„Wenn ich gehe, riecht’s nach Schwimmbad”

Yvonne Neuner (43) vom Wasserburger Ge-Service hat einen ganz besonderen Beruf

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Sie lächelt breit übers ganze Gesicht, wenn sie über ihren Beruf spricht, und strahlt eine ungeheure Gelassenheit aus. Dabei hat sie es fast täglich mit schlimmen Schicksalen, mit tiefsten menschlichen Abgründen zu tun. Yvonne Neuner (43) vom Ge-Service Wasserburg ist die einzige Tatort- und Leichenfundort-Reinigerin zwischen München und Salzburg. Bei ihrem schwierigen Job hilft ihr ein Umstand, der sich nach der Behandlung einer schweren Krankheit bei ihr eingestellt hat: Yvonne ging jeglicher Geruchs- und Geschmackssinn verloren.

„Das macht aber nichts, mein Hund riecht für mich.” „Motte”, so heißt der Vierbeiner, ist speziell darauf trainiert, festzustellen, „ob ich meinen Job gut gemacht habe. Wenn ich gehe, sollte es intensiv nach Schwimmbad riechen.”

Bis sich dieser Umstand aber einstellt, ist es meist ein weiter Weg. „Verwesungsgeruch, das was aus einem Menschen wird, wenn man sich nach seinem Tod um den Leichnam nicht kümmert, das ist von großer Hartnäckigkeit und von langer Dauer.” Manchmal sei es erforderlich, dass nach einem Leichenfund Fenster, Türen, Möbel, Böden bis unter den Estrich erneuert werden müssen. „Das kommt darauf an, wie lange die Leiche gelegen ist. Wenn ein Mensch stirbt, beginnt von der ersten Sekunde an der Zerfall des Körpers. Nach spätestens einer Woche hilft dann kein einfacher Putzlappen mehr.”

Ihr schlimmster Fall: „In Steinhöring lag ein Toter mal vier Wochen im Hochsommer bei laufender Heizung in seiner Wohnung, ohne dass sich jemand darum gekümmert hat. Das war brutal. Da hab’ ich den einzigen Kollegen verloren, der mir zu dieser Zeit zur Seite gestanden ist. Es war einfach zu viel für ihn.”

Drei Jahre hat Yvonne Neuner mittlerweile Berufserfahrung – hat „alles erlebt, was man in diesem Beruf erleben kann.” Dabei sind es nicht die Gerüche, die Bilder, die sich in ihren Kopf einbrennen, es sind die Schicksale.

„Immer mehr Menschen vereinsamen im Alter. Niemand kümmert sich mehr um den Nachbarn.” Ganz im Gegenteil: „Es ist unglaublich, aber wenn es aus einer Wohnung in einem Mietshaus mal stark herausriecht und der Nachbar schon vier Wochen nicht mehr gesehen wurde, wird nicht etwa die Polizei informiert, sondern lieber die Türe luftdicht von außen abgeklebt. Soweit sind wir heute schon. Der Mensch kümmert sich einfach nicht mehr um den anderen.”

Das treffe sogar innerhalb von Familien zu. „Manchmal komme ich in Wohnungen, in denen sich jemand mit Alkohol zu Tode getrunken hat. An den Wänden hängen Familienfotos, Bilder von Freunden und Bekannten. Und kein Mensch kümmerte sich um den Toten. Es ist kaum zu glauben.” Das brenne sich dann schon in ihre Seele ein, so Yvonne Neuner, die dann auch mal bei aller Lässigkeit nachdenklich wird.

 

Für ihren Job, den sie als Leiterin des Reinigungs-Teams vom Ge-Service ausübt, hat sie eine spezielle Ausbildung in Berlin durchlaufen und eine Prüfung absolviert. Die braucht man schon alleine, um mit den zahlreichen Reinigungsmitteln sicher und nach den Vorschriften des Infektionsschutzgesetzes hantieren zu können. „Mein Equipment und meinen Hund transportiere ich in meinem Auto, das rund um Wasserburg und in Rosenheim schon manchmal für Aufsehen sorgt.” In großen Lettern steht auf der Heckscheibe: Tatortreiniger (Foto ganz oben). „Viele meinen, das hat was mit der Fernsehserie zu tun, dass ich ein Fan davon bin. Ganz und gar nicht. Das ist zwar eine lustige Serie, mit meinem Beruf hat das aber sehr wenig zu tun.”

Und was sagen ihr Freundeskreis, ihre Familie zu ihrem Beruf? „Für die meisten ist das schon ein bisschen gewöhnungsbedürftig, dass ich an einem Tatort eine Leberkäs-Semmel essen kann, während ich festgetrocknetes Blut auf dem Fußboden wieder auflöse. Die meisten glauben erst mal, ich mach nur Spaß. Dann sind aber doch alle immer irgendwie neugierig.” Ein guter Gradmesser dafür, wie ihr Job akzeptiert werde, sei ihr 21-jähriger Sohn: „Früher war ich die peinliche Mama, heute bin ich die coole.”

HC

 

 

 

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