„Müssen uns auch mal politisch äußern“

Neu am Theater Wasserburg: „Draußen vor der Tür" - Gespräch mit Regisseur Nik Mayr

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nik2kFünfmal Regisseur, 30 bis 40 Mal selbst auf der Bühne – in fast zehn Jahren Theater Wasserburg ist Nik Mayr zu einem der bekanntesten Gesichter des Hauses an der Salzburger Straße geworden. Es gibt nur wenige Stücke, an denen er in dieser Zeit nicht in irgendeiner Funktion beteiligt gewesen wäre. Und wenn bei einer Probe mal eine Glühbirne implodiert, schraubt Mayr fachmännisch die defekte Fassung raus. Er ist des Theaters eierlegende Wollmilchsau – und das mit großer Freude. Ein Gespräch mit dem Wahl-Münchner über sein jüngstes Projekt: „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert. „Politisch so aktuell, wie’s derzeit überhaupt nur sein kann.“

München-Wasserburg und wieder zurück. Fast täglich, fast zehn Jahre lang – geht einem das nicht auf die Nerven? „Warum denn?“, fragt Nik Mayr. „Andere fahren doch auch jeden Tag von Wasserburg nach München und wieder zurück. Das ist nichts anderes“, sagt er. Und doch fragt man sich: Könnte dieser Mann nicht auch seiner Berufung an einer Münchener Bühne nachkommen?

„Natürlich ist da der Reiz größerer Häuser. Aber ganz ehrlich: Erreichen kann man in der so genannten Provinz viel mehr. In München hat man an jeder Ecke ein Plakat mit einer Provokation, mit etwas scheinbar Außergewöhnlichem hängen. Ohne ordentliche Übertreibung hat man da keine Chance, aufzufallen. Man ist also vom äußeren Rahmen, vom Wettbewerb getrieben.“ Das sei in Wasserburg anders.

„Die, die zu uns ins Theater kommen, sind wegen uns da. Wir haben nicht den Druck, auffallen zu müssen, können uns also ums Wesentliche kümmern.“ Auf München wolle er trotzdem nicht verzichten. „Das ist für den Input wichtig. Genauso umgekehrt aber auch Wasserburg als Impulsgeber. Ich möchte einfach beides nicht missen.“

Warum gerade Borchert, warum gerade jetzt? „Wir müssen uns als Theater auch mal politisch äußern. Nicht permanent, aber gerade jetzt“, sagt Mayr.

„Draußen vor der Tür“ sei ein Stück, das an Aktualität kaum zu überbieten sei. „Es geht um Flucht, um Heimkehr. Der Text ist genial und man bekommt Gänsehaut, wenn man ihn in der Hand hält und dabei das aktuelle Flüchtlingsdrama vor Augen hat.“ Die Idee dazu sei bei der Inszenierung des ersten Stückes von Borchert vor ein paar Monaten entstanden. Nach „Käse“, mit dessen Inszenierung man einen naiven, spaßigen Blick auf die Welt und die Geschichte von 1938 bis 1945 geworfen habe, sei „Draußen vor der Tür“ nur folgerichtig.

„Auch beim zweiten Stück nimmt Borchert die Welt in dieser Zeit mit gewisser Naivität unter die Lupe, aber diesmal mit der Erfahrung und den Eindrücken des Zweiten Weltkrieges und der Nazi-Diktatur. Diese Entwicklung darzustellen, ist spannend.“

Angst davor, mit schwerem Stoff auf wenig Gegenliebe beim Publikum zu stoßen, hat der Regisseur nicht. „Es gibt unendlich viele Faktoren, warum Menschen zu uns ins Theater kommen oder nicht. Manche kommen, weil sie in der Schule mit dem Stoff beschäftigt waren, andere kommen genau aus diesem Grund nicht.“

Man habe sich am Theater Wasserburg unter Leitung von Uwe Bertram auch mal eine Zeit lang darüber Gedanken gemacht, gefälliger zu werden. „Aber alle Gedankenspiele bringen nicht wirklich etwas. Was wichtig ist, ist, dass wir bei unserer Arbeit am Theater selbst Spaß haben, diesen ans Publikum übertragen, das wiederum die Freude am Schauspiel weiterträgt. Dann sind wir erfolgreich.“

Kann sich eigentlich der Regisseur Nik Mayr Letzteren ohne den Schauspieler Nik Mayr vorstellen? „Nein! Umgekehrt ja. Schauspiel ohne Regie, das ginge“, sagt der 33-jährige Magister der Religionswissenschaft. Der Spaß am Spielen, am Erfinden bei den Proben, überwiege doch sehr. Bei der Regie hingegen sei man eher vom Ehrgeiz getrieben, vom Willen, etwas auf seine eigene Art zu erzählen. „Wenn das gelingt, ist das aber natürlich auch sehr schön.“

War „Käse“ noch komplett durchchoreographiert, habe er bei „Draußen vor der Tür“ seine Darsteller diesmal an der ganz langen Leine laufen lassen. „Sie sollten unter einem bestimmten Sujet die Figuren selbst entwickeln. Das war echt spannend, wenn ich mich manchmal auch selbst sehr disziplinieren musste, um nicht einzugreifen.“ Bei „Käse“ sei das ganz anders gewesen: „Da hab‘ ich manchmal jede Armbewegung vorgegeben.“

Ach, „Käse“! Die letzte Inszenierung von Nik Mayr spaltet das Publikum messerscharf und gnadenlos in zwei Lager: „Die einen fanden’s köstlich, die anderen sind in der Pause gegangen“, schmunzelt der Regisseur. Es habe sogar echte Ehekrisen wegen des Stückes gegeben. „Die Frau fand’s toll, der Mann unmöglich. Er ging zur Pause, musste dann aber auf seine Frau warten. Die Krise war perfekt.“ Nik Mayr lacht: „Irgendwie bewirkt Theater also doch was.“

Ein paar technische Daten zu Mayr: Aufgewachsen ist der Mann mit dem Methusalem-Bart und der Konstitution eines Gummiballs im erzkonservativen Altötting. Sein Studium passt dazu. Seine Philosophie und sein Lebensstil eher weniger. Geboren wurde Mayr 1982 in Montpellier an der französischen Mittelmeerküste. „Keine Ahnung, warum gerade dort. Ich kann jedenfalls kein Französisch“, schmunzelt er.

„Nik“ heißt eigentlich Dominik. „So hat mich aber nie jemand genannt. Meine Eltern sagten zu mir Niki. Was wegen des I’s im Namen auch wieder blöd war. Ich wurde ständig verweiblicht. Frau Mayr war an der Tagesordnung. Ich musste das ,I‘  also streichen.“ Was blieb war Nik. Nik Mayr. Der ist übrigens mit Constanze Dürmeier, der Dramaturgin des Theaters Wasserburg, zusammen. Schon ewig. Eine prima Fahrgemeinschaft von München nach Wasserburg. HC

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Nik Mayr (vorne) ist sich für nichts zu schade. Für „Draußen vor der Tür“ werden schon mal heftigst Kloschüsseln gereinigt.

Alles zur Premiere am Freitag und zur neuen Inszenierung:

„Draußen vor der Tür“

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