Rollstuhlgerecht bedeutet nicht barrierefrei

Behindertenbeauftrage und Bürgermeister trafen sich im Landratsamt Rosenheim

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lkr_logo_223x236Die neue Fachstelle Inklusion im Rosenheimer Landratsamt und die Bedeutung von Barrierefreiheit bei der Umgestaltung einer Ortschaft standen im Mittelpunkt eines Treffens der Behindertenbeauftragten der Gemeinden und der Bürgermeister im großen Sitzungssaal des Rosenheimer Landratsamtes. Geladen hatten die beiden Behindertenbeauftragten des Landkreises Irene Oberst und Christiane Grotz.

Deren außerordentlich großes Engagement lobte Landrat Wolfgang Berthaler in seiner Begrüßung und schloss in seine Anerkennung auch die Behindertenbeauftragten in den Städten und Gemeinden mit ein. Der Landkreis Rosenheim erstellte als einer der ersten in Bayern einen Teilhabeplan für Menschen mit Behinderung. Den Behindertenbeauftragten kommt bei der Umsetzung eine besondere Bedeutung zu. Gleiches gilt für die neugeschaffene Fachstelle Inklusion. Der Landkreis Rosenheim setzt hier ein Zeichen, die Teilhabe von Menschen mit Behinderung voranzubringen, so der Landrat.

Eine Behindertentoilette, Schwellenfreiheit und ein Aufzug reichen für Barrierefreiheit nicht aus. Die Stadtplanerin Franziska Lomb vom Büro Schegk Landschaftsarchitekten in Haimhausen überschrieb ihren Vortrag mit dem Titel „All inclusive! Barrierefreiheit weiterdenken“. Schnell wurde deutlich, dass es nicht leicht ist, für alle Menschen zu planen. Es gibt kein richtig oder falsch, sagte Lomb, wir lernen jeden Tag dazu. Am Anfang ihrer Überlegungen stand die Erkenntnis, dass nicht jeder Mensch in ein vorgefertigtes Maß passt. Als Beispiel nannte sie den Neubau einer Sporthalle, in der die Duschen zu niedrig geplant wurden, weil nicht an die großen Basketballspieler gedacht wurde.

Franziska Lomb präsentierte Lösungsansätze am Beispiel von Marktoberdorf im Allgäu. Die Verantwortlichen dort wollen, dass alle selbstständig in der Stadt leben können. Es gibt ein großes Spektrum an Menschen mit Beeinträchtigungen, wobei Beeinträchtigung nicht automatisch Behinderung bedeutet. Lomb machte es am Beispiel einer schweren Brandschutztüre im Rathaus von Marktoberdorf deutlich. Weil es keinen automatischen Türöffner gibt, stellt sie ein Hindernis dar für Rollstuhl- und Rolatorfahrer, für Menschen mit Krücken oder einem Kinderwagen, aber auch für den Bürgermeister, der einen Stapel Akten dabei hat.

Um die Defizite in Marktoberdorf festzustellen, wurden die Bürgerinnen und Bürger, mit und ohne Behinderung, zu Rundgängen eingeladen und befragt. Franziska Lomb selbst machte sich als Fremde auf den Weg durch die Stadt und stellte in ihrem Vortrag fest, dass man ein Leitsystem für sehbehinderte Menschen so gestalten kann, dass es auch denjenigen hilft, die sich nicht auskennen. Die Komplexität des Themas ist noch nicht bei allen angekommen, sagte die Referentin. Für alle Menschen zu planen bedeutet, Inklusion im Hinterkopf zu haben.

Abschließend präsentierte Franziska Lomb anhand von Fotos krasse Fehlplanungen. Dazu gehörten eine Rollstuhlrampe, die wegen eines Pfostens zum Abstützen der Dachkonstruktion nicht passierbar war und ein Pkw-Parkplatz für Menschen mit Behinderung, der nicht benutzt werden kann, weil er rundherum mit Pflastersteinen „eingefriedet“ ist.

Seit dem 1. Januar gibt es im Landratsamt Rosenheim die Fachstelle Inklusion. Die Aufgabe, sie mit Leben zu erfüllen übernahm Jakob Brummer. Die Fachstelle ist im Teilhabeplan festgeschrieben, den der Rosenheimer Kreistag im Dezember 2013 verabschiedete. Ein großes und vorbildliches Werk, sagte Brummer. Er sieht in der Fachstelle einen Baustein auf dem Weg zum inklusiven Gemeinwesen, ein Ziel, das nur gemeinsam erreicht werden kann, so Brummer. Er kündigte an, dass die verschiedenen Arbeitskreise, die schon an der Entwicklung des Teilhabeplans mitwirkten, ihre Arbeit fortsetzen werden. Wichtig war ihm der Hinweis, dass nach wie vor alle interessierten Bürgerinnen und Bürger eingeladen sind, dort mitzuarbeiten. Zudem will Brummer die Behindertenbeauftragten vor Ort unterstützen.

Dieses Ziel verfolgen auch die beiden Behindertenbeauftragten des Landkreises. Irene Oberst und Christiane Grotz boten ihre Mitarbeit an, um bei der Einrichtung eines runden Tisches in den Gemeinden zu helfen, zu dem neben der örtlichen Behindertenbeauftragen auch die Seniorenbeauftragen und andere lokale Akteure eingeladen werden sollen. Um Arbeitgeber zu unterstützen, die überlegen einen Menschen mit Behinderung einzustellen, werden in diesem Jahr drei Fahrten zu Unternehmen angeboten, die bereits Menschen mit Behinderung beschäftigen. Neben Betriebsbesichtigungen wird es jeweils auch einen Erfahrungsaustausch geben.

Ihr Rückblick auf das vergangene Jahr zeigt, dass Oberst und Grotz versuchen, Nichtbehinderte für die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderung zu sensibilisieren. So wurde in Bruckmühl beispielsweise die Aktion „Behinderung Erfahren“ veranstaltet, bei der die Besucher mittels Rollstühlen, Blindenparcour und Alterssimulationsanzügen die alltäglichen Einschränkungen im Leben behinderter Menschen praktisch erfahren konnten. Zudem wurde in den Sommerferien wieder die inklusive zweiwöchige Kinderfreizeit „Spuiratz“ erfolgreich veranstaltet, bei der sich Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam zum Spielen und miteinander Spaß haben treffen.

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