplettieren das Ensemble. Beide Darsteller stecken in hautengen glänzenden Latex-Kostümen, die den Eindruck von Laszivität und Begattungshunger dokumentieren und verstärken sollen.

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Der doppelte Charakter des Ödipus wird an diesem Abend erfolgreich auf die Bühne gebracht. Einerseits will er heroisch wirken, andererseits ist er hochgradig einfältig und einfach machthungrig. Verhaltensweisen, wie wir sie aus den Medien von Abgeordneten und Regierungsmitgliedern immer wieder erleben dürfen, werden herausgearbeitet. So fängt Ödipus immer dann zu lächeln an, wenn er ins Publikum schaut. Das hochmoderne Bühnenbild verstärkt den Wunsch, diese Tragödie in die Moderne zu transportieren, wo sie den Charakter der Tragödie auch ein Stück weit verliert, weil sie zur Farce verkommt. Das Bühnenbild ist zwar modern gestaltet, hinterlässt aber auch auch immer wieder den Eindruck, als ob die Darsteller Gefangene seien.

Als dem Publikum der doppelte Charakter von Ödipus deutlich wird, ertönt aus dem Hintergrund Barry McGuires „Eve of destruction“. 

In dem Moment, wo Ödipus als heroischer Herrscher bezeichnet wird, verschluckt sich Rosalie Schlagheck in der Rolle des Chores ganz furchtbar. Sie soll die kontrollierende Öffentlichkeit darstellen, doch sie verschluckt sich an den Abfällen, die die Herrschenden dem Volk überlassen und die sie ganz schrecklich aus dem Mund bluten lassen und ihr weißes Gewand blutig verschmieren. 

Ödipus möchte unbedingt die Umstände seiner Herkunft erfahren. Und der, über den man sagt, er lasse sein Volk „über die Klinge“ springen, wird zunehmend schwermütiger, je mehr er davon erfährt. Susan Hecker in der Rolle der Iokaste bringt es auf den Punkt: „Wenn Dir Dein Leben lieb ist, forsche nicht nach den Spuren….“. Und Ödipus entgegnet: „Wehe, wehe, alles kam zu Tage!“  Die Suche nach Erkenntnis kann eben auch tragische Ergebnisse zutage fördern. 

Der nach Gewinn strebende ehrgeizige Ödipus, der förmlich „über Leichen“ geht, wird damit letztlich Opfer seines eigenen Übermuts. Hilmar Henjes spielt den Ödipus in höchst brillanter Weise. Man nimmt ihm diesen Charakter förmlich ab. Gemeinsam mit Susan Hecker als Iokaste, Carsten Klemm als Kreon, Rosalie Schlagheck als „Chor“ und Lea Luisa Schönhuber als Teiresias ist es unter der Regie von Annett Segerer in herausragender Weise gelungen, diesen schwierigen Stoff auf die Wasserburger Bühne im Jahre 2026 zu bringen. An Aktualität hat diese Thematik nichts eingebüßt und das zu zeigen, ist dem Wasserburger Theater eindrucksvoll gelungen.

Am heutigen Sonntag, um 18.15 Uhr gibt es die bekannten „Vorreden“ im Theatersaal an der Salzburger Straße.

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Ödipus selbst wird noch am Sonntag, 18. Oktober (19 Uhr), am Samstag, 14. November (20 Uhr), am Sonntag, 15. November (19 Uhr), am Donnerstag, 17. Dezember (20 Uhr), am Freitag, 18. Dezember (20 Uhr), am Donnerstag, 28. Januar 2027 (20 Uhr), am Freitag, 29. Januar 2027 (20 Uhr), am Mittwoch, 17. Februar 2027 (20 Uhr) und schließlich am Sonntag, 28. Februar 2027 (19 Uhr) im Theater Wasserburg aufgeführt.

Karten gibt es bei der Touristinfo im Rathaus Wasserburg, beim Versandprofi Gartner in Wasserburg, Bei Foto-Flamm in Haag, im TicketZentrum Rosenheim, allen Vorverkaufsstellen von Inn-Salzach-Ticket und an der Abendkasse, die eine Stunde vor Aufführungsbegrinn öffnet. Die Theaterbar des Theaters Wasserburg öffnet immer zwei Stunden vor Aufführungsbeginn. 

Fotos: Christian Flamm

Wasserburger Stimme - Die Online-Zeitung nur für die Stadt und den Altlandkreis Wasserburg — https://www.wasserburger-stimme.de/2026/10/18/sehet-das-ist-oedipus/

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