WFV: „Keine Zeit für Experimente”

Der Verkehr in der Altstadt – er ist heute, Samstag, wieder einmal Thema einer Klausurtagung des Wasserburger Stadtrates, die hinter verschlossenen Türen stattfindet. Im Vorfeld der Beratungen hatte der Wirtschafts-Förderungs-Verband ein Schreiben an alle Stadträte und Bürgermeister verschickt, in dem vor „riskanten Experimenten” in Sachen Verkehr gewarnt wird.

In dem Schreiben des WFV, das von der gesamten Vorstandschaft unterzeichnet wurde, heißt es: „Auch wenn viele unserer Mitglieder jetzt im Sommer noch gute Umsätze machen konnten, bleibt das Jahr geprägt von den Einbußen des Lockdowns und der Hygienebeschränkungen. Kaum einer, der nicht Federn lassen musste. Viele, die das Fortbestehen ihres Betriebs mit privaten Mitteln absichern, was oft für die Betroffenen erst einmal eine ungewisse Altersvorsorge bedeutet.”

Und weiter: „Dazu kommt, dass auch in den nächsten Monaten bewährte Frequenzsteigerer wie Marktsonntage, der Christkindlmarkt, musikalische Samstage und auch das Frühlingsfest unsicher sind oder vielleicht nur in light-Versionen stattfinden können. Befeuert hat die Corona-Krise schließlich auch den ohnehin wachsenden Wettbewerb für stationären Handel und Dienstleistungen durch Online-Angebote. Der außerordentlich hohe Leerstand in der Altstadt zeugt davon.”

 

Einzelhandel, Dienstleister und Gastronomie in der Wasserburger Altstadt stünden unter Stress, so der WFV. Und es wachse die Gefahr, „dass wir uns einem Kipppunkt nähern”. Die schönen kleinen und individuellen Geschäfte in Wasserburg würden von Gästen immer wieder als ausschlaggebendes Merkmal für die ganz besondere Atmosphäre der Stadt genannt. „Wenn hierfür die kritische Masse verloren geht, ist auch das Flair schnell verflogen.”

 

„Wirtschaftszukunftsklausur wäre wichtiger gewesen”

Und dem WFV geht es offenbar nicht bloß um „Flair“. „Dahinter verbergen sich Nahversorgung, Arbeitsplätze, Steuern und nicht zuletzt Lebenswert. Zahlreiche Gründe also, sich in Stadt und Stadtrat Gedanken um Wirtschaftsförderung zu machen. Wir hätten tatsächlich eine Wirtschaftszukunftsklausur für wichtiger als eine Verkehrsklausur erachtet.”

 

Davon unbenommen sei das Thema Verkehr für die Betriebe in der Altstadt natürlich von Bedeutung. Erreichbarkeit sei die unumgängliche Grundlage aller stationären Angebote. Im Schreibend es WFV heißt es weiter: „Ohne Erreichbarkeit verpuffen alle anderen Bemühungen um Attraktivität, Qualität und Vielfalt. Weitere Verkehrsberuhigungen etwa im Altstadtkern mögen vielleicht das Einkaufserlebnis ein Stückchen steigern, davon wird aber niemand profitieren, weil in Klein- und Mittelstädten die Kundenakzeptanz für die Angebote auch direkt von der Anfahrbarkeit mit dem Pkw abhängt – zumindest bei einem städtischen Selbstverständnis als Nahversorger und nicht nur als touristisches Disneyland. Wir haben schon mehrfach auf entsprechende Studien zum Beispiel vom Bayerischen Wirtschaftsministerium oder dem Bayerischen Handelsverband hingewiesen.”

 

Nachdem von der Stadt beauftragte Verkehrsplaner bereits jetzt im Altstadtkern die Beschaulichkeit von „sehr ruhigen Wohnwegen wie Sackgassen oder Stichstraßen“ attestieren, stelle sich sogar die Frage, ob mit Verkehrsmaßnahmen überhaupt noch merklich atmosphärische Verbesserungen bewirkt werden könnten. „Alle Experimente mit der Erreichbarkeit der Altstadt und der Beschränkung von Parkraum für Fahrzeuge aller Art bergen daher erhebliche Risiken, Kunden und damit Kaufkraft zu verlieren. Solche Experimente sind Operationen am offenen Herzen der Wasserburger Betriebe”, so der WFV in seinem Schreiben an die Stadträte. Daran ändere sich auch nichts, wenn Klimaschutz-Argumente in den Vordergrund gestellt würden.

„Wenn der bereits marginale Kundenverkehr in der Wasserburger Altstadt wegfällt, heißt das nicht, dass er nicht andernorts anfällt – wegen längerer Anfahrten vielleicht sogar umweltschädlicher. Gute Nahversorgung und dessen Erreichbarkeit mit kurzen Wegen ist definitiv Klimaschutz. Auch gilt es den generellen Wandel des Verkehrs im Auge zu behalten: Wenn wir den motorisierten Verkehr einmal aus der Stadt verbannt haben, holen wir ihn auch nicht so leicht zurück, wenn er nur noch aus Ökostrom-betriebenen E-Autos besteht.”

Der WFV abschließend: „Die nachhaltige Sicherung der Vielfalt von Einzelhandel, Dienstleistern und Gastronomie in Wasserburg ist unser gemeinsames Anliegen. Wir sind froh, wenn Sie sich als Stadträte und Bürgermeister dafür einsetzen, aber bitte machen Sie dabei keine riskanten Experimente.”