Wasserburger SPD feiert 80 Jahre Wiedergründung und ehrt Michael Kölbl

Am 6. Januar 1946 war es soweit: Die Wasserburger Sozialdemokraten gründeten ihren Ortsverein wieder nach fast 13 Jahren nationalsozialistischer Diktatur, Gleichschaltung und Verfolgung, nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und in einem weitgehend zerstörten, nunmehr von den Alliierten besetzten Deutschland. Zu diesem ganz besonderen Anlass kamen am am vergangenen Samstag Mitglieder und Freunde der Wasserburger Sozialdemokratie zusammen, um zurückzublicken, vor allem aber, um gemeinsam zu feiern.

Für ein wunderbares Ambiente sorgte die Theaterbar des „Theater Wasserburg“ mit ihrer aufmerksamen Crew und „Trio Mio“, das den lauschigen Sommerabend musikalisch untermalte. Moderiert wurde der Abend von den Vorsitzenden des Ortsvereins, Friederike Kayser-Büker und Wolfgang Janeczka, Grußworte sprachen Elisabeth Jordan, SPD-Fraktionsvorsitzende im Rosenheim und Markus Rinderspacher, der Vizepräsident des Bayerischen Landtags.

Markus Rinderspacher stellte prägende Vertreter der bayerischen Sozialdemokratie in den Mittelpunkt, Kurt Eisner als Unabhängigen Sozialdemokraten und ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern, unerschrockene Widerständige gegen die NS-Diktatur wie Michael Poeschke in Erlangen und Wilhelm Hoegner, den Vater der Bayerischen Verfassung und späteren Bayerischen Ministerpräsidenten. Er erinnerte an Willy Brandt als ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler, an „Mehr Demokratie wagen!“ und „Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein, im Inneren wie im Äußeren“, als eine Million Menschen neue Mitglieder der SPD wurden.

Er bedankte sich ganz persönlich bei Michael Kölbl, der die soziale Demokratie als Mann des Handschlags und des Miteinanders, mit höchster Kompetenz und großer Verlässlichkeit repräsentiert habe. Markus Rinderspacher bezog sich in seinen Schlussworten auf „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ als dem Motto bereits des Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbands und dem zentralen Maßstab für die deutsche und bayerische Sozialdemokratie auch für die nächsten Jahrzehnte.

Elisabeth Jordan, die als gebürtige Wasserburgerin prädestiniert war, im Namen der Rosenheimer Genossen und in Vertretung von Abuzar Erdogan, dem neugewählten Oberbürgermeister, herzliche Glückwünsche und den Dank an die mutigen Frauen und Männer im Jahr 1946 auszusprechen, erinnerte in ihrem Grußwort an die Mitmachbewegung der Sozialdemokratie, an die zentralen Prinzipien von Solidarität und sozialer Gerechtigkeit. Ihren Namen musste die SPD nach dem Zweiten Weltkrieg, anders als die konkurrierenden Parteien, nicht ändern. Die Brandmauer gegen Rechtsaußen müsse der Kompass auf allen Ebenen bleiben wie die historischen Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Eindeutig im Mittelpunkt des Abends stand das Referat von Robert Obermayr zur Geschichte der Wasserburger Sozialdemokratie vor und nach dem Januar 1946 mit vielen spannenden Details, die auch geschichtlich interessierten Genossen nicht in Gänze bekannt waren. Begonnen hatte alles am 11. Juni 1893, als sich ein sozialdemokratisches Wahlkomitee vor dem Gasthaus am Kellerberg versammelt hatte. Im Jahr 1918 wurden die Mehrheits-Sozialdemokraten die stärkste Partei in Wasserburg. Nach der Machtübernahme seitens der NSdAP und dem Verbot der SPD wurden auch in Wasserburg die verbliebenen Stadträte von den Sitzungen ausgeschlossen, der Ortverein erlosch. Robert Obermayr erinnerte an die Freiheitsaktion unter Führung von Josef Estermann im April 1945 als deutlichstes Zeichen des Widerstands, mindestens symbolhaft die Besetzung der NS-Machtzentrums im damaligen „Kreishaus“ in der Hofstatt.

Nach Befreiung der Stadt durch die US-Truppen wurden politische Parteien seitens der Besatzungsmacht vorläufig nicht zugelassen, im Mittelpunkt stand die Entnazifizierung und die Einsetzung unbelasteter Führungskräfte in den örtlichen Verwaltungen. So wurde Josef Estermann als Mann der KPD (zum Bruch mit den Kommunisten kam es im Dezember 1945) erst als Bürgermeister und später als Landrat eingesetzt. Im neu eingesetzten Wasserburger Stadtrat saßen damals fünf Sozialdemokraten, fünf Konservative und zwei Kommunisten. Im Januar 1946 beantragten 25 Personen (davon 24 aus der Stadt Wasserburg) den SPD-Ortsverein wiederzugründen, seitens der US-Behörden erfolgte die Zulassung „auf Bewährung“. In der folgenden Stadtratswahl 1946 errang die Sozialdemokratie vier Sitze. Von ursprünglich 33 wuchs die Mitgliedschaft im Landkreis Wasserburg bereits im Jahr 1947 auf 500 an, was auch in der bewussten Ansprache der vielen Heimatvertriebenen in Wasserburg begründet war. 1948 wurde der Sozialdemokrat Gabriel Neumeier zum Ersten Bürgermeister gewählt, es folgten Wahlsiege 1952, 1956, 1960 und 1966 und eine Epoche des Einsatzes für genossenschaftlichen Wohnungsbau, mit engagierter Förderung des örtlichen Gewerbes und Ausbau und Gründung von Schulen und Kindergärten. Schließlich wurde Michael Kölbl im Jahr 2002 zum Ersten Bürgermeister gewählt. Sein Referat beendete Robert Obermayr an dieser Stelle angesichts der Vielzahl an Zeitzeugen und wünschte dem Ortsverein ein herzliches Glückauf für die nächsten 80 Jahre.

Der feierliche Rahmen bot dem SPD-Ortsverein die Gelegenheit, Michael Kölbl für seinen unermüdlichen Einsatz für seine Heimatstadt, 42 Jahre im Dienst der Stadt Wasserburg als Stadtrat, Fraktionsvorsitzender und schließlich 24 Jahre als Erster Bürgermeister herzlich Danke zu sagen. Ein Bürgermeister zum Ansprechen, mit umfassendem, stetigem Engagement für das lebendige Miteinander in der Stadt und für die Daseinsfürsorge. Wolfgang Janeczka erinnerte an die Vielzahl der angestoßenen Projekte, von Wohnungsbau bis zum Bahnübergang Reitmehring, vom Ausbau der Kinderbetreuung bis zur Verlegung des Wertstoffhofs. Michael Kölbl habe Brücken gebaut in unruhigen Zeiten und Wasserburg geprägt, er habe ganz persönlich immer für gemeinsame Lösungen, Verlässlichkeit, Bodenständigkeit und Gelassenheit auch in hitzigen Zeiten gestanden.

Für die ehrenden Worte und die Würdigung seines Lebenswerks bedankte sich Michael Kölbl sichtlich bewegt. Er dankte allen Wegbegleitern, denn ohne das Team, ohne die Stadtratsfraktion, ohne die Unterstützung der Mitarbeitenden der Stadtverwaltung hätte nichts erreicht werden können. Aus der Gripsenau stammend, mit einer Wasserburgerin verheiratet, in der Stadt tief verwurzelt und „mit einem Horizont bis zur Innleiten“ sei ihm wichtig gewesen, gemeinsam tragfähige Lösungen zu erarbeiten und Wasserburg weiterzuentwickeln. Er sei stolz auf Wasserburg, stolz auf seine Menschen aus fast 100 Nationen, die friedlich zusammenleben, niemand dürfe dabei zurückgelassen werden: Aus den ihn prägenden Grundüberzeugungen entwickelte Michael Kölbl abschließend die Perspektive einer SPD, die den zentralen Auftrag habe, die Gesellschaft zu einen und jeden mitzunehmen – das sei die Geschichte, die die Sozialdemokratie erzählen und vorleben müsse.

WU

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