Wie lange dauert ES?

Gedanken von Leserin Ulrike Rüd-Bschoch aus Pfaffing: Corona und ich

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Sie schreibt, denn nun ist Zeit dazu – in diesen stillen Stunden der Ausgangsbeschränkung. Ulrike Rüd-Bschoch aus Pfaffing hat uns einen Brief geschrieben, Gedanken zu Corona – Gedanken dazu, was die Corona-Zeiten mit einem macht …

Corona oder Korona? Eine Schutzheilige, eine frühchristliche Märtyrerin, gelebt in Syrien oder Ägypten um 160 n.Ch. – sie sei die Patronin des Geldes und Fleisches und der Schatzgräber gewesen, in der Übersetzung „Krone“ – so steht es in Wikipedia. Und eine Krone umgibt auch das neue Virus – merkwürdig doppeldeutig anmutend, wenn das eben auch „Corona“ genannt wird.

Corona, ich nenne es „ES“, ist mächtig, schleicht sich wie ein Untier durch die gesamte Welt, macht vor nichts Halt und vervielfacht sich auf unheimliche Weise, so dass selbst unsere Wissenschaftler neben einer gewissen Faszination in die Knie gehen müssen. Weil Wissen bislang zwar auch Macht bedeutete, nun jedoch „ES“ alles Wissen außer Kraft setzt.

Die Bösartigkeit liegt nicht nur in der schwindelerregenden Verbreitung und die Aggression auf die menschliche Gesundheit, sondern „ES“ bestimmt auch unsere Lebensführung, die gesamte Wirtschaft, Politik, dringt in unsere Psyche, besetzt unsere Gedanken, die sich nicht mehr abschütteln lassen.

Ein Einbruch, ein gedanklicher Wirbel, Unordnung im Kopf. Tägliche Nachrichten strömen unaufhaltsam auf mich ein, Meldungen, seröse und unseriöse Nachrichten, Talkshows, bohrende Fragen an Virologen und vor allem die immer wiederkehrende:

Wie lange dauert ES?

Und die Antworten: Ungewiss.

Was macht Es mit mir?

Es hat dafür gesorgt, dass ich nun tatsächlich ohne Jobs sein muss, ich, die sich auch noch nach dem Berufsleben weiter mit Aktivitäten eine Struktur verschafft hat, am Puls der Zeit teilhaben zu dürfen, immer wieder neugierig war, Neues aufzunehmen, um sowohl im sprachlichen, als auch im Bewegungsbereich engagiert mein Wissen weiterzugeben. Mit Spaß und Freude – was mir auch nach dem Tod meines geliebten Mannes Kraft und Energie gab – Kontakte zu knüpfen ,ein soziales Netz aufzubauen in einer Umgebung, die mir neu war – ein Neubeginn also in einem kleinen Dorf.

„Bitte fahren Sie soziale Kontakte auf ein Minimum zurück“!

Ein Einbruch.

Selbstverständlich ist das zu akzeptieren, denn es geht ja auch, so sagt man es mir auch im Lebensmittelladen vor Ort, um den Schutz der älteren Menschen – und mit einem entschuldigenden Blick auf mich, natürlich die mit Vorerkrankungen – und ‘Bleiben Sie gesund!’

Ja, ich gehöre schon auch zur Risikogruppe, obwohl ich mich ja eigentlich gar nicht dazugehörig fühle …

Was macht ES nun mit mir?

Zum Glück hat ES sich noch nicht in den Körper geschlichen, aber ES beeinflusst den Geist.

Und das Verhalten. Ich beobachte Veränderungen an mir:

Ich suche mehr als sonst Kontakt, spreche mehrmals täglich mit meiner lieben Tochter ,mit Freundinnen, (sonst vergeht da schon mal eine Woche oder zwei) möchte auch nicht allein spazieren gehen – und dabei bin ich jahrelang allein spazieren gegangen und habe meinen Mann zuhause gelassen. Ist es so, dass die Beschränkung und drohende Gefahr den Lebenswillen besonders anstachelt? Und dass das Bedürfnis nach Nähe größer wird?

Ich stehe vor den üppig aufgehäuften Gemüsesorten im Lebensmittelladen und überlege, aus welchen Zutaten ich mir ein gutes Essen machen kann. Ich habe mich doch früher nie so sehr um ausgewogene Kost bemüht? Und außerdem fällt mir auf, welch riesiges Angebot es in der Zeit der „Beschränkung“ auch noch gibt. Oder ist es eigentlich nur der Anfang von wirklichen Einschränkungen, die auf uns zurollen? Schleicht sich da auch Zukunftsangst ein?

Und die Menschen sind freundlich – trotz großen Abstands !

Die Augen zeigen aber auch: Bleib nur schön weit weg! Ein Interesse am anderen? Nein, das Interesse des „Abstands“ scheint das Interesse am anderen zu ersetzen.

Wir gewöhnen uns daran, Abstand zu halten, solidarisch handeln mit Abstand.

Nur für eine kurze Zeit, beruhigen wir uns. Aber wir müssen achtsam sein, dass das Abstand-Halten nicht auf lange Sicht zur Gewohnheit wird, denn es wird auch eine Zeit nach Corona geben.

Solidarität ja, aber immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass Liebe zu Menschen auch Kontakt bedeutet.

Und diese Erkenntnis hat plötzlich in mir etwas bewegt, etwas Anderes, nichts Drängendes, nichts Beunruhigendes, sondern etwas Beruhigendes in diesem Durcheinander.

Und das war so:

Trotz des kalten Windes habe ich mich entschieden rauszugehen und  a l l e i n spazieren zu gehen. Ich habe mich treiben lassen am Rand des Feldes, durch das Unterholz in einem Waldstück, durch sumpfiges Moos und nach einer guten Stunde haben mich meine Schritte zu einem Sonnenplätzchen am Waldrand geführt.

Ich habe mich niedergelassen und das Gesicht der Sonne entgegengereckt.

Warm.

Ich habe mich vom Stillen QiGong durch meinen Körper führen lassen, die Sonne auf meinem Gesicht, ich fühlte mich gestreichelt – und nach einer guten Weile habe ich die Augen geöffnet und wurde mir der Schönheit der sanft hügeligen Landschaft bewusst, fühlte mich geborgen im Bewusstsein ,neben meiner kleinen Familie auch hier in diesem Dorf schon ein beginnendes Vertrautheitsgefühl zu haben und dass hier auch schon eine liebevolle Freundschaft entsteht.

Das ist schön.

Ulrike Rüd-Bschoch

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3 Kommentare zu “Wie lange dauert ES?

  1. So ruhig ist es bei uns nicht, wir sind vollauf beschäftigt, die Leute mit den lebensnotwendigen Utensilien zu versorgen und die Supermärkte aufzufüllen.

    Mit dem vollen Risiko, sich nicht zu infizieren, der nötigen Vorsicht und einer drohenden Unsicherheit.

    Die Medizin trägt das seine noch dazu bei, dass nicht einmal Risikopatienten getestet werden können, weil man keine Tests hat oder nicht genügend Auswertmöglichkeiten.

    Diese Aussage wird in den vielen Fernsehsendungen verschwiegen.

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    1. Lieber Nikolaus,
      in meinen Gedanken geht es in erster Linie darum, was so ein Einbruch bewirkt, der Leben durcheinander wirbelt.
      Dass Menschen wie Du, die auf der Seite der Helfer stehen, augenblicklich nur funktionieren müssen, damit es uns “Ausgeschlossenen” augenblicklich an nichts fehlt, ist ein ganz anderer Aspekt.
      Ja, der Kontrast eben zur Stille.

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  2. Ein sehr schön geschriebener Brief. Jeder hat mit seiner eigenen Situation zu kämpfen, in der er gerade im Leben steht. Ausgesucht hat es sich niemand. Damit fertig werden müssen wir alle.

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