Viele Rätsel im Schein der Herbstsonne

Museum Wasserburg: Experten zu Rate gezogen - Auch Stadtarchivar Haupt half weiter

image_pdfimage_print

Boidl druckVor ein paar Wochen bekam das Museum Wasserburg ein neues Gemälde aus Privatbesitz von Michael Eß geschenkt (wir berichteten). Nur wer ist der Maler dieses schönen Motivs? Es zeigt die Stadt Wasserburg von der schönen Aussicht aus. Die wasserdichte Zuordnung des Gemäldes zu einem der zahlreichen lokalen und regionalen Künstler gestaltete sich diesmal etwas schwieriger, so dass gleich mehrere Experten mit ihrem jeweiligen Fachwissen zu Rate gezogen wurden …

Das rahmende Laub im Vordergrund ist schon verfärbt. Die Stadt liegt von der schwächer werdenden Herbstsonne beschienen zwischen dem ruhigen, spiegelndem Wasser des Inns. Die Hügel im Hintergrund zeichnen sich nur vage ab. Erste Nebelschwaden steigen aus ihnen herauf. Die Darstellung der Stadt ist durch den Einsatz der Spachtel als Malwerkzeug auf ihre Grundflächen und wenige Farben reduziert. Nur die rote Brücke und die Turmspitze von St. Jakob bilden einen eigenen Akzent. Die Umgebung hingegen wurde mit dem Pinsel gemalt und erhielt so ihren weichen Charakter, der die Stadt sanft einzubetten scheint.

Die Signatur am unteren rechten Bildrand ist nahezu unleserlich. Eine erste Zuordnung war nur über einen Vergleich der Motive möglich. 1980 wurde durch den AK 68 die Sonderausstellung „Wasserburger Ansichten aus vier Jahrhunderten“ realisiert, zu der auch ein gleichnamiger Katalog erschien. Hier ist ein Bild von Boidl Wagenstetter mit dem Titel „Blick vom Kellerberg über Wasserburg“ aus dem Jahr 1944 abgebildet, das mit dem vorliegenden Gemälde nahezu identisch ist.

Signatur Boidl Wagenstetter

Lediglich leichte Variationen in den Maßen, bei dem das Motiv rahmenden Laubs und Details bei den als Akzente gestalteten Fenstern der Häuser weisen darauf hin, dass es sich nicht um dasselbe Bild handeln kann. Die Signatur des Künstlers befindet sich zudem im unteren linken Bildrand und weist leichte Differenzen zur Signatur des vorliegen Werks auf. Sie ist außerdem im Nachdruck nur wenige Millimeter groß, was einen Vergleich erschwert.

Um zu klären, ob die vorliegende schwerleserliche Signatur (siehe Foto) überhaupt die Worte Boidl Wagenstetter bilden können, wurde Stadtarchivar Matthias Haupt als Experte für alte Schriften und Unterschriften befragt. Er konnte dem ersten Signaturteil die letzten Buchstaben „dl“ entnehmen und dem folgenden die Buchstaben „W“ „st“ „e“ „t“ und „er“ als Kürzungszeichen, was die Signatur Wagenstetter zuordnen würde.

Darüber hinaus interpretierte er die Datierung als „1983 5“, als die fünfte Ausführung eines Gemäldes aus dem Jahr 1983, alternativ könnte aber auch die Jahreszahl „1953“ gelesen werden, was nach dem Schriftbild zu urteilen weniger wahrscheinlich wäre. Die Datierung auf das Jahr 1983 würde die leichte Differenzen in der Signatur nach 40 Jahren und das mehrfache Vorhandensein des Motivs erklären.

Um für diese These sicher zu gehen, sollten weitere Originale des Künstlers gesichtet werden. Da in der städtischen Sammlung bisher kein Werk des Künstlers vorlag, wurde die Sammlung Joa herangezogen, in der sich bisher drei grafische Werke des Künstlers, darunter ein signiertes, befinden. Die von Bernd Joa untersuchte Signatur ist aber letztlich vollkommen in Druckbuchstaben abgefasst, und kann daher nicht zum Vergleich dienen. Sie bestätigt aber die breite Varianz in der Signatur des Künstlers.

Gabriele Schmid, die Schwiegertochter und Nachlassbetreuerin des Künstlers, konnte bei einer in Augenscheinnahme des Gemäldes bestätigen, dass es sich um die Signatur und die Malweise des Künstlers handelt. Allerdings ist sie sich sicher, dass das Bild weit vor 1983 entstanden sein muss, da Wagenstetter zu dieser Zeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage war, Spachtelarbeiten auszuführen und die Art der Signatur 1983 schon lange nicht mehr von ihm verwendet wurde. Dass jemand anderes in seinem Namen das Bild angefertigt hat oder ihm assistierte, schließt Gabriele Schmid, die den Künstler in seinem Atelier über Jahre erlebte, aus.  

Die Überbringerin des Gemäldes, Claudia Schosser, konnte in Erfahrung bringen, dass der Vorbesitzer Michael Eß bereits 1976 verstorben ist und das Gemälde nachweislich seit Ende der 1960er Jahre in seinem Wohnzimmer hing. Die sich daraus ergebende zeitliche Eingrenzung nutzte Frau Schmid wiederum, um die Nachlassinventare zu sichten, um eventuell in den Unterlagen des Künstlers auf Hinweise nach einem Entstehungsdatum zu suchen.

Eine Verzeichnung in den alten Preislisten gab es leider nicht. Ein Vergleich mit weiteren Signaturen konnte das Werk zunehmend auf einen Entstehungzeitraum Mitte des 20. Jahrhunderts eingrenzen. Das exakte Entstehungsjahr bleibt wohl vorerst ein Rätsel, da die Signatur streng genommen unleserlich ist.

Über den Künstler

Boidl (Balthasar) Wagenstetter (4. November 1919 – 19. Mai 1986) verbrachte sein Leben in Wasserburg. Nach einer Malerlehre bei Malermeister Johann Baptist Lueginger, die er hervorragend abschloss, führte er später einen eigenen Malerbetrieb. Schon als Jugendlicher künstlerisch begabt, war er Mitbegründer des AK 68 und später Organisator zahlreicher Ausstellungen, die ihn mit vielen auch bedeutenderen zeitgenössischen Künstlern in Kontakt brachte.

Wagenstetter, der über seine handwerkliche Ausbildung hinaus künstlerischer Autodidakt blieb, unternahm zahlreiche Studienreisen vor allem nach Italien und Frankreich und bildete sich zeit seines Lebens in den verschiedenen Maltechniken fort. Gegen Ende seines Lebens widmete er sich fast ausschließlich der Kunst. Sein Werk umfasst vor allem Landschaften, Stadtansichten und Akte und wurde unter anderem in Wasserburg, im Haus der Kunst in München und in Augsburg ausgestellt.

Unser Foto oben: Boidl (Balthasar) Wagenstetter – Innfront von Wasserburg, Öl auf Faserplatte, Mitte 20. Jahrhundert.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Leitfaden für die Veröffentlichung von Kommentaren