„Online-Anbieter kauft keine Trikots“

Der Geschäftsführer der Kraftwerke Haag, Dr. Ulrich Schwarz, im Interview

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Um satte 30 Prozent ist der Strompreis in den letzten Jahren gestiegen. Ein Ende scheint nicht in Sicht. Warum die Kosten für den Strom steigen, warum der Strom in der Region Haag teurer ist als in Ballungszentren wie München, welchen Einfluss die Entscheidungen des amerikanischen Präsidenten Trump mit unserem Strompreis zu tun haben, und ob sich heute ein Anbieterwechsel überhaupt noch lohnt, dazu haben wir den Geschäftsführer der Kraftwerke Haag Dr. Ulrich Schwarz befragt.

Herr Dr. Schwarz, wo genau kommt eigentlich der Strom in der Region Haag her?

Rein physikalisch fließt der Strom auf dem kürzesten Weg immer dahin, wo er gerade gebraucht wird. Tagsüber beziehen zum Beispiel die Dorfener und Haager Bürger ihren Strom hauptsächlich aus regenerativen Energien wie Biogas- und Solaranlagen. Da sind wir hier in der Region gut aufgestellt. Scheint die Sonne nicht, greift das Stromnetz auf andere Stromerzeuger zurück, deren Strom aus den übergeordneten Stromnetzen zu uns transportiert wird. Es kann sich hierbei um regenerativen oder auch konventionell erzeugten Strom handeln. Dabei kann nicht mehr unterschieden werden zwischen Atomstrom aus Ohu/Landshut oder Biogasanlagen aus dem weiteren Umfeld.

 

Sie als Kraftwerke Haag „machen“ den Strom also gar nicht?

Da müssen wir trennen zwischen der physikalischen Erzeugung und der vertrieblichen Stromlieferung. Physikalisch erzeugen wir durchaus Strom über unser Wasserkraftwerk in Soyen. Den größten Anteil des Strombedarfs unserer Kunden beschaffen und liefern aber wir durch Käufe am Großhandelsmarkt für Strom.

 

Sie kaufen den Strom also ein? Wo?

Genau. Wir kaufen den Strom in Kooperation mit anderen kleinen und mittleren Stromversorgern, zum Beispiel von RWE oder E.ON, an der Börse ein. Da wir wissen, wie viele Kunden wir versorgen, können wir deren zu erwartenden Verbrauch gut schätzen. Diese Menge kaufen wir dann ein.

 

Und der Preis an den Börsen ist seit 2016 so stark gestiegen, dass wir Verbraucher heute rund 30 Prozent mehr als noch 2016 bezahlen?

So einfach ist es leider nicht. Um den Strompreis zu verstehen, müssen Sie wissen, wie sich der Strompreis zusammensetzt. Das sind zum einen rund 54 Prozent Steuern, Abgaben und Umlagen wie die EEG-Umlage, die Offshore-Netzumlage oder die StromNEV-Umlage, durch die die Entlastung stromintensiver Unternehmen finanziert wird. Mit knapp 25 Prozent schlagen die Netzentgelte zu Buche. Das sind die Kosten für die Nutzung der Stromnetze. Lediglich 21 Prozent betragen unsere Kosten für den Stromeinkauf an der Börse, den Vertrieb und für unsere Mitarbeiter. Unser Einfluss auf die Strompreisgestaltung ist somit sehr gering.

 

 

Welche der drei Preissäulen ist denn Ihrer Meinung nach verantwortlich für den enormen Preisanstieg?

Das sind zum einen die gestiegenen Netzentgelte. Immer mehr Anlagen, die den Strom aus Erneuerbaren Energien liefern, müssen an das Netz angeschlossen werden. Hier investieren die Netzbetreiber u.a. seit dem angekündigten Atomausstieg massiv.

 

Und was ist mit Steuern und Abgaben? Die EEG-Umlage zum Beispiel sinkt für 2019?

Das ist richtig. Die Umlage für die Förderung von Sonnen-, Biogas- oder Windenergie sinkt derzeit. Dafür steigen aber andere Umlagen drastisch. So verzehnfacht sich beispielweise die Offshore-Haftungsumlage in 2019.

Der Fakt, dass sich der Energiepreis drastisch erhöht hat, ist im Wesentlichen auf (geo-) politische Faktoren zurückzuführen. In erster Linie haben sich die Kosten für fossile Energieträger wie Kohle und Gas in diesem Jahr massiv erhöht. Grund hierfür ist unter anderem der Handel mit CO2-Zertifikaten. Diese Emissionszertifikate wurden eingeführt um den CO2-Ausstoß unattraktiver zu machen. Die gewünschte positive Wirkung zur Erreichung unserer Klimaziele wurde aufgrund der geringen Zertifikatspreise nicht erreicht. Insofern hat die Politik sich nun entschieden, den Markt für die Zertifikate bewusst zu verteuern, um doch noch die gewünschte Lenkungswirkung zu erzielen. Im Vergleich zu 2011 hat sich der Preis für die CO2-Zertifikate an der Börse verdoppelt. Auch diese Preissteigerung bezahlt letztendlich der Verbraucher.

 

 

Steigen die Strompreise noch weiter?

Ausschließen kann ich es leider nicht. Zum einen steigt durch die Sanktionspolitik der USA  gegenüber Russland und dem Nahen Osten – nach wie vor einigen der weltweit wichtigsten Lieferanten von Öl und Erdgas – die Unsicherheit auf dem Energiemarkt. Das hat Auswirkungen auf die Börse und letztendlich auch auf die Preise, die wir unseren Kunden in Haag anbieten können. Diesen Effekt kann jeder nachvollziehen, der beispielsweise die Preise an der Tankstelle vom Beginn dieses Jahrs und aktuell vergleicht. Zum anderen steht politisch noch die Entscheidung über die Stromtrassen aus. Beziehen wir in Bayern zukünftig Windenergie von der Ostsee müssen wir deutschlandweit und somit auch in Bayern diese Investition in die Netzinfrastruktur bezahlen – durch eine weitere Erhöhung der Netzentgelte.

 

Und warum steigt der Strompreis in ländlichen Regionen mehr als in der Großstadt?

Das liegt an der geringeren Bevölkerungsdichte pro qkm und der gleichzeitig höheren Erzeugung durch regenerative Energien. In Netzgebiet der KWH Netz GmbH teilen sich etwa 95 Haushalte die Netzanschlusskosten pro qkm. In städtischen Regionen hingegen liegt die Anschlussdichte bei mehreren Hundert bis über 1000 Haushalten. Dies bedeutet, bei uns teilen sich wesentlich weniger Kunden die Kosten für die gleiche Kabellänge als dies in den Ballungszentren der Fall ist.

 

Lohnt sich denn für Verbraucher heute ein Anbieterwechsel überhaupt noch?

Kurzfristig kann es schon sein, dass ein Haushalt einmal 100 Euro im Jahr spart. Langfristig kann so ein Wechsel teuer werden. Nicht wenige Kunden, die in diesem Jahr aufgrund z.B. der Insolvenz Ihres Anbieters im Voraus bezahlte Abschläge nicht mehr zurückerhalten haben, kommen  mit Ihren Fragen und Sorgen zu uns. Und: Der Teil des Strompreises, den Anbieter heute beeinflussen können, wird immer kleiner. Ein wirklicher Wettbewerb kann hier auf Dauer nicht bestehen.

Der regionale Anbieter, ist also der beste?

Zumindest ist es der, der für den Verbraucher greifbar ist. Bei uns können Sie immer persönlich vorbeikommen, wenn Sie eine Frage oder ein Problem haben. Und neben unserer eigentlichen Dienstleistung tun wir ja auch was für die Region. Wir unterstützen mit unseren Spenden Sportvereine, Schulen und Kulturvereine, zahlen Gewerbesteuer in der Region und sichern unmittelbar und mittelbar Arbeitsplätze. Dafür, finde ich, lohnt sich Strom von Dahoam.

 

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8 Gedanken zu „„Online-Anbieter kauft keine Trikots“

  1. Unbekannter Verfasser

    Die Argumente lassen sich aber für die andere Seite mindestens genauso gut nutzen. Wenn schon der Preis von überregionalen Komponenten maßgeblich bestimmt wird und die einzelnen Elektronen nicht aus der Region stammen, warum dann zum regionalen Anbieter gehen? Das wäre ja so als würde ich eine Bestellung eines mexikanischen Kaffees im Innkaufhaus-Onlineshop der Amazonbestellung vorziehen und dafür 20% mehr zahlen nur damit das Paket in Wasserburg und nicht in den Niederlanden umettikettiert wird. Das Produkt ist das gleiche, der Lieferweg ist das gleiche, warum also mehr dafür bezahlen? Geld soll der verdienen, der etwas „schafft“. Einkaufen und gewinnbringend verkaufen hat damit nichts zu tun.

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    1. Beim örtlichen Stromlieferant bleibt die Wertschöpfung in der Region. Die Chefs verdienen keine Millionen und die Mitarbeiter werden fair behandelt. Fragt mal bei EON. Ganze Abteilungen wurden nach Rumänien verlagert weil dort die Mitarbeiter Billiglöhner sind. Natürlich gehen keine Chefs dorthin mit.Und wieviel € in der Summe macht es denn wirklich aus.In der Regel kann man durch Stromsparen viel mehr rausholen. Kommunale Stadtwerke liefern meist auch noch unser Trinkwasser. Oder lieber unbekannter Verfasser soll dieses auch von den Marktbeherschenden Stromriesen kommen?

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      1. Unbekannter Verfasser

        Beim Trinkwasser gibt’s messbare qualitative Unterschiede und regionale Wertschöpfung, wie Sie das ja schon verstanden haben. Aber ob da ein Ruhrpott-Kohleelektron, ein französisches Atomstrom-Elektron oder ein norddeutsches Windelektron bei mir durch die Leitung schießt, hat mit dem regionalen Anbieter nichts zu tun und hat für mich keinerlei Nachteile gegenüber einem Wasserburger Wasserkraft-Elektron oder Haager Biogaselektron. Mein chinesisches Handy lässt sich mit allen Elektronen wieder aufladen und zwar ohne Nachteile.

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        1. Ich bin ganz froh um die Leute, die glauben, dass bei einem Ökotarif mit freiwilligen Aufschlag keine Elektronen in die Steckdosen gelangen, die aus einem Kohlekraftwerk kommen. Mit deren Aufschlag wird mein alljährlicher Wechselbonus finanziert, wenn ich zum günstigsten Kohlestromanbieter wechsle. Manche lechzen förmlich danach, zur Kasse gebeten zu werden.

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          1. Man sieht, die Berta hat sich ernsthaft damit befasst und das System von hinten bis vorne verstanden! Weiter so!

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          2. Offensichtlich… denn bei mir bleibt der Strompreis stabil.

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      2. Im Grunde muss ich dir Recht geben, was du „Kernzlsepp“ schreibst, dass die Wertschöpfung in der Region bleiben soll. Aber es auch nicht in Ordnung, wenn der örtliche Stromlieferant – in dem Fall die Kraftwerke Haag – von 2018 auf 2019 mit einer 16,6%-igen Preiserhöhung ihre Kunden „abzocken“! Den Brief habe ich kürzlich erhalten und es kommt schon ein dreistelliger Eurobetrag zustande dadurch. Da braucht sich dann niemand wundern, wenn dann doch wieder zum billigeren Stromriesen EON gegangen wird!

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  2. Im Kapitalismus verdient aber nunmal in den seltensten Fällen der, der etwas schafft am meisten, sondern der, der es gewinnbringend verkauft.
    Die Systemfrage muss gestellt werden!

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