„Fußgängerampel ist aktive Sterbehilfe“

Derbe Sprüche und ein tolles Singspiel begeistern Publikum beim Haager Starkbierfest

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Da haben sie schon was Einzigartiges geschaffen, die Haager. Mal schnell eine Fastenpredigt zu lokalen Themen zur Starkbierzeit runterlesen, das ist die eine Sache, hintersinnig und schonungslos den Kommunalpolitikern die Leviten zu lesen und obendrein ein Singspiel dieser Qualität auf die Beine zu stellen – das ist eine ganz andere Nummer. Letzteres schaffen die Haager auch im fünften Jahr hintereinander mit Bravour. Die Gäste im Grandl-Stadl waren gestern am Premierenabend allesamt begeistert.

Auch heuer dürfen sich die Besucher auf ein gut zweistündiges, spritziges Programm mit viel Musik und Gesang freuen und natürlich auch aufs süffige Nass vom Unertl aus Haag und der Brauerei Forsting.

 

Mit über einem Dutzend Gesangseinlagen lassen die Haager Starkbierfreunde beim Singspiel keine Langeweile aufkommen. Singen auf einer Laienbühne – das ist manchmal härteste Arbeit für Musikanten und die Darsteller. Das kommt manchmal recht angestrengt daher. Doch da haben die Haager einen Riesenvorteil: Den Haager Viergesang um Hans Urban. Den Sängern merkt man in jeder Sekunde an, dass sie geübte Stimmen haben und ihr Publikum bereits bei unzähligen Auftritten im Haager und Wasserburger Land begeisterten. Und so zauberte gestern so manches Lied beim Singspiel dem Publikum eine leise Gänsehaut des Genusses ins Genick. Besonders mitreißend: Die altbekannte Melodie „Babitschka“, umgedichtet auf Haags Mesnerin Barbara. „Hochzeit singen, Hostien bringen, Glocken klingen – das macht Baaaaarbara!“

 

Und so geht es das ganze Stück. Ob aus der „Biene Maja“ der „Metzger Mair“ wird, oder aus dem von Barbara Glück solistisch vorgetragenem „Ba-Ba- Banküberfall“ der EAV ein speziell haagerischer Überfall wird – das ist musikalisch höchstes Niveau, was da dem Publikum präsentiert wird. Und so wunderte es keinen, dass es für „Lalelu, de Polizei schaut nimma zu. Wenn die bösen Buben kommen, hamm de schon zu“, tosenden Applaus gab. Es ging um die Haager Polizeistation, die um 19 Uhr ihren Dienst einstellt.

 

Apropos Polizeistation: Das ganze Stück dreht sich heuer um diese. Ohne zu viel verraten zu wollen – das Starkbierfest läuft ja noch drei Abende – es wimmelt nur so von grünen Uniformen auf der Bühne, die insgesamt ein echter Augenschmaus ist. Vom antiquierten Computer bis zur Zellentüre mit Eisenstäben – Tom Göschl betreibt mit seinem Bühnenbild für vier Aufführungen einen Aufwand, wie für ein abendfüllendes Stück, das an sechs Wochenende gezeigt wird. Auch nach einer Stunde hat man sich an der liebevoll gestalteten Haager Polizeistation längst nicht sattgesehen. Da zeigt ein Bühnenbauer Sinn fürs Detail.

 

Insgesamt liefern die Akteure der Haager Starkbierfreunde – von Bernd Furch, der sich als Festwirt selber spielt, bis zu Hans Furch, der den schwäbischen Polizeimeister Dagobert Schindler mimt – eine überzeugende schauspielerische Leistung ab. Dabei stechen unter anderem auch Christa Torres als Haager Politesse und Christiane Jahna als „Frau Gmeinwieser“ heraus. Letztere erinnert in ihrem ganzen Auftreten an die berühmte Bally Prell – die Schönheitskönigin von Schneizlreuth. Nicht zu vergessen in weiteren Rollen: Walter Glück, Christiane Urban, Doris Noller, Alex und Hias Bachmaier, Anna und Ewald Wegerer,  sowie Felix Kandler, der den Lausbub Lukas spielte und auch musikalisch zum Gelingen beitrug.

 

Inszenatorisch gibt’s den einen oder anderen kleinen Wackler. Was wohl den nur sechs Proben geschuldet ist. Aber: Es ist ja ein Starkbier-Singspiel und kein Konzert an der Staatsoper. Und so versprühte gestern auch der eine oder andere Hänger bei den Darstellern echten Haager Charme: „Jetzt sog hoid wos!“ „Wos?“ „Du bist dro.“ „I woaß scho. Los mi doch. I woaß genau, wos i song muass“, war einmal leise über die Lautsprecher als nicht geplanter Dialog zu hören und sorgte für Schmunzler.

 

Am Ende gab’s tosenden Applaus für ein Ensemble, das mit Herzblut spielte und sang, für die Texte von Hans Urban und Tom Göschl, die das ganze Publikum und nicht nur die Haager Insider mitnahmen, fürs Bühnenbild, die Technik und vor allem für die Lieder von Hans Urban, brillant vorgetragen von den Sängern und Musikern des Haager Viergesangs und ihren Freunden.  

 

War da noch was? Und ob! Die Fastenpredigt von Florian Haas!

 

 

Der ließ eingangs des rundum gelungenen Abends, zu dem auch das urige, gemütliche Ambiente des Stadls im Hofcafé Grandl maßgeblich beitrug, so manchem Besucher das Blut in den Adern gefrieren. Messerscharf sezierte er die Haager Kommunalpolitik, sparte nicht mit Hieben in Richtung Landkreis und verpasste auch dem Rechtsruck auf Bundesebenen einen Schmiss ins Gesicht. Nach solch einer Ansprache wurde schon mancher Fastenprediger in München am berühmten Nockherberg fristlos entlassen. In Haag darf das Florian Haas, weil er sich selbst nicht so ernst nimmt. Weil er sich selbst durch den berühmten Kakao zieht. „Wissen Sie, ich bin eigentlich ein Einhorn. Gefangen im Körper eines fast 40-jährigen, übergewichtigen Mannes.“

 

Besonders im Visier des Fastenpredigers und seiner Engelschar: Die Vereinigung „Haag aktiv“, die sich nach vermurkster Weihnachtsbeleuchtung und eher dürftigem Jahresprogramm in „Haag inaktiv“ umtaufen sollte, so der Prediger. „Wenn überhaupt, dann gibt’s wieder eine Modenschau. Organisiert von Sax Nummer eins, moderiert von Sax Nummer zwei und veranstaltet von Sax Nummer drei“, nahm er die Haager Familienunternehmungen ins Visier.

 

Natürlich bekamen auch die üblichen Verdächtigen wie Landrat Georg Huber oder SPD-Landtagsabgeordneter Günther Knoblauch – beide unter den Gästen – ihr Fett weg.  Allen voran natürlich Bürgermeisterin Sissi Schätz, die in den ersten Jahren ihrer Regentschaft nicht gerade durch Risikobereitschaft geglänzt habe. „Das Riskanteste, das Schätz eingeführt hat, ist ein neues Logo für die Verwaltung“, so der Prediger.

 

Auch die neue Haager Ortsdurchfahrt nahm Florian Haas auf die berühmte Schippe: „Do homs de Fußgängerampel genau vors Orthopädiehaus Sax gebaut, die wie eine Venusfliegenfalle die Senioren über die Straße lockt. Allerdings ist die Grünphase so kurz, dass es keiner der Senioren mit Null-PS-Rollator rechtzeitig über die Straße schafft. Da kommt dann der Milchlaster. Die Ampel ist quasi aktive Sterbehilfe“, so der Prediger boshaft.

 

Wen Florian Hass für Haag als möglichen Bürgermeisterkandidaten auf dem Zettel hat? Die Besucher beim Starkbierfest werden’s erfahren. Alles soll an dieser Stelle auch nicht verraten werden.

 

Eines jedenfalls ist klar: Haag hat mit dem Starkbierfest eine herausragende, in dieser Form einzigartige kulturelle Veranstaltung im Altlandkreis, die es hoffentlich in solcher Qualität noch viele Jahre geben wird. HC

 

Die weiteren Termine:

Heute, Samstag, 3. März

Freitag,    9. März

Samstag, 10. Marz

 

Einlass ist jeweils ab 18 Uhr, Beginn um 19 mit der Begrüßung, mit Rede und Singspiel geht es ab 20 Uhr los. Rest-Karten können bei Grandls Hofcafe unter 08072/744 reserviert werden.

 

 

Unter den Gästen waren unter anderem ...

… viele Bürgermeister der Nachbargemeinden wie Franz Sanftl aus Albaching, …

 

... Politprominenz wie Bezirksrat Wast Friesinger und Landrat Georg Huber, …

 

… lokale Prominenz wie Ludwig Schletter, …

 

… Altlandkreis-Prominenz wie Peter Schwertberger, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Wasserburg (rechts), …

 

… natürlich auch die Bierbrauer aus Haag, die Familie Unertl, und der Forstinger Bräu, Georg Lettl (links)…

 

 

… sowie Gemeinderäte, Bürgermeisterin Sissi Schätz und Landtagsabgeordneter Günther Knoblauch (rechts).

 

Auch der singende Wirt Matthias Bachmaier gab ein Lied zum besten.

 

Fotos: Johanna Furch

 

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